Dombrand vor 75 Jahren
Als unser „Steffl“ in lodernden Flammen aufging

Als steinerner Zeuge des Unvergänglichen hatte der Dom durch über 800 Jahre hinweg allen Widrigkeiten getrotzt, hatte Feuersbrünste, Türkenbelagerungen und Franzosenkriege überstanden. Doch in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges blieb auch St. Stephan nicht mehr verschont vor der Vernichtung.
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  • Als steinerner Zeuge des Unvergänglichen hatte der Dom durch über 800 Jahre hinweg allen Widrigkeiten getrotzt, hatte Feuersbrünste, Türkenbelagerungen und Franzosenkriege überstanden. Doch in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges blieb auch St. Stephan nicht mehr verschont vor der Vernichtung.
  • Foto: Albert Hilscher/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com
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Die Tage von 11. bis 13. April 1945 gehören zu den ganz traurigen Ereignissen in der Geschichte des Wiener Stephansdoms. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Kathedrale durch einen Brand schwer beschädigt.

„Ich dachte, das Sicherste für einen Angriff ist die Stephanskirche“, erinnerte sich der bereits verstorbene Pfarrer Hans Neunherz aus Niederabsdorf an seinen Aufenthalt am 12. März 1945 in der Wiener Innenstadt. Die Sirenen heulten. Voralarm. Das bedeutete, feindliche Flugzeuge flogen über Kärnten und die Steiermark ein. Pfarrer Neunherz ging von der Oper, wo er die Straßenbahn nehmen wollte, weg in den Dom. Ein zweiter Alarm geht los. Alle, die wie Neunherz im Kirchenraum des Domes Zuflucht genommen hatten, mussten mit dem Dompfarrer in den Stephaner Luftschutzkeller gehen. Die Bomben treffen dieses Mal die Wiener Innenstadt. „Wir saßen in langen Reihen auf Brettern stillschweigend im ,Gefängnis’. Dann wurde das Allerheiligste hinab getragen, die Generalabsolution und der päpstliche Segen erteilt. Hierauf beteten alle, Männer und Frauen, sehr, sehr andächtig den schmerzhaften Rosenkranz“, ist in den Erinnerungen von Hans Neunherz, die in der Pfarrchronik von Niederabsdorf festgehalten sind, nachzulesen. „Nach unserem Gebet wurden die Detonationen und das Dröhnen der Bomben immer lauter“, erinnert sich der Priester. In mehreren Wellen griffen amerikanische Flieger sämtliche Teile der Stadt an. Es war einer der schwersten Fliegerangriffe, die Wien im Zweiten Weltkrieg heimsuchten.

Herr, rette uns, wir gehen zugrunde!

Zwei schwere Bomben fallen schließlich in unmittelbarer Nähe der Stephanskirche. Der Dom erbebte bis in seine Grundfesten. „Staub wurde aufgewirbelt, man hörte das Klirren der Kirchen fenster, und Männer und Frauen riefen Stoßgebete: ,Herr, rette uns, wir gehen zugrunde!“, berichtet Pfarrer Neunherz, der diesen Angriff unverletzt überlebte.

Eine der Bomben hatte die obere Sakristei getroffen und brachte sie zum Einsturz. Die zweite schlug zwischen Katakombeneingang (neben der Kapistrankanzel) und Zwettlerhof ein und traf eine darunter liegende Grabkammer, so dass halbvermoderte Särge und menschliche Knochen in weitem Umkreis zerstreut wurden. Der Bombenangriff vom 12. März zerstörte nicht nur die meisten aus dem 19. Jahrhundert stammenden Fenster von St. Stephan, sondern auch die beiden großen Wasserleitungen des Domes, was sich in der Folge fatal auswirken sollte. Infolge des Mangels an Arbeitskräften und Material konnte der Schaden an den Wasserleitungen nicht mehr behoben werden. „Die Wiener Bevölkerung wusste nun, dass auch der Dom von Luftangriffen nicht mehr verschont würde“, berichtet die ehemalige Leiterin des Diözesanarchivs der Erzdiözese Wien, Annemarie Fenzl. Die Karwoche des Jahres 1945 verlief zwar eingeschränkt doch in gewohnter Ordnung. Am 1. April zelebrierte Kardinal Theodor Innitzer, damals Erzbischof von Wien, ein feierliches Osterhochamt. Eine Woche später wurde der Dom aufgrund andauernder Fliegerangriffe zum ersten Mal geschlossen.

Die Helden dieser Tage

Am 10. April 1945 besetzten Vorhuten der Russen kampflos die Innere Stadt. Unbekannte hissten an der Südseite des Hohen Turmes von St. Stephan eine weiße Fahne. Dies provozierte den Kommandanten einer SS-Artillerieabteilung, die bei Leopoldau in Stellung gegangen war. Er gab daraufhin den Befehl, den Turm „umzulegen“. „Den Befehl erhielt der damalige Hauptmann und Kommandeur der Flakgruppe Groß-Jedlersdorf, Gerhard Klinkicht aus Celle, der den Stephansdom 1930 als Pfadfinder zum ersten Mal gesehen hatte“, sagt Annemarie Fenzl. Klinkicht verweigerte den Befehl, den Dom zu sprengen und wurde so zum „Retter des Stephansturmes“. Seit dem Jahr 2000 erinnert eine Gedenktafel an der Südfassade des Domes an den Widerstand Klinkichts.

Für den unteren Teil des Domes war in diesen Tagen Domkurat und Sakristeidirektor Lothar Kodeischka verantwortlich. Annemarie Fenzl nennt ihn den „wichtigsten Zeugen des furchtbaren Geschehens, das ihn Zeit seines Lebens nie mehr losgelassen hat“. Kodeischka verbrachte Tag und Nacht im Dom, bekämpfte Glutnester und Brandherde. Unter Einsatz seines Lebens und zuletzt mit drei gebrochenen Rippen versuchte der Geistliche alles in seiner Macht Stehende, um eine Brandkatastrophe von St. Stephan aufzuhalten. Doch in der Nacht von 11. auf 12. April musste Kodeischka hilflos mitansehen, wie die „Mutter aller Kirchen“ des Landes immer stärker vom Feuer erfasst wurde. Das Feuer war von umliegenden Häusern ausgegangen. Annemarie Fenzl: „Der Wind und die enorme Sogwirkung der erhitzen Luft riefen einen gewaltigen Feuersturm hervor, der glühende Trümmer und brennende Fetzen bis hoch über den Südturm wehte.“ Der unausgebaute nördliche Turm des Domes fing über ein Gerüst Feuer, herabstürzende brennende Balken setzten die Dombauhütte in Brand. Die Halbpummerin stürzte mitsamt dem brennenden Glockenstuhl ins Kircheninnere.

Die Pummerin zerschellte

Das Feuer breitete sich im Inneren des Domdaches weiter aus. Am 12. April, um die Mittagszeit, brach der riesige Dachstuhl Stück um Stück zusammen. Auf die große Orgel fiel Glut und sie stand in kurzer Zeit in Flammen. „Aus den Pfeifen fuhren Flammen hoch und sie begannen leise zu tönen, wie wenn der Dom weinte, als er zugrunde ging“, berichtet Annemarie Fenzl.

Auch das Glockenhaus der Pummerin im südlichen Hohen Turm wurde vom Feuer erfasst. Um 14.30 Uhr zerschellte die größte Glocke Österreichs am großen Gewölbering der südlichen Turmhalle. In den frühen Morgenstunden des 13. April brach schließlich das Gewölbe der südlichen Chorhalle ein. Ein Bild bleibt vielen Zeitzeugen unvergesslich: Vom Lettnerkreuz, das im Triumphbogen hing, war nur noch der obere Teil übrig, der untere verbrannte. „Wie eine stumme Klage über der unbeschreiblichen Verwüstung“ (Fenzl) hingen die durchbohrten Hände des Gekreuzigten an den Querbalken. Der damalige Hochschulseelsorger Karl Strobl sprach von einem „Gräuel der Verwüstung an heiliger Stätte“.

Viele Wiener weinten beim Anblick des zerstörten Domes. Kardinal Theodor Innitzer, der Wiener Erzbischof selbst soll sich zu verzweifelten Betrachtern gestellt und tröstend gesagt haben: „Na, wir werden ihn halt wieder aufbauen müssen.“

Autor:

Agathe Lauber-Gansterer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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