Bildung in Zeiten von Corona – Folge 2
Der Ausnahmezustand ist zum Alltag geworden

Schule in der Pandemie hat viele Gesichter
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16. März 2020: Von einem Tag auf den anderen war schulisch nichts mehr so, wie wir es gewohnt waren. Unsere Kinder: Zu Hause. Ihr Klassenzimmer: die eigenen vier Wände. Die Lehrer: Plötzlich vor die Aufgabe gestellt, Schülerinnen und Schülern aus der Ferne zu unterrichten.

Mit Andrea Pinz, der Leiterin des Erzbischöflichen Amtes für Schule und Bildung, schauen wir heute zurück auf ein Jahr Unterricht unter erschwerten Bedingungen. Was waren ihrer Einschätzung nach die größten Herausforderungen für sie als Leiterin des Schulamtes, für die Lehrerinnen und Lehrer, für die Kinder und Jugendlichen? Und hatte – und hat – das Ganze vielleicht doch auch das eine oder andere Gute?

Schule in der Pandemie hat viele Gesichter: Es gibt Tage, an denen finden Schulstunden via Computer oder Handy statt. Da werden Arbeitsaufträge aus dem Internet heruntergeladen und fertige Hausübungen wieder hochgeladen. Es gibt aber auch Tage, da sitzen die Kinder und Jugendlichen – meist nur in halber Besetzung – in der Klasse, die FFP2 Maske über Mund und Nase gespannt, vielleicht da und dort in eine Decke gewickelt, weil das regelmäßige Lüften auch bei tiefen Temperaturen notwendig ist.

Es gibt Kinder und Jugendliche, die können zu Hause auf eine wahre „Schatzkiste“ an technischen Hilfsmitteln – vom Computer, über einen Drucker bis hin zu einem belastbaren Internetzugang zurückgreifen. Und es gibt jene, die das alles nicht haben. Denen wochen- wenn nicht monatelange – der Kontakt zu Schule, Lehrern und damit zu Lerninhalten vollkommen fehlt.

Aber Schule in der Pandemie, das ist auch lernen, wie man sich Informationen aus dem Internet holt, wie man völlig selbstständig Arbeitsaufträge bearbeitet und wie man mit den gängisten Computerprogrammen arbeitet. Wie man mit Lehrern kommuniziert, wenn man sie nicht ,in persona‘ sieht und wie man mit Klassenkollegen virtuell in Kontakt bleiben kann.

Viele Herausforderungen

Lehrerinnen und Lehrer genauso wie die Schülerinnen und Schüler und deren Eltern sahen sich im vergangenen Jahr einer Menge Herausforderungen gegenüber.

Viele haben dabei aber auch eine Menge fürs Leben gelernt, ist Andrea Pinz, Leiterin des Erzbischöflichen Amtes für Schule und Bildung, überzeugt: „Wir alle haben etwa gelernt, wie bedeutsam rasches, klares und regelmäßiges Kommunizieren ist. Wir haben gelernt, dass die verlässliche und verständliche Weitergabe von Informationen Sicherheit gibt, das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt und motiviert. Vor allem die Kinder und Jugendlichen haben gelernt, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.“

Parallel zum digitalen Unterricht mussten an den Schulen vor Ort immer mehr Kinder betreut und im Lernen begleitet werden. „Eine Doppel- und Dreifachbelastung“ für alle Lehrer, wie Andrea Pinz betont. Natürlich seien da Direktionen und Lehrpersonal – vor allem durch sich rasch ändernde Rahmenbedingungen – auch an ihre Grenzen gekommen. „Beeindruckt haben mich aber die kreativen und innovativen standortbezogenen Konzepte, die entwickelt wurden.“ Sie wisse von Rechtschreibübungen anhand eines Videokochkurses für gesundes Mittagessen. Oder auch von Religionsstunden mittels „Padlet“ – einer Plattform im Internet –, durch die multimedial Einblicke in die Welt des Neues Testaments gegeben wurden. Es gab Musikunterricht, in dem jede und jeder zuhause vor dem Computer den Rhythmus einer Beethoven-Symphonie mittrommelte. „Ich wünsche unseren Schülerinnen und Schülern, dass viele dieser didaktischen Initiativen, die eigentlich aus der Not heraus geboren wurden, in die Zukunft gerettet werden.“

Was Schule kann
Bei all diesen Herausforderungen müsse gerade jetzt auch immer wieder gesagt werden, dass nicht alles nur schlecht war: „Der Blick auf das System Schule hat sich enorm gewandelt – von ,möglichst schnell raus‘ zu ,wann dürfen wir endlich wieder hin‘.“

Der Schulbesuch werde nun ins Bewusstsein gerückt als etwas, das dem Leben eine wohltuende, förderliche Struktur gibt, die ganze Persönlichkeit der jungen Menschen bildet, ein soziales Netz erfahren lässt. „Begeistert hat mich auch die Bereitschaft unserer Pädagoginnen und Pädagogen, über sich hinauszuwachsen: wenn es darum ging, sensibel und aufmerksam zu sein, mit den Schüler­innen und Schülern in Verbindung zu bleiben, das Distance Learning interessant und einladend zu gestalten, zu erkennen, was in der Situation wirklich notwendig ist. Und das waren meist nicht die mathematischen Formeln oder die korrekte Beistrichsetzung. Wer von uns hätte sich vor einem Jahr vorstellen können, dass auch der spirituelle Morgenimpuls mit 25 Kindern über „Zoom“ oder „MS Teams“ (eine Internet-Videokonferenz) stimmig und bereichernd sein kann?“

Sie sei überzeugt davon, dass in der Krise „gerade in unseren katholischen Schulen die gemeinsame Vision eine große innere Verbundenheit aller geschaffen hat: Wir haben gezeigt, dass wir es schaffen, die jungen Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Und unsere christliche Zuversicht und das Vertrauen aufeinander haben uns darin gestärkt und tun es noch.“

Begleitet, bildet, baut auf

Dem Religionsunterricht kam vielerorts im vergangenen Jahr eine spezielle Bedeutung zu. „Die drei ,B‘ des Religionsunterrichts haben sich noch einmal geschärft: Er begleitet, bildet und baut auf“, sagt Andrea Pinz. In den Phasen des ortsungebundenen Unterrichts haben die Religionslehrer vielfältige Beziehungsbrücken geschaffen zu den Schülern und ihren Familien, in den drängenden Fragen Orientierung aus dem Glauben angeboten: Warum gibt es so viel Leid? Dürfen wir Hoffnung haben? Was heißt Verantwortung? Wie viel Freiheit hat der einzelne?

„Ich habe einen vielfältigen – durchaus auch kontroversiellen – Dialog über Grundwerte und Grundhaltungen, über Solidarität und Geborgenheit, über Angst und Scheitern wahrgenommen, initiiert vom Religionsunterricht, doch seine Grenzen übersteigend, in der Schule und in den Familien“, so die Schulamtsleiterin.

Durch digitale Unterrichtsformen habe der Religionsunterricht außerdem eine größere Transparenz erhalten, er konnte offenlegen, was er leistet, wie aktuell und lebensrelevant er ist. „Nicht selten haben andere Familienmitglieder den Schülerinnen und Schülern beim Online-Religionsunterricht über die Schulter geschaut und auch mitgemacht. Und auf einmal waren religiöse Lehrplaninhalte Gesprächsthema beim Abendessen“, sagt Andrea Pinz. Die Bedeutung von religiöser Bildung für den einzelnen und für die Mitgestaltung unserer Gesellschaft wachzuhalten werde auch weiterhin eine wichtige Aufgabe sein.

Sicherheit und Lebensfreude
Für die kommenden Wochen und Monate hofft Andrea Pinz, dass es den Schulen weiterhin gelingt, ein Klima der Sicherheit und der Lebensfreude aufzubauen. „In einer Zeit, in der der Ausnahmezustand Alltag geworden ist, halte ich das für vorrangig“, betont die Leiterin des Schulamtes: „Die christlichen Rituale und der kirchliche Festkreis bilden eine gemeinsame Basis, die Hoffnung und Trost spendet.

Die geltenden Hygienemaßnahmen und Richtlinien verantwortungsbewusst mit einer gelingenden und an den Schülerinnen und Schülern orientierten Praxis zu verbinden ist die Aufgabe von uns allen, zumindest bis zum Sommer.“

Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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