US-Präsidentenwahl 2020
„Trump ist nicht einfach vom Himmel gefallen“

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Den Umgang mit sozialen Medien hat Andreas G. Weiß mit dem amerikanischen Präsidenten gemeinsam. Während Trump unentwegt „twittert“, sendet Weiß in Coronazeiten die Antworten auf die Interviewfragen via Whatsapp.

Der Salzburger Theologe ist Experte für die religiöse Landschaft der USA. Weiß ist auch Autor des Buchs „Trump. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“, das im Patmos Verlag erschienen ist.

Gegenüber dem SONNTAG nimmt Weiß Bezug auf die religiöse Situation in den United States und was diese mit der kommenden Präsidentschaftswahl zu tun hat. Trump ließ am vergangenen Wochenende aufhören, denn er bezeichnete sich als offiziell konfessionslosen Christen. Er nahm damit Abstand von der Presbyterianischen Kirche. Als Begründung verwies er auf persönliche Erfahrungen mit unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften, insbesondere während der Pandemie. Er und seine Frau Melania hätten während dieser Zeit virtuell an Gottesdiensten mehrerer christlicher Glaubensgemeinschaften teilgenommen. Der Salzburger Theologe Andreas G. Weiß hat sich in seinem Buch auch ausführlich mit Trump und dem Umgang mit Religion beschäftigt.

Was gibt es zum persönlichen Glauben Trumps zu sagen?
Andreas G. Weiß: Als Theologe nehme ich sehr davon Abstand, jemanden den Glauben abzusprechen. Oder wenn sich jemand als Christ bezeichnet, dass ich sage, der oder diejenige ist kein oder keine Christin. Was Donald Trump betrifft, kann man in seiner Biografie erkennen, dass der Glaube teilweise eine Rolle gespielt hat, in früheren Jahren auch der regelmäßige Kirchgang. Man kann sagen, mit seinen Eltern ist er lange Jahre in die „Marble Collegiate Church“ in Manhattan gegangen, wobei nach dem Tod des Pastors und Trumps persönlichen Freundes, Norman Vincent Peale, dieser praktizierte Glaube geschwunden ist.

Erst mit dem Wahlkampf für 2016 ist die Religiosität von Donald Trump wieder ein Thema geworden. Und als man damals in der „Marble Collegiate“ nachgefragt hat, hat man dort auch ganz offen und ehrlich gesagt, man habe Donald Trump dort seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen.

Donald Trump hat bei seiner Vereidigung 2016 auf zwei Bibeln geschworen. Eine von Abraham Lincoln und auf eine seiner Mutter. Welche Rolle spielt die Heilige Schrift in seiner Politik?
Trump zeigt sich gerne an der Seite von katholischen Vertreterinnen und Vertretern, aber auch neben anderen religiösen Autoritäten. Bei den Konfessionen macht er im Grunde keinen großen Unterschied – er sucht die Nähe zu allen christlichen Gruppierungen. Er selbst geht aber in seinen Reden nie direkt auf die Bibel ein, er liest nie daraus, er zitiert sie nicht.

Ist Trump ein politischer Erlöser?

Ich würde Trump sicherlich nicht als politischen Erlöser bezeichnen. Einerseits inszeniert er sich natürlich sehr gerne als solchen, tatsächlich glaube ich, würde das keiner Prüfung standhalten. Das Narrativ aber, das hier mit dem Erlöser und messianischen Hoffnungen angesprochen wird, ist politisch nach wie vor enorm brisant, da weltweit populistische Politiker auf diese Motive zurückgehen. Trump ist sicherlich ein Macher, eine Managerfigur, er schließt Deals ab und verlässt sich nicht auf Verträge, Abmachungen oder Gremien. Das macht seine Politik aus – aber Erlösung, also die Erfüllung von menschlichen Hoffnungen sieht anders aus. Die Wahl von Trump 2016 war unerwartet. Er hatte weniger Stimmen als Hillary Clinton, aber bei den Wahlmännern die Nase vorn.

Wie lässt sich das erklären?
Ich halte Trump zu großen Teilen für ein unerwartetes Ereignis. Natürlich hat das auch mit dem amerikanischen Wahlsystem zu tun, aber man sollte nicht vergessen: Trump hatte mehr als 46 % der Stimmen, Clinton auch nur 48 %. Also niemand hatte eine „Absolute“ und das Wahlsystem in den USA kann man kritisieren, aber ändern wird man es nur schwer können, weil es schließlich im Verfassungsrang ist.

Mit Joe Biden tritt ein Katholik als Herausforderer Trumps an. Wird er von den katholischen Wählern die Stimmen abräumen?
Grundsätzlich stellen die Katholiken stellen bis heute eine der – zumindest nominell – größten geschlossenen Kirchengruppierungen in den USA dar. Auch wenn sie innerlich sehr polarisiert ist. Es kann sich keine der politischen Parteien, ob Republikaner oder Demokraten, leisten, diese Wählergruppe zu unterschätzen. Eine besondere Würze bekommt diese Auseinandersetzung natürlich immer dann, wenn katholische Gläubige für ein politisches Amt antreten.

Joe Biden ist ein Katholik, er bezeichnet sich selbst als katholischen Gläubigen. Er vertritt aber eine liberale Haltung bezüglich Abtreibung: Er betont zwar, dass er persönlich gegen Abtreibung sei. Aber er unterstützt die Position des „pro choice“, also dass jede Frau selbst entscheiden sollte, ob sie eine Abtreibung durchführen will. Das wird von politischen Gegnern natürlich auch benutzt, um seine Identität, seine katholische Identität in Frage zu stellen.

Trump hat einmal gesagt, seine liebsten Heiligen seien Mutter Teresa und Papst Johannes Paul II. Was sagt uns das?
Ich kann mir durchaus gut vorstellen, dass diese beiden Heiligen vor allem wegen ihrer großen Popularität einen Eindruck bei Trump hinterlassen haben. Es gibt ja nördlich von Washington den katholischen „National Shrine“, der nach Papst Johannes Paul II. benannt ist. Dorthin ist Trump im Juni gepilgert, um zu zeigen, dass er eine besondere Verehrung für diesen Heiligen hat, obwohl Trump nominell nicht dem katholischen Glauben anhängt. Aber er hat natürlich in dieser Auswahl seiner Lieblingsheiligen schon eine bestimmte Richtung, die persönliche Kraft dieser Heiligen und ihre Durchsetzungsfähigkeit. Das ist auch etwas, das man bei Trump durchaus immer wieder erkennt.

Was das jetzt für den persönlichen Glauben von Donald Trump heißt, kann man sicher nicht abschließend klären, oder?
Was im Inneren Trumps vorgeht, wird man nicht vollends klären können. Das muss man aber auch nicht, um zu sehen, welche enorme Rolle Religion in seiner Politik einnimmt. Auch hier findet sich immer die Zuspitzung dieser Haltungen auf seine eigene Person – ähnlich wie er als Manager sehr selbstorientiert entschieden und taktiert hat: Donald Trump hat vor der Wahl 2016 beispielsweise einmal gesagt: „Ich werde der größte Präsident sein, den Gott jemals geschaffen hat.“ Und ich glaube, das ist auch seine persönliche Meinung.

Ich glaube, dass Donald Trump tatsächlich so von sich selbst überzeugt ist, dass er seine Politik auf eine unantastbare Ebene stellen möchte. Ob das aber auch andere Menschen – nicht zuletzt auch die Wählerinnen und Wähler – so sehen werden, ist eine völlig andere Frage.

Aus welcher Intention heraus haben Sie das Buch über Trump geschrieben?
Es war mir ein Anliegen darzustellen, dass sich die politischen Vorgänge rund um die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten zumindest in Ansätzen durchaus verstehen lassen. Dass es nicht einfach ein genereller Intelligenzmangel des US-amerikanischen Volkes ist, der solche Wahlen möglich macht. Das hat tief mit gesellschaftlichen sowie historischen Entwicklungen in den USA zu tun und ich wollte einfach zeigen, dass dieser Donald Trump nicht einfach vom Himmel gefallen ist. Trump ist in Systemen gewachsen und er hat eine eigene Geschichte.

Sehen Sie ihn als Narziss?
Ich habe in meinem Buch immer wieder betont, dass ich es gefährlich finde, Donald Trump in einer Ecke von Krankheiten zu stellen. Trump als Narzissten oder als Neurotiker oder als Psychopathen, als Asozialen darzustellen. Das wurde von vielen Seiten, auch professionellen Ärztinnen und Ärzten versucht. Viele Fachleute haben ihn aus dieser Sicht analysiert. Dazu kann und möchte ich nichts sagen, weil das nicht mein Fach ist.

Die Funktion solcher Erklärungsversuche sind durchaus problematisch und zwar aus einem einfachen Grund: Wir Menschen haben es immer wieder als Tendenz in uns, uns nicht mit unangenehmen Personen oder Dingen auseinandersetzen zu wollen, diese werden dann in den Bereich des Anormalen abgeschoben. Und ich sehe auch bei Trump die Gefahr, voreilig zu sagen: „Das ist ja ein kranker Mann, kein normaler Mensch, der dort im Weißen Haus ist.“ Oder die Meinung, Trump sei nur durch Machenschaften und Verschwörungen an die Macht gekommen. Das sind gängige und schnell gesprochene Urteile, die Trump als Problem einfach aus dem Weg schaffen, indem sie es verdrängen. So einfach ist es aber nicht.

So schmerzhaft und unangenehm es ist: Ich bin der Meinung, dass Trump in vielerlei Hinsicht nämlich sehr wohl Tendenzen der westlichen Gesellschaften repräsentiert, die immer noch prägend sind, mitunter aber unter der Oberfläche schwelen. Ob wir das wollen oder nicht, etwa das Spiegelbild des weißen, männlichen, erfolgreichen oder patriarchalen Anführers oder auch durchaus seine homophoben, rassistischen, sexistischen, frauenfeindlichen Positionen.

Autor:

Stefan Hauser aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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