172 Jahre Wiener Kirchenzeitung: Wie alles begann
1848: „Ein Kind der Freiheit“

Das Cover der erste Ausgabe der Wiener Kirchenzeitung 1848
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  • Das Cover der erste Ausgabe der Wiener Kirchenzeitung 1848
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Im Frühling 1848 entschloss sich eine Gruppe junger Priester, die Verteidigung der angegriffenen Kirche selbst in die Hand zu nehmen. Am 15. April erschien erstmals die von Sebastian Brunner herausgegebene „Wiener Kirchenzeitung“. An deren Geburtsstunde erinnert Johann Weißensteiner vom Diözesanarchiv Wien.

Dr. Johann Weissensteiner
Dr. Johann Weissensteiner war bis Juli 2019 Leiter des Wiener Diözesanarchivs

„Der starre, eisige Winter der Tyrannei wich von unserm Vaterlande, in den Märztagen brach die Winterdecke, in den Maitagen erwuchs die Saat der Freiheit und prangt im Hoffnungsgrün.“ Diese recht pathetisch anmutenden Worte von Anton Füster, Feldkaplan der Wiener Akademischen Legion, schilderten am 28. Juli 1848 rückblickend die Situation in Wien im Frühling. In wenigen Tagen war das alte System Metternichs mit seinen Polizeistaatmethoden und seiner allgegenwärtigen Zensur hinweggefegt worden: Am 13. März 1848, dem Tag des Ausbruchs der Revolution, musste Metternich abdanken und fliehen, am folgenden Tag gewährte Kaiser Ferdinand I. die Pressefreiheit und versprach am15. März die ersehnte Verfassung, die „Konstitution“.
In den zahlreichen neuen Zeitungen, Flugschriften und Broschüren, die nun erscheinen konnten, finden sich massive Angriffe auf die katholische Kirche und ihre Einrichtungen: Man wetterte gegen den „Müßiggang in den Klöstern“, plädierte für die Einziehung der Kirchen- und Klostergüter zur Deckung der Staatsschulden und forderte – im Namen der Freiheit – die Abschaffung des Zölibats.
Am 13. März wurde in einem Atemzug mit der Vertreibung Metternichs „unter polterndem Getümmel des Volkes“ auch die Ausweisung der Jesuiten als jener „Werkzeuge, womit man das Volk verdummen will“ gefordert. In Mariahilf versuchte ein aufgebrachter Haufen in die Kirche einzudringen; am folgenden Tag wurde die Pfarrkanzlei gestürmt. Am 6. April wurden die Redemptoristen aus ihrem Kloster bei Maria am Gestade vertrieben, dasselbe Schicksal traf in der folgenden Nacht auch die Redemptoristinnen am Rennweg.

Der Erzbischof schwieg

Stürmung der Barrikaden auf dem Wiener Stephansplatz während der Revolution 1848.

Erzbischof von Wien war im Revolutionsjahr 1848 war Vinzenz Eduard Milde (1832–1853). Er hatte sich im josephinischen Staatskirchentum in vielen Funktionen bewährt und war 1832 als erster Bürgerlicher Erzbischof von Wien geworden. Dem Reformkreis um Klemens Maria Hofbauer war er ferngeblieben, die von den Redemptoristen propagierten Volksmissionen waren ihm ein Gräuel. Milde vertrat einen vollkommen staatstreuen Kurs. So brachte er 1848 kein Verständnis für die Forderungen des jüngeren Klerus nach Befreiung der Kirche aus den „goldenen Fesseln des Staatskirchentums“ auf. Entsprechend erließ er am 17. März folgende Anordnung: „Die Priester sind nicht dazu bestimmt, die irdischen Angelegenheiten der Menschen zu beraten oder zu regieren, sondern das innere, das ewige Heil der Seele zu fördern. Deswegen wünschen und hoffen Seine fürsterzbischöfliche Gnaden, dass alle Priester sich in politische Angelegenheiten nicht mischen, sondern sich darauf beschränken, zu Gott zu beten, dass er alles zum wahren zeitlichen und ewigen Wohle der Menschen leiten möge“.

Vor allem dem jüngeren Klerus war diese Empfehlung viel zu wenig. Schon zwei Tage später erschien die vom Hofkaplan Dr. Michael Häusle verfasste Broschüre „Fragen an den Herrn Fürsterzbischof von Wien. Im Namen seines mundtoten Klerus“. Darin wurde der Erzbischof daran erinnert, dass der Priester auch Staatsbürger sei, seine innere Freiheit nicht aufgeben dürfe und sich daher auch um weltliche Dinge kümmern müsse, und dass es neben der weltlichen Politik auch noch eine kirchliche gäbe. Vor allem gehe es nun auch um die Freiheit der Kirche: „Die Kirche liegt in Österreich noch in den schmählichen Banden des Bürokratismus, und der erste Bischof der deutschen Erblande beginnt seinen Ausschritt in die neue Ordnung der Dinge damit, dass er seinen Klerus zu der altgewohnten Zahmheit auffordert! ...Wir wollen für die Kirche nur diejenige Freiheit, welche ihr von Gott und von Rechtswegen gebührt, die Freiheit von aller bürokratischen Bevormundung von Seiten des Staates, die freie und unverkürzte Autonomie der Kirche auf ihrem Gebiete, Schutz und Garantie für ihre
äußeren Rechte“ ...„Neben dem neuen Staate muss eine neue Kirche erblühen“
.

Geburtsstunde der Kirchenzeitung

Da der Erzbischof weitgehend untätig blieb, entschied sich eine Gruppe junger Priester, darunter vor allem auch der damalige Kaplan von Altlerchenfeld, Dr. Sebastian Brunner, und der spätere Kardinalerzbischof von Wien, Anton Gruscha, die Verteidigung der vielfach angegriffenen Kirche selbst in die Hand zu nehmen. Am 15. April – es war der Samstag vor dem Palmsonntag – erschien erstmals die von Sebastian Brunner herausgegebene „Wiener Kirchenzeitung“.

Zeitungsgründer Sebastian Brunner

Den Plan zur Herausgabe einer Kirchenzeitung in Wien hatte Brunner schon im Jahr 1847 gefasst und darüber auch Erzbischof Milde informiert. Der Erzbischof war diesem Projekt durchaus nicht abgeneigt gewesen, hatte aber verlangt, die Manuskripte der Kirchenzeitung jeweils für drei Jahre im Voraus zur kirchlichen Zensur vorzulegen. Nach dieser Entscheidung ließ Brunner das Projekt vorläufig fallen, griff es aber nach dem Ende der staatlichen Zensur und der Gewährung der Pressefreiheit im März 1848 sofort wieder auf und veröffentlichte im selben Monat sein Programm der Wiener Kirchenzeitung, die unter dem Motto „Freiheit der Kirche“ stehen sollte. So schreibt Brunner: „Wo kein Führer sich kühn an die Spitze stellt und seine Fähnlein sammelt, da müssen diese einzeln zum Guerillakrieg sich rüsten. Oh, daß der Tag schon angebrochen wäre, wo jeder Bischof wieder ein Apostel, ein Vater seiner geistlichen Söhne wird. Oh, daß die Bischöfe nun zusammenstünden wie ein Mann, wo der Verlust eines Tages Jahre aufwiegt. Die Zeit des Schweigens ist vorüber, die Zeit des Wortes ist gekommen; wohl dem, der es mit gutem Gewissen für eine gute Sache führt“.

Keine Bevormundung

Ähnlich wurde unter Verweis auf die vom Kaiser gewährte Pressefreiheit im April 1848 auf einer Versammlung der Wiener Diözesangeistlichkeit, vertreten u. a. durch Sebastian Brunner, Anton Gruscha und Wilhelm Gärnter, betont: „Durch des Kaisers Gnade haben wir das freie Wort, und es ist unsere heilige Pflicht, es zu benützen im Dienste desjenigen, der uns gesandt hat“. Auf einer der nächsten Versammlungen wurde einhellig beschlossen, die Wiener Kirchenzeitung zum offiziellen Organ der Versammlung des Wiener Klerus zu erklären. Die noch immer mächtigen „Josephiner“ im Klerus betrachteten dagegen die Wiener Kirchenzeitung „als eine wahre Calamität und fanden sie noch ärger als alle radikalen Zeitungen“. Tatsächlich kam Sebastian Brunner wegen seiner Herausgabe der Wiener Kirchenzeitung wiederholt in Konflikt mit staatlichen und kirchlichen Behörden. So wurde von ihm im Dezember 1848 verlangt, die Manuskripte der Predigten desPfarrers von Wienerherberg, Franz Guschl, auszufolgen. Guschl hatte darin die „Staatsverwaltung mit einer Kegelbahn, auf welcher das Volk die Kegel, die Scheiber die Minister sind“ verglichen und Amerika als „einen Staat, wo es keinen Kaiser, keine Könige gibt“ gelobt. Er wurde deswegen seiner Pfarre enthoben und wegen „demokratischer Umtriebe“ in Arrest genommen. In diesem Zusammenhang betonte Brunner den Grundsatz der Unverletzlichkeit des Briefgeheimnisses: „Die Redaction hat aber unter andern den Grundsatz aufgestellt und hat ein Recht ihn aufzustellen und durchzuführen, daß sie nach dem Gesetze der garantierten Unverletzlichkeit des Briefgeheimnisses eingesendete Manuskripte nur ihrem Einsender zurückgeben wolle“. Weiters betonte er das Recht, seine Position selbst zu vertreten und wehrte sich gegen die Bevormundung durch die kirchliche Behörde: „Möge demnach in dieser Angelegenheit die politische Untersuchungsbehörde sich direkt mit der gefertigten Redaction in Correspondenz setzen und ihre Aufforderungen derselben selbst zu mitteln, denn die Redaktion hat ein Recht, sich in ihren Angelegenheiten selbst zu vertreten“.

Zeitungsgeschichte zum Nachlesen
Autor:

Wolfgang Linhart aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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