Über Suizid reden
Die Hoffnung stirbt nicht

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Der freischaffende Künstler Tobias Marboe ist weltgewandt, gebildet und kreativ. Niemand würde vermuten, dass ihn einsame Trauer erfüllt. Seine Eltern ahnen es und wollen helfen, wissen aber nicht wie.

Nachdem er sich das Leben genommen hat, beschließt sein Vater Golli Marboe, durch das Erzählen ein Tabu zu brechen, um Tode zu verhindern.

Golli Marboe
Golli Marboe
ist Journalist, Autor, Dozent an der FH Wien und Vorstandsmitglied des Vereins zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien.


Golli Marboe, Sie sind Vater von vier erwachsenen Kindern. Einer Ihrer Söhne hat sich das Leben genommen, und Sie haben sich entschieden, nicht darüber zu schweigen. Warum?

Golli Marboe: Drei bis vier Menschen nehmen sich jeden Tag in Österreich das Leben. Zehn- bis zwanzigmal so viele versuchen es. Seit ich als Journalist begonnen habe, über den Tod unseres Sohnes öffentlich zu sprechen, begegnen mir ständig Menschen, die mir vom Suizid eines Angehörigen oder von eigenen Suizidgedanken erzählen, und alle sagen abschließend: „Aber bitte sag es niemandem!“

Das hat mit dem Makel zu tun, der nach wie vor besteht, als ob man ein Gesetz gebrochen hätte, wenn man Angehöriger ist, Psychopharmaka nimmt oder Suizidgedanken hat. Dabei ist es wichtig darüber zu reden. Dass so selten darüber gesprochen wird, macht depressive Menschen noch einsamer. Angehörige wissen nicht, dass es hilft, wenn Betroffene darauf angesprochen werden.

Man kann zwar als Angehöriger niemanden therapieren, aber man kann die Einsamkeit durchbrechen, indem man etwa fragt: „Warst du einmal kurz davor, dir das Leben zu nehmen?“ Das ist schwer. Doch niemand hat sich das Leben genommen, weil er oder sie darauf angesprochen wurde.

Tobias war 29 Jahre alt, sein Tod kam für alle unerwartet. Wollen Sie die Vorgeschichte erzählen?

Ich habe das Gefühl, dass unser Bub an sich gezweifelt hat, weil seine Kunst nicht anerkannt wurde. Dann wurde daraus Depression, und leider war er dazu veranlagt, dass daraus auch psychotische Schübe wurden, sodass er das Gefühl hatte, dass es Menschen oder Systeme gibt, die nicht zulassen, dass er Erfolg hat. Das war nicht immer so, sondern schubweise. Am Tag vor seinem Tod ist das wieder ausgebrochen.

Als dann eine SMS von ihm kam: „Wollt ihr nicht zu mir zum Frühstück kommen?“, waren wir sehr erleichtert. Wie wir jetzt wissen, war das eine Art Abschiednehmen. Man kann es so interpretieren, dass Tobias da die Entscheidung schon getroffen hatte.

Im Nachhinein finde ich schön, dass er diesen Tag mit uns verbracht hat und nicht in der Einsamkeit. Er wusste, dass er uns das zumuten kann. Wir alle stellen uns die Frage, was hätten wir bemerken können, wo hätten wir eingreifen, wie hätten wir helfen können, dass es nicht zu dieser Einsamkeit und Traurigkeit kommt.

Sie hatten gedacht, dass jetzt alles besser wird. Doch dann wurde Tobias vor dem Haus gefunden und war nicht mehr am Leben. Unvorstellbar.

Am selben Tag noch kam Pater Nikolaus zu uns, der übrigens seit letzter Woche Abt des Wiener Schottenstifts ist. Er war sehr liebevoll, kannte ja den Tobias vom ersten Tag seines Lebens bis zum letzten. Er hat nicht gesagt, „So, wir beten jetzt!“ oder: „Es wird schon alles einen Sinn haben“, sondern er hat gesagt: „Ich kann hier keine Antworten geben, und ich kann euch nicht erklären, was das alles für einen Sinn hat. Wenn ihr wollt, können wir jetzt beten. Und wenn ihr wollt, können wir eine Litanei miteinander sprechen.“ Das war alles sehr freiwillig, solidarisch, anteilnehmend.

Man ahnt in diesem Augenblick, dass das Leben nie wieder so wird wie vorher. Es war ja vorher auch nicht alles glatt. Aber das Leben wird nie mehr vollständig sein. Das erste Mal, dass wir halbwegs zur Ruhe kamen, war nach der Seelenmesse. Und zwar, weil so viele Menschen da waren, die ihre Solidarität und Anteilnahme glaubhaft mit uns geteilt haben.

Umso schlimmer, dass diese Rituale seit einem Jahr nicht oder nur eingeschränkt möglich sind.

Eine Katastrophe, ja. Auch die Vorbereitung auf die Beerdigung half sehr, die Auseinandersetzung mit dem Leben. Das ist eine meiner Hauptbotschaften: Ich glaube, dass man von einem Menschen nicht den Tag seines Todes in Erinnerung behalten soll, sondern das gesamte Leben und die Persönlichkeit. Der Tobias hatte ein volles Leben, 29 Jahre lang. Wir haben viele wunderbare und schöne Momente erlebt.

Wie war er denn, der Tobias?

Er war ein humorvoller, verschmitzt lächelnder Bursche mit einem Grübchen im Gesicht. Aus der Zeit an der französischen Schule in Wien hatte er Freunde auf der ganzen Welt, war ein leidenschaftlicher Europäer, hat viel darüber nachgedacht, wie man in der Gesellschaft wirken kann. Er hat Lieder geschrieben, getextet, Bilder gemalt, er hat Internetkanäle mit Sketches und Wort-Bild-Collagen bespielt, die immer mit Humor gestaltet waren.

Sein Logo war ein augenzwinkernder Bursch mit Kappe, der die Zunge zeigt. Diese liebevolle Respektlosigkeit hat ihn ausgezeichnet. Er liebte Musik und war sportlich. Er war Tonmeister und Filmemacher, hat Musikvideos geschnitten. Und er war sehr fleißig, hat täglich an seinen Projekten gearbeitet. Aber er war auch stolz. Und der Stolz hat es ihm nicht erlaubt, um die Hilfe zu bitten, die er gebraucht hätte.

Tobi hat auch einen Abschiedsbrief hinterlassen. Was hat er Ihnen geschrieben?

Das waren wunderschöne, liebevolle Gedanken. Der vielleicht schönste Gedanke war, dass er auf seine Nichte Alma aufpassen wird, die ein halbes Jahr alt war. Dieser Gedanke hat uns doppelt berührt. Er drückt nicht nur seine Liebe zu ihr aus, sondern auch seine Hoffnung auf ein Weiterleben. Dass er glauben kann, es geht weiter, ist schön. Er hat in einer Collage den Satz geprägt: Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, weil die Hoffnung nicht sterben kann.

Ich verstehe die drei Merkmale der christlichen Religion – Glaube, Liebe, Hoffnung – jetzt viel besser als vorher. Da ist die Hoffnung besonders stark. Mir hat noch niemand beweisen können, dass es kein Leben nach dem Tod gibt!

Wer sich das Leben nimmt, ist zum Verzweifeln einsam. Was kann man dagegen tun?

Die meisten Menschen nehmen sich im Mai das Leben, nicht im Herbst oder zu Weihnachten. Und zwar, weil es den anderen dann wieder gut geht. Wenn die anderen ins Schwimmbad oder zum Essen gehen, dann ist die Einsamkeit am größten. Jetzt, während der Pandemie, gibt es einen Rückgang an Suiziden, obwohl wir eine Zunahme an depressiven Krankheiten haben. Aber wenn wir nicht aufpassen, kann das eine Explosion werden nach dem Ende der Beschränkungen.

Im Lockdown sind viele eingeschränkt. Depressive sind aber nachher noch alleiner. Deshalb müssen wir jetzt viel darüber sprechen, und gerade jetzt braucht es psychiatrische Betreuung auf Krankenschein. Jetzt braucht es die Dokumentation von solchen Erlebnissen wie unseren, damit Eltern lieber einmal öfter als einmal zu wenig das Kind an der Hand nehmen und zu einem Arzt gehen oder zu einem Therapeuten.

Mit einem erwachsenen Sohn macht man das nicht.

Ja, das ist blöd. Wenn er einen offenen Bruch gehabt hätte – hätte ich ihn dann, weil er erwachsen ist, nicht ins Krankenhaus geführt? Das ist genau die Unkenntnis psychischer Krankheiten! Wir denken, er ist für sich selbst verantwortlich. Aber wenn er einen Herzinfarkt hat, ist er dann auch für sich selbst verantwortlich?

Depression ist eine chronische Krankheit, die genauso thematisiert gehört wie Zuckerkrankheit oder Herzrhythmusstörungen. Ein Psychiater sagte zu mir: „Ihr Sohn könnte noch leben!“ Ja, wenn er medikamentös eingestellt worden wäre. So eine psychotische Sache kann man in den Griff bekommen.

Was sollen Eltern also beachten?

Wir dürfen uns nicht überschätzen. Man sagt, es sei keine große Sache, einen Blinddarm rauszuschneiden. Ja, aber ich kann es nicht! Ich kann auch nicht in die Abgründe und Tiefen eines anderen Menschen schauen, auch nicht als liebender Vater. Das muss ich akzeptieren. Psychische Probleme brauchen Profis.

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