Gedanken zum Evangelium: 22. Sonntag im Jahreskreis
Lebendig

Es gibt im Leben nicht nur Sonnenschein ...

Matthäus 16, 21–27

Ein wichtiger Teil der Frohen Botschaft der Bibel besteht für mich darin, dass die dunklen Seiten des Lebens auch vorkommen dürfen. Ja noch mehr, dass sie uns nicht nur Angst machen und einengen, sondern dass sich mitunter neue Perspektiven öffnen können.

Das Evangelium ist tatsächlich eine harte Nuss. Ich glaube, wenn jemand ganz unbefangen in die Kirche kommt und die Worte hört „verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“, dann wäre das eine ziemlich normale Reaktion in der Kirchentüre umzukehren und das Weite zu suchen. Weil es so „typisch katholisch“ im negativen Sinn wirkt: wo anscheinend das Leiden und das schlechte Gewissen immer super sind.

Mich tröstet es auf jeden Fall schon einmal sehr, dass sich der Petrus mit Jesus so schwer tut. Und er hat ja auch recht. Leiden um des Leidens willen ist ziemlich nutzlos. Ich habe mich lange mit dieser Bibelstelle geplagt und mittlerweile hat sie für mich einen ganz neuen Geschmack bekommen. „Sich selbst verleugnen“ – das heißt nicht, die eigene Lebensfreude, die eigenen Gefühle und Empfindungen verleugnen. Sich selbst verleugnen – ich glaube das meint diese innere Neigung, wo ich mich selbst zum Mittel­punkt der Welt mache und mir die nüchterne Selbsteinschätzung, der staunende Blick über die Fähigkeiten der Anderen abhanden kommen.

Sich selbst verleugnen ist wie zeitig in der Früh fast im Halbschlaf aufzustehen, sich zum Kaffee durchzukämpfen und sich auf den Weg auf einen Berggipfel zu machen. Das kann auch anstrengend sein – aber wenn dann oben der weite Blick in die Landschaft schweift, dann ist es vor allen Dingen unglaublich schön. Bei der Selbstverleugnung geht es um die größere Weite, die nicht an der eigenen Kleinkrämerei kleben bleibt.

Und das Kreuz tragen, das ist der entscheidende Bezugspunkt. Jesus sagt nicht: streut euch Kieselsteine in die Schuhe und legt euch Steine in den Rucksack, sondern er lädt uns ein, unsere Müdigkeit und Schwere, unsere Gebrochenheit und Angst, unsere Enge und unsere Sorgen in die Beziehung mit ihm hineinzunehmen. Kreuz tragen heißt, dass die mühsamen Seiten des Leben in der Beziehung mit Jesus auch und erst recht ihren Platz haben, dass ich nicht alles gelöst haben muss, bevor ich zu glauben beginne, sondern dass ich mit all meinen Problemen und Sorgen und Herausforderungen in der Weggemeinschaft mit Jesus meinen Weg des Glaubens gehen darf.
So gelesen ist der heutige Evangelientext für mich wirklich Frohbotschaft und sehr realistisch und nüchtern, aber eben auch sehr hoffnungsvoll. Jesus geht seinen Weg nach Jerusalem, weil er sich, seinem Gott, seiner Sendung treu bleibt – all das verleugnet er gerade nicht. Dieses treue Bleiben beschert Jesus eine innere Freiheit und Ruhe, sie bringt ihn auch in ziemliche Turbulenzen. Aber eben: so zeigen mir die Evangelien einen Jesus, der durch und durch lebendig und klar und leidenschaftlich sein Leben lebt, es gestaltet, sich nicht unterkriegen lässt und der so Leben ermöglicht – mir, uns, allen die es wollen.

Evangeliumskommentar als PDF
Autor:

Markus Beranek aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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