Gedanken zum Evangelium: 13. Sonntag im Jahreskreis
Die Kraft der Berührung

Jesus ist kein herkömmlicher Arzt. Aber von ihm geht jene Kraft aus, ohne die keine ärztliche Hilfe wirksam wäre.
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Die Geschichten von zwei Frauen regen mich dazu an, mich in sie hineinzuversetzen. Die eine ist ein junges Mädchen, das im Sterben liegt, die andere ist eine reife, aber schwerkranke Frau. Sie kommen mit Jesus in Berührung. Das erweckt beide zu neuem Leben.

Ich war nur einmal am Donauinselfest. Große Menschenmengen muss ich nicht haben. Als ich mit Anfang Dreißig durch Indien reiste, blieb mir nichts übrig, als mich mit dem Gedränge abzufinden. Ich befand mich in Bussen und Zügen, Haut an Haut mit fremden Personen. Ich erinnere mich an zwei junge Frauen irgendwo in Südindien, sie hatten Jasminblüten in ihrem glänzend schwarzen Haar und warteten mit uns an einer Bushaltestelle. Eine nahm meinen Arm und strich mit ihrer dunklen Hand über meine helle Haut – staunend wie ein Kind. Ich wehrte mich nicht.

Berührungen sind, spätestens seit „Corona“, ein Tabubruch. Das finde ich schon richtig, aber Tabubrüche sind manchmal notwendig. Das führt mir die Frau aus dem Markusevangelium vor Augen. Sie leidet seit zwölf Jahren an Blutfluss, kein Arzt kann ihr helfen, und man muss annehmen, dass die Menschen ihre Nähe meiden. Sie sieht das große Gedränge um Jesus. Er hat es eilig, denn er wurde gerufen, ein Mädchen zu heilen, das im Sterben liegt. Die kranke Frau drängt sich von hinten an Jesus heran, greift nach seinem Gewand und spürt die heilende Kraft. Der Blutfluss hört auf. Jesus hat die Berührung bemerkt, die Frau beginnt zu zittern, aber Jesus sagt: „Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet.“

Jesus ist kein herkömmlicher Arzt. Aber von ihm geht jene Kraft aus, ohne die keine ärztliche Hilfe wirksam wäre. Als Frau – womöglich im selben Alter wie die Frau im Evangelium – frage ich mich, ob ich auch den Mut hätte, nach dem Gewand Jesu zu greifen?

Und was ist mit dem sterbenskranken Mädchen? Die Leute sagen, es sei mittlerweile tot. Jetzt muss alles schnell gehen: „Fürchte dich nicht, glaube nur!“, sagt Jesus zu dem Vater des Mädchens. Er wirft die hysterisch schreienden und weinenden Leute aus dem Haus. Er betritt das Zimmer des Kindes, fasst es an der Hand und sagt auf Aramäisch: Mädchen, steh auf! Und das Mädchen steht auf.

Erst im Nachhinein erfährt man, dass das Mädchen zwölf Jahre alt ist, gestorben an der Schwelle zum Frausein. Jesus hat sie berührt – auch ein Tabubruch – und zum Leben erweckt.

Da erinnere ich mich an meine ersten Begegnungen mit Jesus, an die Geschichten, die meine Lehrerin erzählte, und an die Lieder im Schulgottesdienst. Jesus hat mich berührt. Ich lebe immer noch aus dieser Kraft.

Evangeliumskommentar als PDF
Autor:

Stefanie Jeller aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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