Pater Anselm Grün: Werke der Barmherzigkeit - Teil 4
... und ihr habt mir Kleidung gegeben

Doch Jesus meint mit diesem Werk der Barmherzigkeit noch etwas anderes. Nacktsein hat einen tieferen Sinn. Menschen fühlen sich oft bloßgestellt. Anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen, braucht es Mut, diesen Menschen zu bedecken, ihn zu schützen, auch mit dem Risiko, selbst ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten.
  • Doch Jesus meint mit diesem Werk der Barmherzigkeit noch etwas anderes. Nacktsein hat einen tieferen Sinn. Menschen fühlen sich oft bloßgestellt. Anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen, braucht es Mut, diesen Menschen zu bedecken, ihn zu schützen, auch mit dem Risiko, selbst ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten.
  • Foto: Pixabay
  • hochgeladen von Der SONNTAG Redaktion

Gottes Liebe ist wie ein Gewand, das uns schützt. So sollen auch wir die Menschen, die uns in ihrer Nacktheit und Blöße begegnen, mit dem Gewand der Liebe bekleiden.

Kaum ein anderer Heiliger ist so ins Bewusstsein der Menschen getreten wie der hl. Martin mit dem Mantel, den er geteilt und einem Bettler geschenkt hat. Wir alle kennen die Legende, dass dem jungen Martin nach dieser spontanen Tat des Teilens im Traum Christus selbst erschienen ist und ihm gezeigt hat, dass er letztlich ihm den Mantel geschenkt hat.

In dieser Legende wird die Gerichtsrede Jesu aus dem Matthäusevangelium Wirklichkeit. Martin wusste nicht, dass er im Bettler Christus selber begegnet. Er hat seinen Mantel einfach geteilt, weil ihn der frierende Bettler berührt hat. Erst nach seiner Tat erkannte er, dass er in dem Bettler Christus selbst begegnet ist.

Heute gibt es viele Kleidersammlungen, um armen Menschen zu helfen. Oft werden abgetragene Kleider auf diese Weise praktisch entsorgt. Mit dem, was man nicht selber brauchen kann, hilft man noch anderen. Es gibt natürlich auch Menschen, die ihre guten Kleider hergeben. Sie trennen sich von den guten Kleidern, weil sie diese nicht mehr brauchen, aber auch, weil sie bewusst einfacher leben wollen. Und es gibt Menschen, die bewusst ihre guten Sachen hergeben, um mit ihren schönen Kleidern anderen eine Freude zu machen. In all diesen Formen der Kleidersammlungen wird das Gebot Jesu erfüllt, Nackte zu kleiden.

Doch Jesus meint mit diesem Werk der Barmherzigkeit noch etwas anderes. Nacktsein hat einen tieferen Sinn.

Menschen fühlen sich oft bloßgestellt, wenn sie öffentlich an den Pranger gestellt werden, wenn man ihre Taten und Gedanken in der Öffentlichkeit diskutiert und oft genug verfälscht. Sie können sich nicht wehren gegen die Vorurteile, die ihnen entgegenkommen. Und sie können sich nicht wehren gegenüber Gerüchten, die in Umlauf kommen, ohne dass sie einen realen Grund hätten.

Doch allein die Tatsache, dass das Gerücht erzählt wird, stellt einen Menschen nackt in die Öffentlichkeit. Einen solchen Menschen zu bedecken, ist ein Werk der Barmherzigkeit. Anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen, braucht es Mut, diesen Menschen zu be decken, ihn zu schützen, auch mit dem Risiko, selbst ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten.

Adam und Eva waren im Paradies nackt. Sie lebten im Einklang mit Gott. Sie brauchten nichts zu verstecken. Doch nach dem Sündenfall „gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.“ (Gen 3,7) Sie schämten sich ihrer Nacktheit.

Diese Scham kennt jeder, der sich andern gegenüber nackt fühlt, der sein Innerstes vor ihnen nicht verbergen kann. In der Taufe bekommen wir ein weißes Gewand angezogen. Der Priester zitiert dabei die Stelle aus dem Galaterbrief: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt.“ (Gal 3,27)

Wir sind in der Taufe mit einem heiligen Gewand bekleidet worden. In diesem Ritus des weißen Gewandes üben wir uns ein, dass wir den anderen so anschauen, als ob er sich mit einem schönen Gewand umkleidet fühlt, mit dem Gewand göttlicher Herrlichkeit. Als der verlorene Sohn heimkommt, lässt der barmherzige Vater das beste Gewand holen und es ihn anziehen.

Gottes Liebe ist wie ein Gewand, das uns schützt. So sollen auch wir die Menschen, die uns in ihrer Nacktheit und Blöße begegnen, mit dem Gewand der Liebe bekleiden, damit sie sich bedeckt fühlen.

Pater Anselm Grün

Serie: Pater Anselm Grün: Werke der Barmherzigkeit

Autor:

Der SONNTAG Redaktion aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen