Eine weihnachtliche Geschichte
Flieg, Drache, flieg

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Mahmad kann Flugdrachen bauen. Mit den einfachsten Mitteln. Er kann Zaubertricks, dass man nur so staunt. Er spielt Flöte und fährt mit dem Auto meiner Mutter. Denn Mahmad ist wie mein Bruder. Geflohen aus dem Iran fand er eine neue Heimat in meiner Familie. Eine Geschichte einer gelungenen Integration.

Das hier ist eine persönliche Geschichte. Eine Geschichte über Liebe, über Fremdheit und Vertrautheit, über alte und neue Heimat. Angefangen hat diese Geschichte mit einem Wunsch meiner Mutter Maria. Zu Silvester 2017 fasste sie einen Neujahrsvorsatz. Sie wollte sich gerne um jemanden kümmern. Über eine Bekannte kam sie in Kontakt mit Mahmad Azimi aus Afghanistan. Seine größte Sorge zu diesem Zeitpunkt war, abgeschoben zu werden. Als die nächste große Gerichtsverhandlung in Wien bevorstand, wurde meine Mutter aktiv. „Ich habe viele Briefe geschrieben, ans Innenministerium und an das Land Niederösterreich. Wir haben einen Rechtsanwalt gefunden. Dann haben wir einen Bus gemietet und sind mit Freunden und Verwandten zum Gericht gefahren. Und dann durfte er bleiben.“

Afghanen im Iran – Menschen zweiter Klasse

Offiziellen Angaben zufolge leben etwa zwei Millionen Afghanen im Iran. Da die meisten von ihnen Flüchtlinge sind, dürfte die Dunkelziffer jedoch weitaus höher liegen. Von der iranischen Regierung werden sie systematisch diskriminiert. Aus diesem Grund sind die meisten Flüchtlinge auf Schwarzarbeit angewiesen. Auch Mahmad fing mit 13 Jahren zu arbeiten an. Als Schwarzarbeiter am Bau verdiente er etwas Geld, einen Hungerlohn für seine Familie. Ein großer Einschnitt war der Tod seines kleinen Bruders, der als Afghane im Iran keine medizinische Hilfe bei einer Nierenbeckenentzündung bekommen hatte und in seiner Anwesenheit gestorben war. Seine geliebte Mutter verstarb nur zwei Jahre später, mit 35 Jahren, an gebrochenem Herzen. So machte er sich im November 2015 auf den Weg in ein besseres Leben. Und landet in Österreich.

Das gute Leben

Heilfroh waren alle, dass Mahmad bleiben darf, sagt Maria. Eine Wohnung wurde organisiert, mit vereinten Kräften eingerichtet. Viele Hände im Ort halfen mit. Der zielstrebige junge Mann machte im Nu seinen Autoführerschein und fand Arbeit. Doch immer wieder überkommt ihn eine große Trauer. „Er fühlt sich dann so verlassen“, sagt meine Mutter. „Dann sage ich ihm, dass er ein wertvoller Mensch ist. Er bereichert uns. Wir sehen einen Menschen, der trotz massiver Schicksalsschläge Liebe in sich trägt. Das ist ihm nicht genommen worden. Und das beeindruckt uns. Er bringt uns einen neuen Blick auf unser Leben, uns geht es so gut, wir haben alles. Und oft sind wir so unzufrieden.“

Zielstrebigkeit, die beeindruckt

Mahmad ist ehrgeizig und will lernen. Ohne lernen, sagt er, ist man wie ein Blinder. So lernt er immer etwas, seit ich ihn kenne. Jetzt auch Querflöte in der Musikschule. Er ist ein guter Koch, seine iranischen und afghanischen Reisgerichte schmecken der ganzen Familie. Die Zielstrebigkeit war es auch, die meinen Vater Johann beeindruckt hat. Er war zu Beginn etwas skeptisch: „Zwei Jahre davor war ja die große Flüchtlingswelle. Die Bevölkerung hatte Angst. Ich auch.“ Nachdem aber seine Frau keine Berührungsängste hatte, konnte auch er sich langsam öffnen. „Mahmad kann viele praktische Dinge. In unserer digitalisierten Welt können wir das nicht mehr so. Er arbeitet mit einfachsten Mitteln. Da komme ich mit meiner Bohrmaschine nicht so weit wie er“, lacht Johann.

Mahmad kann Drachenbauen. Flugdrachen. Mit den einfachsten Mitteln. Er braucht nur einen Müllsack und ein paar Zweige und eine Schnur. Dann lässt er den Drachen steigen, höher und höher und höher. Der Drache fliegt und stürzt nie ab. Für mich ist das ein Bild, das für ihn steht. Er ist der Drache, der immer höher steigt, der nicht abstürzt. Er fliegt, leicht, wie ein Vogel. Und er wird weiterfliegen.

Wertvoll und integriert

Wir lieben Mahmad, sagt meine Mutter. Wenn er voller Glückseligkeit mit seiner Querflöte spielt und unsere Familie mit seinen so guten Nationalspeisen bekocht. Wenn er lacht und mit uns übermütig ist. Wenn er unseren Enkelkindern selbst gesammelte Nüsse mit Schokolade gefüllt bringt, wenn wir miteinander feiern. Wenn er selbstgemachte Drachen so hoch am Himmel steigen lassen kann, dass sie kaum noch zu sehen sind. „Im Ort sagen sie zu uns, Hut ab, was ihr da macht. Und ich frage mich, warum? Ich mache nichts Besonderes. Es ist ganz einfach. Wenn jede Familie in Österreich nur auf einen Flüchtling zugehen würde, dann wären sie viel schneller integriert und würden sich wertvoll fühlen.“

Autor:

Michaela Necker aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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