Wiener Gesera 1421
Der Massenmord an den Juden

Gedenktafel. In Wien 3, Kegelgasse 40, ist eine Gedenktafel angebracht, man könnte dort ein paar Steinchen oder weiße Rosen hinlegen.
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Vor 600 Jahren, am 12. März 1421, wurden an die 200 Frauen und Männer der jüdischen Oberschicht in Wien 3 verbrannt. Martha Keil, Historikerin und Judaistin, über diese sogenannte „Wiener Gesera“.

Wiener Gesera“ meint die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung von Wien und Niederösterreich zwischen Mai 1420 und 12. März 1421 durch Gefangennahme, Folter, Zwangstaufe, der Vertreibung von etwa 800 Armen und Beraubung und schließlich Verbrennung von etwa 200 Männern und Frauen der jüdischen Oberschicht.

Martha Keil
Martha Keil

Historikerin und Judaistin Martha Keil leitet das Institut für Jüdische Geschichte Österreichs (St. Pölten).

Gegenüber dem SONNTAG erläutert Martha Keil, Leiterin des Instituts für Jüdische Geschichte Österreichs, den Hintergrund dieses furchtbaren Verbrechens und die Rolle und Bedeutung der jüdischen Gemeinden im mittelalterlichen Österreich.

  • Welche Rolle spielt das Judentum in der Geschichte der Stadt Wien?

MARTHA KEIL: „Das Judentum“ gibt es nicht, auch nicht in Wien – so vielfältig seine Ausprägungen sind, so vielfältig sind auch die Bedeutungen, die die jüdische Gemeinde als Kollektiv oder einzelne jüdische Persönlichkeiten in Wien und für Wien hatten und noch immer haben. Zu den vielen Aspekten des „jüdischen Wien“ wurden bereits zahlreiche Bücher geschrieben.

Über die vielen positiven jüdisch-wienerischen Wirkungsgeschichten hinaus muss sich die Stadt aber mit der Tatsache auseinandersetzen, dass sie in der Vernichtung ihrer jüdischen bzw. von den NS-Gesetzen als „jüdisch“ bezeichneten Bewohnerinnen und Bewohner eine führende Rolle einnahm.

  • Was war das Charakteristische der jüdischen Gemeinden im mittelalterlichen Österreich?

Ihr Ansiedlungsrecht war durch die Privilegien der Landesfürsten – also der habsburgischen Herzoge – begründet, die ihnen Schutz und freie Religionsausübung garantierten. Als Gegenleistung waren hohe Steuern zu entrichten und ein Berufsfeld zu betreiben, das Christen vom kanonischen Recht untersagt war und das daher einen entsprechend schlechten Ruf hatte: die Geldleihe auf Zinsen.

Handwerk war schon deshalb nicht möglich, weil es nur im Rahmen einer christlichen Zunft ausgeübt werden konnte. Die wenigen anderen Berufe betrafen Gemeindeämter, Gelehrsamkeit und Bildung und in geringem Maß Medizin.

  • Wie lässt sich die Wiener Gesera 1420/1421 mit wenigen Sätzen beschreiben?

Das hebräische Wort „Gesera“ bedeutet ursprünglich etwas Abgeschnittenes, wird aber im Sinn einer nachteiligen Entscheidung, als judenfeindliches Gesetz und schließlich als Verhängnis und Verfolgung interpretiert.

Konkret gemeint ist die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung von Wien und Niederösterreich zwischen Mai 1420 und 12. März 1421 durch Gefangennahme, Folter, Zwangstaufe, der Vertreibung von etwa 800 Armen und Beraubung und schließlich Verbrennung von etwa 200 Männern und Frauen der jüdischen Oberschicht auf der damaligen Gänseweide auf der heutigen Erdberger Lände im 3. Wiener Gemeindebezirk.

  • Aus welchen Gründen wurden die Mitglieder der jüdischen Gemeinden im 15. Jahrhundert vertrieben?

Grundsätzlich war das 15. Jahrhundert im ganzen Heiligen Römischen Reich das „Jahrhundert der Vertreibungen“, denn aufgrund von politischen und wirtschaftlichen Konstellationen war die Lage der Juden allgemein geschwächt.

Warum aber die Vertreibung in Wien von einem derart grausamen Massenmord begleitet wurde, darüber sind sich die Forschenden nicht einig. Während einige Historiker vor allem finanzielle Motive, also gleichsam einen groß angelegten Raubmord vermuten, mit dem Herzog Albrecht V. die Kreuzzüge gegen die Hussiten und seine Hochzeit finanzierte, halten andere, auch ich, eine religiöse Motivation für plausibler.

Albrecht V. war ein sehr frommer Mann und sein erfolgloser Kampf gegen die hussitische Bewegung hatte offensichtlich seinen Zorn gegen die einzige nicht-christliche Minderheit unter seiner Herrschaft weiter angestachelt. Als konkrete Begründung schob er im Nachhinein eine Hostienschändung vor, die sich angeblich Jahre zuvor ereignet hatte, aber seltsamer Weise bis dahin nicht sanktioniert worden war. Sobald sich aber Juden und Jüdinnen in dieser Bedrohung taufen ließen, unterstützte er sie nach Kräften – dies zeigt meiner Meinung nach, dass sein Judenhass tatsächlich in erster Linie religiös motiviert war.

  • Welche Zeugnisse gibt es noch heute von der Wiener Gesera?

Eindrucksvollstes Zeugnis sind die Fundamente der nach der Gesera abgerissenen mittelalterlichen Synagoge, zu begehen im Jüdischen Museum Wien am Judenplatz, mit deren Steinen ein Gebäude der Universität erbaut wurde. Dass immer wieder bei Renovierungsarbeiten jüdische Grabsteine aus dem Mittelalter auftauchen, ist ebenfalls eine Folge der Gesera. Denn ein jüdischer Friedhof ist unauflöslich und sollte bis zum Jüngsten Tag bestehen.

Wenn Grabsteine zweckentfremdet werden, weist dies immer auf eine Vertreibung oder, wie in Wien, Schlimmerem, hin. Dasselbe gilt für die Fragmente heiliger Schriften, auch sie würden nach dem jüdischen Recht begraben oder aufbewahrt werden. Ihre Verwendung als „Recycling-Material“ für Bucheinbände und ähnliche Zwecke zeugt ebenfalls von einer Gewaltgeschichte.

  • Welche materiellen Zeugen des jüdischen Mittelalters in Österreich gibt es überhaupt noch?

An archäologischen Überresten sind noch die Synagogengebäude in Korneuburg und Bruck an der Leitha sowie die erwähnten Grundmauern in Wien erhalten, außerdem Reste von Toren der Judenstadt, Kellerräume, Mauern und Sitznischen sowie an mehreren Orten jüdische Grabsteine. Zeugnisse aus Pergament und Papier sehen wir in den über 1300 zweckentfremdeten hebräischen Fragmenten von Torarollen, Gebetbüchern und rabbinischen Schriften, die am Institut für jüdische Geschichte Österreichs in einem Projekt erfasst und beschrieben werden (siehe www.hebraica.at).

Ein weiteres Großprojekt widmet sich den tausenden Geschäftsurkunden, vor allem zu Darlehensgeschäften, Besitzerwerb und ähnlichem. Dazu sind bereits vier Bände von sog. Regesten, Kurzfassungen der Urkunden mit weiteren Angaben, erschienen (www.injoest.ac.at/de/projekte/laufende-projekte/regesten#s1190).

  • Was können wir von Papier, Pergament und Steinen lernen?

Lernen können wir nur, wenn wir diese Dinge lesen, analysieren und einordnen können. Die materiellen Überreste zeugen von einer ehemals blühenden jüdischen Gemeinde und einem regen Austausch zwischen der jüdischen Minderheits- und der christlichen Mehrheitsgesellschaft auf allen Ebenen: Nachbarschaft, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft und weltliche Kultur. Positive Kontakte, gelehrte Gespräche und sogar Freundschaften bestanden ebenso wie religiöse Polemik und gegenseitige Verachtung.

Die Quellen berichten aber auch von seit der Antike tradierten antijüdischen Vorurteilen, irrationalen Vorwürfen wie Hostienschändung und Ritualmord, und, wie auch in der Gesera in die Tat umgesetzt, von mörderischem Hass.

Was aus den christlichen Chroniken ebenfalls zu lernen ist: die Mentalität der Nutznießer, der Profiteure von judenfeindlicher Gewalt, hat sich seit dem Mittelalter nicht geändert.

Gedenktafel. In Wien 3, Kegelgasse 40, ist eine Gedenktafel angebracht, man könnte dort ein paar Steinchen oder weiße Rosen hinlegen.
 Martha Keil, Historikerin und Judaistin
Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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