Franz und Klara von Assisi
Bruder Feuer und Schwester Licht

Klara und Franz von Assisi (Giottoschule; Cimabue, jeweils um 1300)
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  • Klara und Franz von Assisi (Giottoschule; Cimabue, jeweils um 1300)
  • Foto: Stefan Diller / akg-images / picturedesk.com
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In unserer Sommer-Serie über „Seelenverwandte & Seelenfreunde“ beleuchten wir die geistliche Freundschaft zwischen Mann und Frau. Ob zwischen Mutter und Sohn, Bruder und Schwester, Ehemann und Ehefrau oder zwischen Personen der Kirchengeschichte, die einen wechselseitigen Einfluss aufeinander ausübten.

Franz und Klara von Assisi waren kein Liebespaar, sondern einander seelisch Geschwister: als Sohn und Tochter des himmlischen Vaters. Eine Spurensuche im mittelalterlichen Italien des 13. Jahrhunderts.

Fratello Sole, sorella Luna“ – „Bruder Sonne, Schwester Mond“: der etwas romantische Spielfilm des italienischen Regisseurs Franco Zeffirelli aus dem Jahr 1972 über Franz von Assisi und Chiara (Klara) hat eine Generation geprägt. Doch wie sah die Beziehung zwischen dem heiligen Franziskus (geboren 1181 oder 1182, am 3. Oktober 1226 gestorben) und der heiligen Klara (geboren 1193 oder 1194, am 11. August 1253 gestorben) wirklich aus?

Im Gespräch mit dem SONNTAG erläutert der Schweizer Kapuziner Niklaus Kuster, Autor zahlreicher Fachartikel und Bücher zu Franz und Klara von Assisi, die Beziehung zwischen den beiden Heiligen aus Assisi, die von der Freiheit, das Evangelium radikal zu leben, geprägt war.

  • Was zeichnet die Beziehung zwischen Franz und Klara aus?

„Bruder Feuer und Schwester Licht“ soll eine Doppelbiografie heißen, die jetzt an den Verlag ging. Verfasst habe ich sie zusammen mit Martina Kreidler-Kos, die über Klara von Assisi promoviert hat. Wir widersprechen spekulativen Historikern, die von einer „asymmetrischen Beziehung“ reden oder über eine „verbotene“ und „unglückliche Liebesgeschichte“ phantasieren. Franz und Klara waren weder ein Paar noch einfach Freunde: Sie wurden sich Geschwister in der Nachfolge Jesu und Verbündete in einer sperrigen Kirche.

  • Wir wissen viel von Franz, was wissen wir von Klara?

In den letzten Jahren sind zwei eindrückliche Quellenbände erschienen: Die gesammelten Franziskus-Quellen – Schriften von ihm und Zeugnisse über ihn – füllen rund 1800 Seiten, und die gesammelten Klara-Quellen rund 1500 Seiten. Das ist absolut einzigartig für Menschen aus dem hohen Mittelalter, zumal es sich nicht um Kaiser oder Päpste handelt. Die Standardausgaben hat der Verlag Butzon & Bercker publiziert.

  • Wie gestaltete Franz seine Beziehung zu Klara?

Franz steigt aus einer Gesellschaft aus, die in Klassen und Ständen denkt. Er lebt zunächst mit Brüdern eine „fraternitas“, die das Vaterunser radikal beherzigt und mit ihrer Freiheit und Geschwisterlichkeit Gesellschaft wie Kirche provoziert. Klara und ihre Schwestern weiten diese „Bruderschaft“ geschwisterlich. Franz nennt Klara auch mal „Christiana“, das heißt: Freundin und Gefährtin von Christus. Das „Leben in den Fußspuren Jesu“ verbindet sie als neue Jüngerin und neuen Jünger.

  • Wie gestaltete Klara ihre Beziehung zu Franz?

Moderne Menschen fragen, ob Klara nicht auch gern mit Franz und den Brüdern durch die Lande gezogen wäre. Stattdessen lebte sie mit ihren Schwestern sesshaft in San Damiano. Tatsächlich ließ die damalige Kirche ein freies Wanderleben religiöser Frauen nicht zu. Klara erlebt Franz wohl ähnlich wie ihre biblischen Freundinnen Marta und Maria in Betanien die Jünger Jesu: immer wieder mal ein paar Tage! Am intensivsten wohl, als Franz krank und blind in San Damiano gepflegt wurde und dort den Sonnengesang dichtete.

  • Warum kann man, vereinfacht gesagt, beide nur miteinander verstehen?

In der Einleitung der erwähnten neuen Doppelbiografie schreiben wir dazu: „So sehr sich Franz und Klara durch ihre Herkunft, ihre Lebenswelt und ihre Berufung unterscheiden, so sehr hat ihre neue Lebensweise sie miteinander verbunden: nicht einfach in einer Freundschaft, sondern in einem Bündnis, nicht als Liebespaar, sondern geschwisterlich, nicht nur mystisch, sondern auch politisch.

Klara hätte ihren mutigen Weg der Christusnachfolge ohne männliche Verbündete nicht gehen, ihre lebendige Frauenkirche vor den Toren Assisis ohne Brüder nicht bauen und die Konflikte mit der Amtskirche ohne brüderlichen Rückhalt schwerlich durchhalten können.

Franz überrascht mit einer weiblich geprägten Spiritualität: Die Sorge der Brüder füreinander soll mütterlich sein, ihr Leben kann an den Schwestern Marta und Maria von Betanien Maß nehmen, Gott darf mit weiblichen Namen gepriesen werden und alle Menschen sollen in den schwesterlich-brüderlichen Gesang des Kosmos einstimmen.

In Klaras Geschichte tauchen jedoch auch andere Männer auf, denen sie vertraut und mit denen sie sich verbündet. Und in Franz’ Leben gibt es mindestens zwei Frauen neben Klara, die ihm viel bedeuten und ihn ebenso prägen.

  • Was verbindet beide, die doch kein Liebespaar waren?

Die beherzte Freiheit, das Evangelium radikal zu leben, eine Liebe, die jedem Menschen geschwisterlich begegnet, und der Mut, einer in Macht und Reichtum erstarrten Amtskirche eine Alternative aufzuzeigen – partnerschaftlich und „basiskirchlich“ würden wir heute sagen.

  • Waren Franz und Klara Seelenverwandte oder eher Seelenfreunde?

Sie wurden einander seelisch Geschwister – im tiefsten Sinn: als Tochter und Sohn des himmlischen Vaters, als Freundin und Freund von Gottes Geistkraft und als Jüngerin und Jünger Jesu. So drückt es Franz in der Lebensform auf, die er für Klaras Schwestern in dichte Wort fasst.

  • Was können wir von dieser Beziehung zwischen den beiden für heute lernen?

Dass das Vaterunser, ernst genommen, Geschwisterlichkeit auf Erden schafft: ohne Grenzen! Auch Flüchtlinge, die wir an Europas Grenzen aussperren, sind Töchter und Söhne unseres Vaters. Papst Franziskus spricht denn auch eindringlich von einer „universalen Geschwisterlichkeit“ – die über die Grenzen von Religionen hinweg verbindet.

  • Was fasziniert Sie persönlich an dieser Beziehung zwischen Franz und Klara?

Augenhöhe!

Dr. Niklaus Kuster ist Kapuziner der Schweizer Provinz und lehrt Spiritualitätsgeschichte an der PTH Münster, Kirchengeschichte an der Universität Luzern sowie franziskanische Spiritualität an der Ordenshochschule ESEF in Madrid. Er verfasste zahlreiche Fachartikel und Bücher zu Franz und Klara von Assisi.

Sommerserie „Seelenverwandte & Seelenfreunde"

Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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