Schöpfungszeit - Interview
Tiere sind unsere Mitgeschöpfe

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Sebastian Bohrn Mena initiierte das Tierschutzvolksbegehren. Der Umgang mit den Tieren, sich Gedanken darüber zu machen, woher und wie wir uns ernähren, sind dem Katholiken wichtig. DER SONNTAG trifft Bohrn Mena anlässlich der in den christlichen Kirchen laufenden Schöpfungszeit.

Sebastian Bohrn Mena machte etliche parteipolitische Erfahrungen, bis er erkannte, dass er besser selber politisch aktiv ist. Der ehemalige christlich-soziale Gewerkschafter und gelernte Buchhändler war bei der SPÖ tätig, ebenso bei der Liste Pilz. Er studierte Ökonomie und Psychotherapie und erkennt seine wahre Berufung.

Bohrn Mena initiiert das Tierschutzvolksbegehren. Im Jänner 2021 ist dazu die Eintragungswoche. Mehr als 200.000 haben bisher die Unterstützungserklärung unterzeichnet.

Bohrn Mena ist in seinem Denken und Wirken geprägt durch die Fluchterfahrung seines chilenischen Großvaters und der Mutter. Er unterstreicht gegenüber dem SONNTAG: „Wann immer ich über mein Leben erzähle, beginne ich mit meinem Großvater mütterlicherseits. Er war Landeshauptmann in einer chilenischen Region in den 1970er Jahren und wurde aufgrund seiner politischen Überzeugungen von der Militärdiktatur inhaftiert und gefoltert.

Glücklicherweise konnte meine Familie aufgrund eines humanitären Akts der Bundesregierung unter Kreisky nach Österreich fliehen.“

  • Wie hat Sie das Schicksal Ihrer Mutter geprägt?

Wenn in der Familie so etwas Traumatisierendes passiert, wie politische Verfolgung und Exil, dann ist das maßgeblich für das weitere Leben. Auch für das, was mich antreibt, ist es gut zu wissen, woher ich komme.

  • Sie haben eine Lehre zum Buchhändler gemacht und sich im Alter von 16 Jahren gewerkschaftlich engagiert. Warum?

Weil ich die Erfahrungen miterlebt habe, die meine Kollegen in der Lehre machten. Sie wurden sehr oft schlecht oder ungerecht behandelt. Auch weil ich mich damals sehr stark mit meinem Glauben auseinandergesetzt habe, bin ich zu den Christgewerkschaftern gegangen und habe dort ganz tolle Erfahrungen gemacht.

  • Sie haben sich in mehreren Parteien politisch engagiert. Nun für den Tierschutz. Wie das?

Mir geht es darum, meinen persönlichen Stempel in dieser Gesellschaft zu hinterlassen mit meinen Idealen und Ansichten. Egal, ob das mein Engagement für Menschenrechte oder den Tierschutz betrifft. Ich glaube, wir Menschen sind nicht umsonst auf der Welt, es gibt einen höheren Sinn im Leben.

  • Wie und warum sind Sie Vegetarier geworden?

In der lateinamerikanischen Kultur gibt es kein fleischloses Essen – so bin ich aufgewachsen. Eine frühere Freundin von mir hat sich vegan ernährt. Das hat mich dazu gebracht, mich mit Tierethik auseinanderzusetzen. Ich habe mir die Frage gestellt: Haben Tiere auch Gefühle? Vor acht Jahren habe ich dann beschlossen, keine Tiere mehr zu essen. Das war eine höchstpersönliche Entscheidung, der monatelange Widerstände vorausgegangen sind.

  • Kein Fleisch zu essen ist das Eine, sich für den Tierschutz zu engagieren das Andere.

Als ich 2018 aus der Politik ausgetreten bin haben mich viele Menschen angeschrieben, durchaus frustriert, manchmal auch wütend, und gesagt: Warum gehst du jetzt aus der Politik? Du hast uns eigentlich versprochen, dass du dich für die Tiere einsetzt. Dafür haben wir dich gewählt. Über diese Emotion habe ich mich dann mit meiner Frau und mit anderen beraten.

Was kann ich als Einzelner tun? Ich wollte keine eigene Partei gründen oder wieder zu einer gehen. Die Parteipolitik war für mich abgeschlossen. So kam es zur Idee für ein Volksbegehren zum Tierschutz. Ich finde, es gibt genügend Nichtregierungsorganisationen, die sich engagieren, aber bei diesen habe ich mich mit meinem Anliegen nicht vertreten gesehen.

  • Warum ist es für den Einzelnen wichtig, das zu unterzeichnen?

Wenn wir einen Blick in das Tierschutzgesetz werfen, dann haben wir weltweit eines der fortschrittlichsten. Da wird von „Mitgeschöpfen“ gesprochen. Wenn wir das ernst nehmen und das sogar seit 2013 im Verfassungsrang verankert haben, dann haben wir nicht das Recht, ihnen Schmerzen, Angst und Leid zu bereiten, dann müssen wir das bis zur letzten Konsequenz auch umsetzen. Das bedeutet für mich, dass wir das System Massentierhaltung überwinden müssen. Wenn wir uns vor Augen halten, dass es Millionen Tiere gibt, nämlich Schweine, Kälber und Küken, die immer noch täglich Schmerzen erleiden und die Teil einer Ausbeutungs-Maschinerie sind, stelle ich die Frage: Ist das notwendig?

  • Wollen Sie generellen Fleischverzicht?

Nein, ich möchte nicht, dass irgendjemand auf tierische Lebensmittel verzichten muss. Es geht um die Art und Weise, wie unsere Landwirtschaft und wie sich der Umgang mit Tieren in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

Der Fokus des Tierschutzvolksbegehrens liegt darauf, die Massentierhaltung zu beenden und sieht sich als Verbündeter der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Nicht die Landwirte sind das Problem, sondern wir sehen den Profit, und den Druck durch die Billigimporte und den Trend zu immer größeren Produktionseinheiten. Unter dem leidet die Natur, unter dem leiden die Landwirte und letztlich wir alle.

Die Schlachthofskandale, die wir in Deutschland in der Coronakrise mitbekommen haben, bringen es auch auf den Punkt, warum die Frage der Erzeugung und Verteilung von Lebensmitteln letztlich nicht nur eine höchst persönliche Angelegenheit sind, sondern ein ökologischer und sozialer Prozess.

  • Es geht auch um die Kennzeichnung von Fleisch?

Ja, wir wollen, dass auf der Verpackung steht, woher das Fleisch kommt. Man darf nicht vergessen: Auf den österreichischen Tellern landet in einem sehr hohen Ausmaß holländisches Kalbfleisch. Es gibt ukrainische Käfigeier, deutsches Schweinefleisch, polnische Pute oder ungarische Gans und so weiter. Nur es steht nicht drauf.

Da wollen wir ansetzen: Schreiben wir doch drauf, woher das Essen kommt. Dann können die Menschen eine bewusste Konsumentscheidung treffen. Ich finde, da sind der Staat und die Politik nicht ehrlich zu ihren eigenen Landwirten. Viele Gespräche haben mir gezeigt, dass es ein gesellschaftliches Verlangen nach Transparenz, nach Regionalität, nach Tierschutz und klimafreundlicher Produktion gibt. Leider braucht die Politik immer noch einen Schubs. Diesen wollen wir durch das Volksbegehren geben. Die Menschen verlangen nach Veränderung.

  • Papst Franziskus mahnt immer wieder zur Bewahrung der Schöpfung. Sie sind wieder in die Kirche eingetreten. Was hat Sie dazu bewegt?

Ich bin sehr früh zum Glauben gekommen. Mit 20 bin ich aus der Kirche ausgetreten und habe mich damit nicht beschäftigt. Aber das kam dann immer mehr, vor allem auch durch die Geburt meines Sohnes. Ich habe durch einen Pfarrer einen Zugang zur Kirche gefunden, der interessanterweise seine Promotion mit dem Titel „Gott der Tiere“ geschrieben hat, Wolfgang Kimmel, für mich ein ganz besonderer Mensch, der auch heute noch ein ganz lieber Freund ist. Der Glaube ist mir wichtig, weil ich denke, dass in der globalisierten, digitalisierten Welt Gemeinschaft wichtig ist. Wir brauchen auch das Vertrauen auf Gott.

  • Was sagen Sie zu Papst Franziskus?

Er ist ein ganz besonderer Mensch ist, der vieles besonders im Blick hat. Franziskus appelliert daran, dass wir Menschen uns unserer Verantwortung wieder stärker bewusst werden, die wir nicht nur für unsere Mitmenschen, sondern auch für unsere Mitgeschöpfe tragen.

www.bohrn-mena.at
www.tierschutzvolksbegehren.at

Autor:

Stefan Hauser aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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