Gedanken zur Fastenzeit von Pater Martin Werlen OSB - Teil 3
Ungerecht behandelt werden

Der Mensch, der sich in aller Ungerechtigkeit auf sich zurückzieht.
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  • Der Mensch, der sich in aller Ungerechtigkeit auf sich zurückzieht.
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Je mehr wir das eigene Elend und das Elend dieser Welt vor Gott zur Sprache bringen, umso mehr werden wir auch Ungerechtigkeiten in der Kirche und in der Gesellschaft zur Sprache bringen. Oft nehmen wir Ungerechtigkeiten nicht wahr. Oder wir schweigen darüber, weil das Aufstehen dagegen uns selbst in Schwierigkeiten bringen könnte.

Wer ungerecht behandelt wird, wird in der eigenen Würde nicht respektiert. Der Einsatz für ungerecht Behandelte ist zutiefst im Glauben verankert. Glaubende sind immer wieder in der Versuchung, Äußerlichkeiten zu pflegen und den Glauben nicht mehr aus tiefstem Herzen zu leben. Gerade in dieser Gefahr will uns das Wort Gottes aufrütteln – auch heute.

Die Worte Jesajas.

Wie aktuell sind zum Beispiel die Worte beim Propheten Jesaja: „Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum haben wir uns gedemütigt und du weißt es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und alle eure Arbeiter treibt ihr an. Seht, ihr fastet und es gibt Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche, ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt: wenn man den Kopf hängen lässt wie eine Binse, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem HERRN gefällt?
Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen?
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des HERRN folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der HERR dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag.“ (Jes 58,3–10) Das ist herausforderndes Programm auch in unserer Zeit – fern vom Zeitgeist.

In der Kirche.

Es gibt auch in der Kirche Ungerechtigkeiten, über die wir lange geschwiegen haben. Solange Menschen gelehrt wurden, ihr Elend vor Gott nicht auszuschreien, konnten sie auch gelehrt werden, dass man nichts Schlechtes über kirchliche Amtsträger sagen dürfe. Das war verheerend, wie wir heute wissen. Menschen, die von Priestern und Ordensleuten missbraucht wurden, waren zum Schweigen verurteilt. Ihnen blieb oft nichts anderes übrig, als sich tief verletzt und gedemütigt zu verabschieden. Wie viele Menschen wurden ungerecht behandelt! Ihr Leid schreit auch heute noch zum Himmel. Menschen, die sich in ihrer großen Not an Seelsorgende wandten, bekamen oft nur zu hören, dass man da nichts machen kann. Wir haben ein Gesetz … Wenn Menschen in großer Not schon von Vornherein wissen, was sie von Seiten der Kirche zu hören bekommen, klopfen sie dort gar nicht an die Türe.

„Fromme Verachtung“.

Erlebten und erleben viele Menschen nicht gerade so, in der Kirche ungerecht behandelt zu werden? Denken wir an diejenigen, deren Beziehungen zerbrochen sind. Haben wir vergessen, dass sie zu den Lieblingen Gottes gehören? Wie ist es möglich, dass wir ihnen nichts anderes zu sagen haben als Verurteilung? Ungerecht behandelt werden auch die Frauen, über die Männer in der Kirche einfach verfügen – so, als ob es zwei Taufen gäbe, die für Männer und die für Frauen. Oft ist hinter „frommen“ Argumenten Verachtung versteckt.
Wie viele homosexuelle Menschen mussten und müssen ihre geschlechtliche Neigung verstecken, damit sie ihre Berufung in der Kirche nicht aufgeben müssen oder in ihrer Gemeinde oder Familie respektiert werden. Wie oft wurden prophetische Stimmen, die Ungerechtigkeiten in der Kirche ­anprangerten, zum Schweigen verurteilt! Einige unter ihnen hat Papst Franziskus – Gott sei Dank – wieder rehabilitiert.
Menschen aus anderen Kulturen, die bei uns Aufnahme suchen, werden ungerecht behandelt, wenn sie als Probleme betrachtet und behandelt werden. Sie sind nicht ­weniger Mensch als wir alle. Und sie sind genauso wie wir nur Gast auf Erden. Denken wir an die Menschen ohne Papiere, die also illegal bei uns leben! Niemand von ihnen lebt freiwillig so in unserer Mitte. Sie sehnen sich nach einer menschenwürdigen Situation. Wo Menschen ungerecht behandelt werden, dürfen wir nicht achtlos vorübergehen. Das geht uns alle an. Da müssen wir unsere Stimme erheben, damit allen ein Licht aufgeht.

Verantwortung.

In einer Demokratie haben wir besondere Verantwortung. Wählen wir Politiker oder Politikerinnen, die fähig sind, wohlwollend über den Tellerrand des Heimatlandes hinauszuschauen! Das Ja zum Menschen überhaupt ist immer auch ein Ja zu uns selbst. Mit Abschottung und Grenzzäunen verarmen nicht nur die andern, sondern auch wir selbst. Das ist ein Weg in die Enge. Kurzsichtigkeit trägt langfristig zum Elend in der ganzen Welt bei. Weitsichtigkeit öffnet uns die Augen für die anderen und für unsere eigene Verantwortung und schenkt allen mehr Lebensqualität.
Das legt uns unser Glaube Tag für Tag ans Herz: Jeder Mensch ist ein Geschenk Gottes – unabhängig von Religion, Geschlecht, Kultur, Hautfarbe, sexueller Identität. Die ungerecht Behandelten sind die Lieblinge Gottes. An ihnen dürfen wir als Glaubende nicht achtlos oder verachtend vorübergehen.

Nächste Woche: „Nichts mehr verstehen“

Autor:

Der SONNTAG Redaktion aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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