Alltag unter Quarantäne
Womit sich Paare anstecken dürfen

Entscheidend dafür, ob es uns gelingt, dass aus der Corona-Krise keine Ehe-Krise wird, ist unsere Einstellung. Gehen wir es pro-aktiv an und nehmen die Situation als einzigartige Beziehungszeit, stehen die Chancen gut, dass wir gestärkt aus der Krise hervorgehen.
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  • Entscheidend dafür, ob es uns gelingt, dass aus der Corona-Krise keine Ehe-Krise wird, ist unsere Einstellung. Gehen wir es pro-aktiv an und nehmen die Situation als einzigartige Beziehungszeit, stehen die Chancen gut, dass wir gestärkt aus der Krise hervorgehen.
  • Foto: Tom Wieden auf Pixabay
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Ja, es wird Ehepaare geben, deren Beziehung in der Corona-Krise scheitert oder zu zerbrechen droht. Und es wir auch Paare geben, die sich der jetzigen Krise zum Trotz „anstecken“ lassen – zu mehr Liebe und gegenseitigem Vertrauen. Darüber, wie es gelingen kann, als Paar im besten Fall sogar gestärkt aus den Schwierigkeiten hervorzugehen.

Waren wir vor Corona in unserem Beziehungs- und Familienalltag oft damit beschäftigt, im ganz normalen Alltagstress Termine freizuschaufeln, um mal wieder einen Abend „nur für uns“ zu haben, finden sich viele von uns momentan im genauen Gegenteil wieder: Wir haben uns den ganzen Tag lang. Ja, wir kleben aufeinander. Und das wird zunehmend zur Herausforderung und Belastung, denn wir sind es nicht gewohnt, mit unseren Lieben so viel Zeit zu verbringen.

Viele haben nicht einmal die Möglichkeit, in brisanten Situationen mal schnell den Raum zu wechseln, denn im Nebenzimmer arbeitet, spielt oder streitet schon wer anderer. Vermehrte Paarkonflikte sind derzeit geradezu vorprogrammiert.

Ressourcen anzapfen

Das alles veranlasst zur Annahme, dass die Scheidungsrate in diesen Monaten erheblich steigen wird. Doch, es scheint auch ganz anders zu gehen. Petra Ganneshofer, Leiterin der Beratungsstelle des IEF (Institut für Ehe und Familie) stellt fest: „Einigen Paaren geht es trotz der Einschränkungen derzeit verhältnismäßig und manchmal sogar erstaunlich gut“.

Denn, wie oft in Krisensituationen, merken wir einerseits, dass viel mehr Ressourcen in uns stecken als wir selbst erwartet hätten. Andererseits schrauben wir bereitwillig auch unsere Erwartungshaltungen herunter. Wir sind froh, dass wir einander haben und uns in schwierigen Zeiten aufeinander verlassen können.

Entscheidend dafür, ob es uns gelingt, dass aus der Corona-Krise keine Ehe-Krise wird, ist unsere Einstellung. Gehen wir es pro-aktiv an und nehmen die Situation als einzigartige Beziehungszeit, stehen die Chancen gut, dass wir gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Herzenstüren öffnen

Um unsere verborgenen Ressourcen zu aktivieren, braucht es oft gar nicht so viel. Bereits kleine Veränderungen haben eine große Wirkung.

„Öffnen Sie Ihre Herzenstüre durch tägliche Wertschätzung“, rät Petra Ganneshofer. Das kann ein positives, wohlwollendes Wort sein, ein Kompliment, ein Dank. „Schenken Sie einander viel Nähe, sorgen Sie für phantasievolle Überraschungen. Und: Äußern Sie Ihre Bedürfnisse: Verraten Sie dem Partner/in, was Sie sich wünschen und fragen Sie immer wieder nach, was ihm/ihr guttut.“

Doch da fängt es oft an, schwierig zu werden. Nicht umsonst ist das Angebot für Paar-Seminare zum Thema Kommunikation auch in Nicht-Corona-Zeiten hoch. (Derzeit gibt es viele Angebote – auch online!) Im „normalen“ Alltag können wir etwaigen Schwachstellen auf diesem Gebiet leichter ausweichen. Das ist nun nicht möglich und so kommen wir schnell an unsere Grenzen.

Sich selbst zu ändern befreit

Das wichtigste Grundprinzip, um diese zu überwinden, lautet nach Petra Ganneshofer: „Um etwas in Ihrer Beziehung zu verändern, haben Sie als Werkzeug immer nur sich selbst! Viktor Frankl sagt uns: ‚Wenn wir eine Situation nicht ändern können, müssen wir uns selbst ändern.’

Der Vorteil ist: Die eigene Veränderung stärkt Ihre Selbstwirksamkeit und Kompetenz und befreit Sie aus der eigenen Ohnmachtsfalle. Das wirkt entlastend. Nun können Sie selbst sehr viel zur Verbesserung Ihrer Beziehung beitragen.“

Ein weiterer Schlüssel, um scheinbar ausweglose Diskussionen zu lösen, ist die sogenannte 90:10 Regel. Petra Ganneshofer: „Alles, was Sie aufregt, hat zu 90% mit Ihnen selbst zu tun und wahrscheinlich nur zu 10% mit Ihrem Partner.

Die Alarmglocken, die im Konflikt bei uns läuten, haben ganz oft mit früheren, unliebsamen Erinnerungen zu tun, die weit in unsere Kindheit hineinreichen. Die unangenehmen, lästigen Seiten des Partners werfen ihr Licht auf eigene verleugnete oder verdrängte Selbstanteile, die sich nun Gehör verschaffen.“

Um diese Anregungen zu beherzigen, braucht es eine gehörige Portion Mut und Demut. Um einander auf diesem Weg zu unterstützen, hilft aktives Zuhören, das Senden von Ich-Botschaften, Offenheit und auf jeden Fall gilt: „Authentisches Verzeihen ist ein wichtiger Grundbaustein einer gelingenden Paarbeziehung.“

Was reife Ehepaare stärkt

Auch für ältere Paare mit langer Eheerfahrung kann die momentane Herausforderung zur Überforderung werden. „Vielleicht ist Ihre Paarbeziehung auch in der Pension im Zuge der vielfältigen Aufgaben ein bisschen zu kurz gekommen. Hobbys, Kinder, Enkelkinder, Reisen, Ehren­ämter, so vieles wollte getan und erlebt werden.“ Wenn das alles von heute auf morgen wegfällt, entsteht ein Freiraum, der auch als bedrohliches Loch empfunden werden kann. Aber auch da empfiehlt die Therapeutin, einen positiven Blickwinkel einzunehmen: „Jetzt entsteht Raum und Zeit, um Ihre Paarbeziehung weiter reifen zu lassen und wieder neue Seiten Ihres Partners zu entdecken. Das ist keine Frage des Alters, sondern der Aufmerksamkeit!“

Gemeinsam durch die Krise

Räumlicher Abstand bedeutet nicht, den Kontakt zueinander abzuschneiden. Viele Großeltern werden in diesen Tagen zu Social-Media-Profis, schicken Fotos, chatten und richten sich Zoom-Profile ein, um weiterhin am Leben der Kinder und Enkelkinder teilhaben zu können. Auch da hilft die pro-aktive Haltung.

Sich nicht überfordern, sondern herausfordern lassen und die Chance nutzen, um Neues zu lernen und sich dabei helfen zu lassen. Gleichzeitig sind die Jüngeren gerade jetzt auch offener von der Lebenserfahrung der älteren Generation zu profitieren. Petra Ganneshofer ermutigt: „Geben Sie Ihre Erfahrungsschätze an die jüngere Generation weiter! Sie haben viel Schwieriges erlebt, durchlitten und in ihrem Leben überwunden.“

Petra Ganneshofer
Petra Ganneshofer ist Psyochotherapeutin, leitet die Beratungsstelle des IEF (Institut für Ehe und Familie der österr. Bischofskonferenz) und arbeitet in eigener Praxis. Sie ist verheiratet und Mutter von sechs, zum Teil erwachsenen Kindern.

Und so gilt für uns alle – ob alt oder jung: „Bleiben Sie gelassen und bringen Sie Ihre verborgenen Edelsteine zum Glänzen.“ Gemeinsam schaffen wir das!

Wenn Sie dringend Hilfe
oder Rat brauchen, erreichen Sie den Beratungsdienst
unter 01/3484 777 bzw.
per Mail an beratung@ief.at

Für therapeutische Begleitung: praxis@petra-ganneshofer.at

Konkrete Tipps von Petra Ganneshofer finden Sie auf www.meinefamilie.at als Audio-Podcast und auf
www.ief.at/coronahilfe.

Entscheidend dafür, ob es uns gelingt, dass aus der Corona-Krise keine Ehe-Krise wird, ist unsere Einstellung. Gehen wir es pro-aktiv an und nehmen die Situation als einzigartige Beziehungszeit, stehen die Chancen gut, dass wir gestärkt aus der Krise hervorgehen.
Petra Ganneshofer
ist Psyochotherapeutin, leitet die Beratungsstelle des IEF 
(Institut für Ehe und Familie der österr. Bischofskonferenz)
Autor:

Veronika Bonelli aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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