Der Brückenbauer
Umstrittener Straßenbau – soll sich Kirche einmischen oder nicht?

Frage von Helmut B.:
„Junge Menschen erleben sich mit Unrecht konfrontiert, welches sie zur Handlung bewegt. Natürlich sind sie auf der Suche nach Gleichgesinnten, nach
Unterstützung. Sollen wir ihnen nicht Raum zur Verfügung stellen?“

In meiner Eigenschaft als österreichischer Jugendbischof war ich am 17. Februar diesen Jahres bei Wiens Bürgermeister Dr. Michael Ludwig. Ich wollte bei ihm ein gutes Wort für die jungen Menschen einlegen, die in winterlicher Kälte in Protestcamps gegen den Bau der sogenannten Stadtstraße im 22. Wiener Gemeindebezirk und auch gegen den Lobautunnel protestierten. Die jungen Leute sind ja nicht in erster Linie gegen, sondern für
etwas. Sie setzen sich ein für Nachhaltigkeit, für öffentlichen Verkehr, für den Erhalt von natürlichen Lebensräumen. Das kann ich gut unterstützen. Bürgermeister Ludwig und sein Team sind auch nicht gegen Natur und Nachhaltigkeit, sondern wollen auch etwas Gutes erreichen: leistbaren Wohnraum für viele.

Soll sich die Kirche überhaupt in solche Sachfragen einmischen oder ganz aus dem politischen Diskurs heraushalten? Die katholische Kirche in Österreich fährt seit den 1950erJahren gut mit der Devise „politisch, aber nicht parteipolitisch“. Es geht mir als Jugendbischof daher nicht darum, eine Partei zu unterstützen oder eine andere zu schwächen, sondern es geht mir darum, am Diskurs um das Gemeinwohl teilzunehmen, und da vor allem im Hinblick auf die Prinzipien, die ich trotz mangelnder Kompetenz in Detailfragen begründet vertreten kann. Ich werde mich daher nicht über sinnvolle Breiten und Dichten von Straßenbauten äußern, aber ich rufe folgende Kriterien in Erinnerung:

  • Gemeinwohl geht vor Individualwohl. Daher gilt auch: öffentlicher Verkehr vor Individualverkehr
  • Wir haben besondere Verantwortung für die Schwächsten der Gesellschaft. Das sind in erster Linie diejenigen, die heute noch keine Stimme haben: die zukünftigen Generationen. In der Sorge um Nachhaltigkeit drückt sich diese Verantwortung aus.
  • Im Rechtsstaat sind Gesetze und gültige Verträge einzuhalten bzw. durch Rechtsmittel anzufechten.

Den jungen Menschen danke ich dafür, dass sie Fragen stellen und damit an die Kriterien erinnern. Freilich müssen sie sich auch gefallen lassen, selbst an die Kriterien erinnert zu werden. Deshalb gilt meine besondere Hochachtung denen, die sich darum bemühen, mit beiden Seiten im Gespräch zu bleiben.

Weihbischof Stephan Turnovszky

Autor:

Der SONNTAG Redaktion aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ