„Passionswege“ durch die Fastenzeit
„Die Opfer sollen nicht namenlos bleiben“

Martin Pollack  erholt sich nach den jüngsten onkologischen Eingriffen im Wiener AKH in seiner Wiener Wohnung.
  • Martin Pollack erholt sich nach den jüngsten onkologischen Eingriffen im Wiener AKH in seiner Wiener Wohnung.
  • Foto: Stefan Hauser
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Der Journalist und Übersetzer polnischer Literatur Martin Pollack ist seit Jahren an Krebs erkrankt. Das beeinflusst ihn, aber es interessiert ihn wenig. Pollack hat sich intensiv mit der Geschichte seines Stiefvaters befasst, der ein hoher SS-Offizier war. Kennen gelernt hat er ihn persönlich nie.

Ich habe nie Gründe für meine Krebserkrankung gesucht. Es gab Leute, die die Lebensgeschichte meines Vaters kannten, die sie ganz klar mit meiner Krankheit in Verbindung brachten und meinten: Da muss man Krebs bekommen.“ Das sagt Martin Pollack. Kurz nach einem onkologischen Eingriff im Wiener AKH treffe ich ihn zu Hause in Wien-Mariahilf. Pollack wirkt noch schwach, nimmt sich aber die Zeit zum Gespräch. Seit Jahren ist er an Prostatakrebs erkrankt, später kam Blasenkrebs dazu. 2019 hatte er vier Operationen, eine weitere steht demnächst an. Martin Pollack aber möchte sich, soweit es geht, nicht zu viel mit seiner Krebserkrankung beschäftigen. Daher vereinbart er Lesungen und Termine, um sich auch abzulenken.

Leiblicher Vater ist Kriegsverbrecher

Martin Pollack sitzt im Lehnstuhl, als wir nicht nur über seine Erkrankung, sondern in erster Linie über seine Familienhistorie sprechen. Er erblickt 1944 im oberösterreichischen Bad Hall das Licht der Welt. Seinen leiblichen Vater lernt er aber nie kennen. Martins Mutter Hildegard wird in einer außerehelichen Beziehung mit Gerhard Bast schwanger, obwohl sie in aufrechter Ehe mit dem Linzer Kunstmaler Hans Pollack lebt. Dieser ist NSDAP-Parteimitglied und Leiter der Reichskammer der bildenden Künste im Gau „Oberdonau“. Hildegard Pollack lässt sich in der Folge von ihm scheiden, um Bast zu heiraten. Bast entstammt einer deutschnationalen Familie. „Ich habe besonders bei meinen Großeltern immer gehört, dass er ein anständiger Mensch war, aber das haben wir doch auch später von Politikern gehört, die den Gräueln der Nazis nicht abschworen“, sagt Martin Pollack. Denn die Historie wird seinen leiblichen Vater Gerhard Bast später als Kriegsverbrecher ausweisen, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auch als Leiter eines Sonderkommandos im Osten zum Einsatz kommt. Gerhard Bast ist Chef der Linzer Gestapo und SS-Sturmbannführer. Nach dem Krieg versteckt sich Bast, nimmt andere Identitäten an, flüchtet nach Südtirol und bereitet Fluchtpapiere für seine Familie nach Paraguay vor. Dazu kommt es nicht, knapp vor dem Brenner wird er von einem Schlepper ermordet.

Nicht Schuld, aber Verantwortung

1947 ehelicht Hildegard Pollack abermals ihren ersten viel älteren Gatten Hans. Martin wird adoptiert und nimmt den Namen des Stiefvaters an. In der Folge absolviert er ein Gymnasium in Salzburg und macht eine Lehre als Bau- und Möbeltischler. Später studiert Martin Pollack an der Universität Wien und in Warschau Slawistik und osteuropäische Geschichte. Er wird Redakteur für das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Seit 1998 ist er als freier Autor und Übersetzer tätig. Seine Bücher haben einen dokumentarischen Anspruch mit dem Ziel, Geschichten genau zu recherchieren und zu dokumentieren. „Das habe ich aus der polnischen Tradition des Journalismus übernommen“, sagt Pollack. In „Der Tote im Bunker“ beschreibt er die Lebensgeschichte seines leiblichen Vaters Gerhard Bast. Er lässt dabei keine Details aus. „Mir ist es immer darum gegangen, dass die Opfer nicht namenlos bleiben, dass man die Geschichte der Opfer erzählen kann, dass man ihnen Namen gibt“, unterstreicht Martin Pollack in Hinblick auf seine historischen Arbeiten. In seinem Fall könne man nicht „von Schuld sprechen, aber von Verantwortung, die ich trage“.

Geschichte der Großtante

In seinem neuen Buch „Die Frau ohne Grab“ erforscht Martin Pollack die Hintergründe rund um den Tod seiner Großtante Pauline am Ende des Zweiten Weltkriegs im Sommer 1945. Es ist nach „Der Tote im Bunker“ sein zweites Werk, das sich mit seiner eigenen Familiengeschichte rund um die NS-Zeit auseinandersetzt. Eine spannende wie auch erschütternde Geschichte.

Am 24. August 1945 stirbt Pavla Drolc in slowenischer Gefangenschaft im Schloss Hrastovec unweit von Maribor. Die Umstände in dem kommunistischen Konzentrationslager haben der damals 70-jährigen Deutsch-Slowenin sehr zugesetzt, sie stirbt daran. „Das Grab der Verstorbenen habe ich vergebens gesucht“, schildert Pollack. Vermutet wird, dass sie, wie viele andere Opfer der slowenischen Partisanen, am Areal des Schlosses oder dem nahegelegenen Friedhof verscharrt wurde.

Gartenarbeit als Ausgleich

Martin Pollack freut sich über den Alltag mit seiner Frau Ingrid: „Ich freue mich über jeden Tag mit ihr, das Zusammenleben ist harmonisch und ich bin ein glücklicher Mensch“. Die Pollacks haben auch ein Haus mit Garten im Burgenland. Martin Pollack wird im Frühjahr wieder mehr Zeit dann auch im Freien verbringen: „Gartenarbeit ist etwas, das mir Freude bereitet, ich bin ein guter Gärtner und bilde mir ein, die besten Salate weit und breit anzubauen.“ Diese Gartenfreude hält Martin Pollack auch aufrecht und ein Satz seines Onkologen: „Sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht an Ihrer Krebserkrankung sterben.“

Autor:

Stefan Hauser aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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