Gedanken zum Evangelium: 7. Sonntag im Jahreskreis
Nicht schon wieder!


Matthäus 5, 38-48

Ich gebe zu, der Text ist kein bequemer, angenehmer Text für mich. Er fordert mich in mehrerer Hinsicht heraus: Da ist zum einen natürlich die Herausforderung, eine Form der Vollkommenheit zu erlangen, der ich mich nicht gewachsen fühle. Meine „Feinde“ zu lieben und die andere Wange hinzuhalten, das fällt mir nicht leicht. Vor allem, wenn mir etwas wirklich Schlimmes angetan wurde.

Mir wird auch ein wenig mulmig bei diesem Evangelium, gerade angesichts der großen Missbrauchsdiskussion der letzten Jahre. Ist es wirklich immer die richtige Entscheidung den Tätern keinen Widerstand zu leisten? Wie ist es dann mit Bonhoeffers Aufruf, dem „Rad in die Speichen“ zu fallen?

Doch die größte und ganz anders geartete Herausforderung liegt für mich als Alttestamentlerin in der herkömmlichen Auslegung dieses Textes. Sie speist sich aus der Gegenüberstellung von „früher“ und „jetzt“. Früher, also im Alten Testament, so sagt diese Auslegung, gab es nur „Auge um Auge“ – und meist schwingt dabei mit: „Auge um Auge“ sei die rachsüchtige, brutale Sichtweise des alttestamentlichen (jüdischen??) Volkes, während wir Christen friedfertig und barmherzig seien.

Diese Auslegung ist so unzutreffend wie beständig. Und ich leide darunter. In jeder Erwachsenenbildung, in der Pfarre, in gesellschaftlichen Zusammenkünften jeglicher Art begegne ich diesem Stereotyp und versuche dagegen zu argumentieren. Meist gelingt mir das auch, aber beim nächsten Kurs und beim nächsten Gespräch beginnt alles wieder von vorn.

Dass „Auge um Auge“ nicht Rache bedeutet, sondern einen angemessenen (finanziellen!) Schadenersatz für eine Untat, will sich offenbar nicht vermitteln lassen. Dabei dient das Prinzip dazu, dass sich einerseits die Mächtigen nicht von einer Wiedergutmachung dispensieren können („Auge um Hosenknopf“) und andererseits, damit es genau nicht zu einer unverhältnismäßigen Eskalierung der Gewalt kommt („Auge um ganzer Mensch“). Ein Dieb muss anders bestraft werden als ein Massenmörder, unabhängig von seiner Position und Macht. Darum geht es.

Doch offensichtlich lässt sich der Satz zu gut als Slogan nützen, um die „Vor“- oder „Nichtchristen“ ins böse Brutal-Eck zu stellen und das ganze Alte Testament als grausam zu verunglimpfen.
Doch wenn Jesus zur Überbietung dieses Prinzips aufruft, dann nicht, weil das Prinzip brutal oder ungerecht wäre. Sondern weil er zu einem „noch mehr“ aufrüttelt. Für mich heißt das: Nicht ausruhen auf der eigenen „Rechtschaffenheit“, weiter gehen bis zur Grenze des Machbaren, auf ein Ziel zu, dass wir hier auf Erden nie ganz erreichen werden.

Ich bin froh, dass Jesus uns den Idealfall zeigt. Und dass es eine Gesetzesordnung gibt, die bis zum Eintreten des Idealfalls für Gerechtigkeit sorgt.

Autor:

Elisabeth Birnbaum aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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