Anderssprachige Gemeinden der Erzdiözese Wien - Teil 3
„Dobry den!“ – „Guten Tag!“

Tschechische Gemeinde: Bei der Agape setzt sich der Festtag fort.
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  • Foto: Christopher Erben
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Der SONNTAG zeigt derzeit laufend die Buntheit und Vielfalt  der sogenannten anderssprachigen Gemeinden in unserer Erzdiözese. Kräftige Lebenszeichen kommen z.B. aus der tschechischen Gemeinde in Wien. Ein buntes Gemeindeleben sowie eine eigene Schule bringen viel Abwechslung und Schwung in die Kirche.

Ein kalter Novembertag liegt über Wien. Die kleine Erlöserkirche am Rennweg in Wien-Landstraße ist bis auf den letzten Platz besetzt. Tschechisch und Wienerisch spricht die Gemeinde. Jeden Sonntag um 10 Uhr feiert hier die katholische Sprachgemeinde der Tschechen eine Heilige Messe. Die heutige steht unter einem besonderen Stern: Genau an diesem Tag vor 30 Jahren begann die „Samtene Revolution“ in der damaligen Tschecho-
slowakei. Sie führte zum Zusammenbruch des kommunistischen Regimes. Zelebriert wird die Heilige Messe von Weihbischof Franz Scharl, der die Gemeinde an diesem denkwürdigen Tag besucht und gleich zu Beginn alle auf Tschechisch begrüßt.

Zwei Pfarren – eine Gemeinschaft

Die tschechische Gemeinde ist eine der bekanntesten und jene mit der vielleicht längsten Tradition in der Bundeshauptstadt. Bereits vor über zweihundert Jahren ließen sich in Wien die ersten Tschechen und Slowaken nieder; gründeten hier Kultur-, Sportvereine, eine eigene Kirchengemeinde sowie Schulen – die zweisprachige Komenský-Schule im dritten Wiener Gemeindebezirk ist auch vielen Nicht-Tschechen ein Begriff und weit über die Grenze Österreichs bekannt. Ein Kindergarten, eine Volksschule und ein Gymnasium werden hier betrieben und sind mit der Minderheit untrennbar verbunden. Über 10.000 Menschen, die Tschechisch können oder tschechische Wurzeln haben, leben heute in Wien; gefolgt von jenen, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten aus dem Nachbarland hierher gezogen sind. Zwei pastorale Zentren bestehen in der Stadt und zeugen von einem vielfältigen Leben: zum einen jenes in der Kirche Maria am Gestade; zum anderen jenes in der Erlöserkirche am Rennweg.

Wurzeln geschlagen

Magda Uher ist ein Urgestein der tschechischsprachigen Gemeinde, wie sie selbst über sich sagt. Vorsichtig schiebt sie die beweglichen Garderoben beiseite, auf denen Jacken und Mäntel hängen. Auf einer Wand dahinter kommen jede Menge Bilder zu Vorschein, die von der langen Geschichte der Gemeinde und des Sankt Method-Vereins erzählen. „Schauen Sie auf dieses Bild. Das hier ist mein Sohn“, sagt sie plötzlich und zeigt auf ein altes Farbbild. „Hier in dieser Kirche wurde er vor vielen Jahrzehnten gefirmt.“ Helena Klein-Watrycz zog im Jahre 1975 von Brünn nach Wien. Bis zu ihrer Pensionierung unterrichtete sie an der Komenský-Schule. „Ich bin seit beinahe 40 Jahren mit der Gemeinde und der Kirche eng verbunden“, sagt sie zum SONNTAG. Regelmäßig besuche sie daher die Heilige Messe in der Erlöserkirche am Rennweg. Auch ihr Sohn Alfred hatte hier seine Erstkommunion.

Von der Moldau an die Donau

Das vielleicht jüngste Mitglied der Gemeinde ist Vaclav Sladek. Seit knapp zwei Monaten lebt er in Wien. Geboren wurde er in Komotau (Chomutov) in Nordwestböhmen. Heute leitet der 41-Jährige als Ordenspriester die Gemeinde am Rennweg. Seine Priesterweihe empfing der gelernte Bauingenieur vergangenen September. Schon als er sechs Jahre alt war, wusste er, dass er einmal in einem Kloster leben wollte, erzählt er. Doch zunächst studierte er an der Technischen Universität in Prag. Danach arbeitete bei einer englischen Firma und im tschechischen Landwirtschaftsministerium. Die Planung und Ausführung von Talsperren und Wasserstraßen gehörten zu seinem Spezialgebiet. „Von der Moldau an die Donau hat es mich getrieben“, lacht Vaclav Sladek. „Ja, ich habe mich hier schon gut eingelebt.“ Die Gemeinde wachse. Viele junge Menschen und Familien mit Kindern kommen und nehmen nicht nur an Gottesdienst teil; sie beteiligen sich auch am Gemeindeleben, freut sich der Seelsorger.

„Nicht nur die Muttersprache hören“

Pater Vaclav Sladek gehört dem Orden der Kreuzherren mit dem Roten Stern an. Gegründet wurde dieser von der heiligen Agnes von Böhmen im Jahre 1233.
Vaclav Sladek: „Wir sind der einzige Männerorden, der von einer Frau gegründet wurde.“ Heute zählt dieser weltweit über 18 Ordensbrüder; in Wien gehören ihm drei an. Hier besteht er seit 1733. Wenige Tage nach der Heiligsprechung von Agnes von Böhmen begannen am 17. November 1989 Studentendemonstrationen. Mit einem Schlüsselbund in der Hand gingen die Menschen zu Hunderttausenden in Prag auf die Straße und läuteten einen friedliche Umbruch in der damaligen Tschechoslowakei ein. Wenige Wochen darauf trat das Politbüro geschlossen zurück. „Die heilige Agnes war auch ein Symbol der Samtenen Revolution im Jahre 1989“, ist Pater Vaclav Sladek überzeugt. „Vielen ist es wichtig, die tschechische Sprache in der Messe zu hören“, sagt Miroslava Cinkova, Sekretärin der Gemeinde in Maria am Gestade. Doch die Gemeindemitglieder feiern nicht nur gerne; sie verbringen auch ihre Freizeit miteinander. Die Gemeinde ist für Miroslava Cinkova auch ein Ort, um sich auszutauschen und sich zu stärken. In Maria am Gestade singt auch der Studentenchor Janacek, der Ende November hier eine tschechische Weihnachtsmesse aufführt, erzählt Miroslava Cinkova. Auch die Gruppe Marianka, die in der Musikschule der Kreuzherren probt, führt in der Kirche ihr Können auf. Geistliche Lieder sowie Volkslieder gehören zu ihrem Repertoire. Auf wen kann ich mich verlassen, wenn etwa Sturm ist, fragt Weihbischof Franz Scharl in seiner Predigt. Auf schöne Kirchen sei kein Verlass, ebenso wenig auf ein ruhiges Leben. Die Welt befinde sich in Unruhe; viele werden verfolgt und suchen Schutz, so der Weihbischof. Mitten in diesen Herausforderungen gebe es trotzdem Hoffnung und Trost. Scharl ermuntert die Gläubigen, „in der Spur Jesu unterwegs zu sein“.

Für Leib und Seele

Die Messe neigte sich dem Ende zu. Vertreter der Pfarrgemeinde bedanken sich beim Weihbischof für sein Kommen. Er antwortet erneut mit einigen Worten auf Tschechisch. Danach erklingen drei Nationalhymnen in der Kirche: die tschechische, die slowakische Hymne sowie die österreichische Bundeshymne. Sie sollen an die Ereignisse vor 30 Jahren erinnern. Bei belegten Broten, Fassbier aus Pilsen sowie köstlichen Kuchen setzt sich der Festtag im Pfarrsaal fort. Hin und wieder stimmen einige sangeskräftige Gemeindemitglieder spontan tschechische Volkslieder an. Für Pater Vaclav Sladek gehört das Singen und das Musizieren jedes Mal dazu. Diese Klänge drücken für ihn die enge Verbundenheit der Menschen hier mit der alten Heimat aus. Vaclav Sladek strahlt: „Ja, dann fühle ich mich mitten in Wien wie in Tschechien.“

Autor:

Christopher Erben aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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