Ein Jahr Bildung im „Ausnahmezustand“
Kein Lockdown in Kindergärten

"Der Kindergarten als erste Bildungseinrichtung müsste gerade in Zeiten wie diesen einen besonders hohen Stellenwert haben", sagt Elmar Walter von der St. Nikolausstiftung der Erzdiözese Wien.         | Foto: istockphoto.com/lithiumcloud
  • "Der Kindergarten als erste Bildungseinrichtung müsste gerade in Zeiten wie diesen einen besonders hohen Stellenwert haben", sagt Elmar Walter von der St. Nikolausstiftung der Erzdiözese Wien.
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Seit gut einem Jahr ist in Österreichs Bildungseinrichtungen nichts mehr wie es war.

DER SONNTAG nimmt das zum Anlass, bei Verantwortlichen für Kindergärten und Schulen, Eltern und Kindern nachzufragen, wie sie das vergangene Jahr erlebt haben und was sie sich für die vor uns liegenden Monate wünschen.

Den Beginn machen in dieser Ausgabe Elisabeth Moser, Mutter von Jakob, 3, und Elyas 4,5 Monate alt, sowie Elmar Walter und Susanna Haas von der St. Nikolausstiftung der Erzdiözese Wien.

Jakob ist im vergangenen Herbst drei Jahre alt geworden. Er spielt gerne mit seinem Fußball und liebt es zu schaukeln. Und Jakob geht gerne in den Kindergarten. Das Wort „Coronavirus“ kann er fehlerfrei und ohne zu stocken sagen. Ein ganz normaler Kinderalltag in Zeiten der Pandemie.

Der erste Lockdown vor einem Jahr hat natürlich auch seine Familie und ihn „völlig unvorbereitet“ getroffen, sagt Elisabeth Moser, seine Mutter: „Wir haben sonst einen relativ gut strukturierten Alltag mit Job und Kindergarten. Aber plötzlich war alles anders. Wir waren alle daheim. Keine Arbeit. Kein Kindergarten. Der wäre zwar offen gewesen, aber die Situation war so unsicher und wir hatten die Möglichkeit – also haben wir Jakob zunächst einmal zu Hause gelassen.“

„Zu Beginn war natürlich für alle alles neu und ungewiss“, sagt Elmar Walter, Geschäftsführer der St. Nikolausstiftung der Erzdiözese Wien, die rund 90 Kindergärten und Horte betreibt und mit ihren über 1.150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern circa 6.350 Kinder betreut. Für die Kindergärten, die in die Zuständigkeit der Länder fallen, habe es zunächst nur Empfehlungen von Seiten des Bundes gegeben.

„Die Kindergärten hatten nie wirklich geschlossen. Beschäftigt hat uns daher zu Beginn, ein Hygiene- und Sicherheitskonzept für unsere Kindergärten und Horte zu erarbeiten. Das ist uns Gott sei Dank gut gelungen. Dieses Konzept, das wir damals erstellt haben, hat bis heute im Wesentlichen seine Gültigkeit.“ Die Vorgaben und Aussendungen seitens der Behörden kamen zeitlich immer recht spät. „Hat sich etwas geändert, war es zumeist Freitagnachmittag da.“

Arbeit mit Hindernissen
Als besonders schwer hat sich in dieser Zeit aber nicht nur die ungewohnte Situation im Lockdown erwiesen, sondern auch die grundsätzlichen Voraussetzungen für die Arbeit in den Kindergärten. „Der Mangel an Pädagoginnen und Pädagogen, auf die wir schon in den vergangenen Jahren immer wieder hingewiesen haben, die Anzahl der Kinder in der Gruppe und auch die seit Jahrzehnten vernachlässigte – weil nicht leistbare und in dieser Dimension auch bisher nicht notwendige – digitale Infrastruktur hat uns vor große Herausforderungen gestellt“, sagt Susanna Haas, stellvertretende Geschäftsführerin und pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung.

Auch die Kommunikation und das Kontakthalten zu den Familien, die den Kindergarten nicht besuchten, sei eine große Herausforderung gewesen. „Unser Kindergarten war im ersten Lockdown quasi leer“, erzählt Elisabeth Moser: „Aber wir haben regelmäßig Inputs und Anregungen geschickt bekommen, was wir mit unseren Kindern machen können – Spielideen, Bastelanleitungen, Backrezepte und solche Sachen. Das war wirklich sehr fein.“ Auch über die jeweils geltende Situation wurden die Eltern direkt vom Kindergarten informiert. „Dann kam Ende Mai die Öffnung und Jakob ging wieder in den Kindergarten.“ Der Sommer habe sich dann auch im Kindergarten „fast normal“ angefühlt. „Da war Corona recht weit weg. Obwohl: Im Kindergarten gab es schon weiterhin strenge Vorschriften. Wir durften nur mit Maske hinein. Und es durfte auch nur immer ein Erwachsener in der Garderobe sein. Ich fand das gut so – niemand hat es auf die leichte Schulter genommen, aber es wurde auch nichts dramatisiert.“

Die Auslastung ist gleichbleibend hoch
Im Sommer zogen Elisabeth Moser und ihre Familie dann um. „Wir haben den Kindergarten gewechselt und Jakob hat sich schnell und gut eingelebt. Immer noch war alles recht entspannt. In den Herbst hinein hat sich das dann aber wieder verschärft.“ Immer öfter hatte sie den Eindruck, dass die Unsicherheit, was geht und was nicht, im Kindergarten größer wird. „Wenn man sich Fragen stellen muss wie: Wie werden wir den Kindern gerecht, wie den Eltern? Können wir überhaupt einen Elternabend machen? Dann ist das schon schwer“, sagt Elisabeth Moser: „In unserem Kindergarten wurde der Elternabend dann ins Freie verlegt – mit einem Sicherheitsabstand von 3 Metern, nur 1 Person pro Kind, sind wir dagesessen.“

„Seit Herbst nimmt der Kindergartenbesuch stetig zu“, sagt dazu Elmar Walter: „Vor Weihnachten und auch während des dritten Lockdowns lag er dann bei rund 75%. Seit Februar ist überhaupt wieder Normalbetrieb. Als einzige Sicherheitsmaßnahme ist die wöchentliche Testung des Personals hinzugekommen.“

Gerade diese Testungen aber, die für den Kindergartenalltag wirklich wichtig sind, stellen für Leiterinnen und Leiter einen erheblichen administrativen Aufwand dar. „Diese wöchentliche Testung müsste reibungslos verlaufen – tut es aber leider nicht“, sagt Susanna Haas: „Und wenn es dann nicht klappt, stehen unsere KollegInnen ohne dem eigentlich verpflichtenden negativen Testergebnis in der Gruppe.“ Erschwerend komme derzeit auch hinzu, „dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter langsam corona-müde sind – wie viele andere auch. Immer neue Regelungen, Anweisungen und der Blick auf die neuen Virusmutationen, die vermutlich auch bei Kindern eine höhere Ansteckung bedeuten, lösen Unsicherheit oder Sorge aus.“

Kindergarten bringt Stabilität in den Alltag

„Die hohe Auslastung auch während der Lockdowns hat gezeigt, wie wichtig der Kindergarten für die Kinder, aber auch zur Entlastung der Eltern ist“, sagt Elmar Walter. Der Kindergarten trage enorm viel zum Kompetenzerwerb der Kinder bei. Und er biete auch den so wichtigen Blick „von außen“ auf das Kind. „Gerade soziales Lernen mit Gleichaltrigen, der Umgang mit außerfamiliären Kontakten ist für Kinder so wichtig“, betont Susanna Haas: „Besonders Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Familien, aus Familien mit einem geringen Bildungsniveau profitieren enorm von der Bildungseinrichtung Kindergarten.“

Mehr Respekt und Anerkennung dem Kindergarten und all jenen, die hier beschäftigt sind, gegenüber und daraus resultierende Maßnahmen fordert deshalb Elmar Walter. Der Kindergarten als erste Bildungseinrichtung müsste gerade in Zeiten wie diesen einen besonders hohen Stellenwert haben.

„Der Kindergarten hatte immer geöffnet, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren immer im Kinderdienst. Daran erkennt man deren großes Engagement“, sagt Elmar Walter: „In der aktuellen Situation würde uns eine rasche Durchimpfung helfen und es muss auf politischer Ebene endlich eine ernsthaft geführte Diskussion über eine bessere Ressourcenausstattung stattfinden.

Die Rahmenbedingungen und die Anforderungen an den Kindergarten stehen in keiner Relation. Der Kindergarten ist ein wesentlicher Stabilitätsfaktor in der Gesellschaft – für Eltern und damit für die Wirtschaft, aber vor allem ist er ein sicherer Bildungs- und Entwicklungsort für Kinder.“

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe des Sonntag: ein Jahr Bildung im „Ausnahmezustand“: Alles außer normal in Österreichs Schulen.

Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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