Genussvoll glauben - Teil 1
Spitzen wir die Ohren

Am Wiener Flughafen erinnert ein Schild in der Abflughalle an die Andachtskapelle. | Foto: HERBERT NEUBAUER/APA/picturedesk.com
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Es ist Fasching. Eine Zeit der Ausgelassenheit und des Feierns. Doch wie weit verträgt sich das mit unserem Glauben? Neugierig begebe ich mich in den nächsten Wochen auf eine Entdeckungsreise – mit allen Sinnen. Mein Motto: Dem Glauben genussvoll folgen. Heute: mit meinen Ohren.

Kaum jemandem muss ich erzählen, wie es auf einem Flughafen zugeht. Ein Durcheinander von Stimmen, Lautsprecherdurchsagen und anderen eher nervenaufreibenden Geräuschen. Etwas versteckt findet sich da jedoch immer ein Schild mit der Aufschrift „Kapelle“. Und was finde ich, wenn ich ihm folge? Eine Oase der Ruhe. Denn: Für das Gebet brauchen Menschen Ruhe. Aber passt demnach „laut sein“ gar nicht zu unserem Glauben an sich?

Auf Harmonie, Zusammenklang und Stimmigkeit kommt es an

Das habe ich auch Pater Karl Wallner gefragt, missio-Nationaldirektor, ehemaliger Rektor der Hochschule Heiligenkreuz und treibende Kraft für den Erfolg der Choral-CD „Chant“. „Leise und laut sind keine Kategorien für akustisches Glücksempfinden. Harmonie, Zusammenklang und Stimmigkeit sind das Primäre. Und die Schönheit, ursprünglichste aller Transzendentalien. Unbegründbar, intuitiv. Als junger Mönch verbrachte ich einmal Silvester auf dem Kirchturm in Heiligenkreuz. Neben jenen Kirchenglocken ist es wirklich laut und nichtsdestotrotz verspürte ich ein starkes Glücksgefühl!“ Nebenbei bemerkt: Auch die Orgel, zu finden in jeder x-beliebigen Dorfkirche, zählt nicht gerade zu den leisesten unter den Instrumenten. Es geht also beides. Besinnlichkeit und Meditation sowie Trommelwirbel und Lachen. Und davon jedes zu seiner Zeit, so wie es schon Kohelet beschrieben hat. (Koh 3,1).

Eine Zeit für den Genuss hat er zwar damals nicht erwähnt. Obwohl der jetzt im Fasching groß geschrieben wird. Noch größer, als es die Medien das ganze restliche Jahr ohnehin tun. Was bedeutet aber Genuss aufs Hören gemünzt? Für Pater Karl so manche Antiphon, die mit einem bestimmten liturgischen Ritual verbunden ist und die, aufgrund des Jahresrhythmus im gregorianischen Choral, nur selten erklingt. „Auch nach 36 Jahren im Kloster bedeutet es für mich Erbauung und Erhebung, wenn bei schöner Liturgie die Schola singt. Auch wenn ich ‚Genuss‘ ehrlich gesagt eher kulinarisch verorte.“

Kinderlachen, Vogelgezwitscher oder der Klang einer fremden Sprache

Einmal ganz abgesehen von der Musik: Gibt es Dinge im Alltag, die durchs Hören erfreuen können? Mich persönlich kann das Lachen meiner Tochter entzücken. Oder das Vogelgezwitscher, das in diesen Wochen stetig zunehmen wird. Oder der Klang einer fremden Sprache, die mir von fernen Ländern erzählt. Ich glaube nämlich (und meine Erfahrung als Musikerin bestätigt mich darin), dass nicht nur unsere Augen Tore zur Seele sind, sondern dass auch das, was über die Ohren zu uns und in uns dringt, uns im Herzen und in der Seele treffen kann. Pater Karl denkt an den heiligen Benedikt, der seine Rede mit ‚obsculta‘ anfängt. „Ich verstehe das so: Setz dich in einen abgedunkelten Raum und lausche. Wenn ich andere Sinne reduziere, kann ich richtig hören. Das erfordert Konzentration, die etwas Stärkendes beinhaltet.“ Wenn ich so lausche, schenke ich meinen Ohren einmal richtig Gehör. Im wahrsten Sinne. Diesen Ohren, die sowieso meistens sehr gefordert und oftmals überfordert sind.

Gehörtes ist vergänglich, so wie ich auch Gott nicht in die Tasche stecken kann

Und was hat das alles mit uns als Christen zu tun? „Musik ist etwas Punktuelles. Vor einem Gemälde kann ich länger stehenbleiben. Was ich höre, ist nicht festhaltbar“, meint Pater Karl. „So wie wir auch Gott nicht in die Tasche stecken können. Es schenkt sich im Modus des Sich-Entziehens.“

So gesehen steht also das Zwitschern einer Amsel sehr wohl im Zusammenhang mit unserem Glauben. So wie alles, was mir wahre Freude bereitet. Dass das der Klang eines Kammermusiktrios genauso wie das Tropfen der schmelzenden Eiszapfen vor dem Haus sein kann, macht die Suche höchstens interessanter. Spitzen wir also die Ohren und lauschen auf das, was uns anrührt! Denn überall dort wo ich Freude verspüre, wo ich die Fülle meines Lebens bewusst wahrnehme, ihr Aufmerksamkeit schenke, kurz: sie genieße, überall dort ist auch Gott mit mir.

In wenigen Wochen werde ich wieder einmal ins Flugzeug steigen. Und vielleicht davor kurz in der Kapelle vorbeischauen. Um mich, umgeben von wohltuender Stille, aufregendem Sprachengewirr oder lebendigem Kindergelächter, noch auf eins zu besinnen: auf mich selbst zu hören. Was mich berührt, beschäftigt, was ich mir wahrhaft wünsche und erträume. Durch diese Dinge spricht Gott nämlich ganz direkt zu mir – ich muss lediglich genau hinhorchen.

Autor:

Victoria Morawetz aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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