Gehirnforscher Gerald Hüther im Interview
Einfach mal achten, was einem gut tut

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In seinem aktuellen Buch "Lieblosigkeit macht krank" verdeutlicht Gehirnforscher und Bestsellerautor Gerald Hüther die Bedeutung eines liebevolleren Umgangs mit sich und anderen für die Gesundheit.

Um falsche Vorstellungen wie Karriere, Geld und Erfolg zu verwirklichen und im Alltag "perfekt zu funktionieren", hätten viele Menschen gelernt, völlig lieblos mit sich und anderen umzugehen.

Seit Stunden sitze ich am PC und transkribiere, schreibe, kürze, suche Bilder. Der Nacken schmerzt, die Schultern tun weh, die Augen brennen. Ich mache weiter...

Laut dem Gehirnforscher und Bestsellerautor Gerald Hüther ist dieses Verhalten ein typisches für krankmachende Lieblosigkeit sich selbst gegenüber. Gerald Hüther sagt: "Der Rücken ruft die ganze Zeit: ,Hallo, das tut doch weh! Du musst dich jetzt mal bewegen!‘

Aber wir hören das nicht. Entweder wollen wir es nicht hören oder wir haben uns schon so sehr daran gewöhnt, dass wir diesen Ruf nicht mehr wahrnehmen. Das Ergebnis kann sein, dass wir nach zwei, drei Jahren feststellen, dass der Rücken verkrümmt ist – das ist dann im Röntgenbild sichtbar, aber das war die Lösung, die der Rücken finden musste, weil wir ihn allein gelassen haben."

Wir sprechen mit dem Neurowissenschaftler über sein aktuelles Buch, das bereits ein Bestseller ist. Er zeigt darin die Folgen von lieblosem Verhalten sich selbst, anderen Menschen und auch anderen Lebewesen gegenüber auf.

Die gute Nachricht: Aufgrund der lebenslangen Formbarkeit unseres Gehirns ist es nie zu spät, um sich gesundmachendes Verhalten wieder anzueignen.

  • Warum fällt uns Menschen das Gesund-Bleiben so schwer?

Gerald Hüther: Wir Menschen müssen uns immer erst prüfen und herausfinden, was uns wirklich gut tut. Dabei entwickeln wir Vorstellungen und folgen nicht unseren Trieben und Instinkten. Wir machen deshalb nicht automatisch, was für uns gut wäre, sondern handeln nach Vorstellungen, worauf es im Leben ankommt. Diese sind nicht immer gesund. Typisches Beispiel: Wir wollen Karriere machen, wir wollen Einfluss gewinnen oder Reichtum ansammeln, uns gegen andere durchsetzen und dann ignorieren wir die Signale aus unserem Körper. Wir unterdrücken diese und lassen unseren Körper mit seinen Problemen allein.

  • Was können wir tun, um die Signale des Körpers wieder besser wahrzunehmen?

Es ist im Grunde genommen etwas ganz Einfaches. Wir haben dazu eine Initiative gegründet: Man findet sie unter liebevoll.jetzt. Das ist eine Einladung an alle, einfach mal auszuprobieren, ob es nicht gelingt, hier und da etwas liebevoller zu sich selbst zu sein. Also zum Beispiel nicht deshalb etwas zu essen, weil man gerade beim Bäcker vorbeikommt, obwohl man weiß, dass einem dieses süße Gebäck gar nicht so gut tut. Auch beim Einkaufen kann man sich fragen, ob einem ein billiges Kleidungsstück wirklich gut tut. Abends beim Fernsehen wissen Sie, dass Sie nach diesem Krimi, den Sie sich da immer anschauen, schlecht schlafen – schalten Sie das Gerät einfach ab.

Dann werden Sie feststellen, dass Sie wieder zum Gestalter Ihres eigenen Lebens werden. Sie reagieren nicht mehr wie ein Automat, der alles mitnimmt, was es da gibt, sondern Sie fragen sich, ob Ihnen das gut tut.

  • Das ist dann eigentlich ein Aufruf zum Innehalten und In-sich-Hineinhorchen:
  • Brauche ich das jetzt, tut mir das gut?

Genau das. Wir hatten gleich zu Beginn 6.000 Anmeldungen auf der Internetseite liebevoll.jetzt. Das zeigt, wie groß der Wunsch von vielen Menschen ist, dass sie die Erlaubnis bekommen, einfach mal auf das zu achten, was ihnen gut tut. Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Der Egoist und Egozentriker braucht ja immer andere, die ihn bewundern und auf deren Kosten er seine Interessen verfolgt.

Wenn man etwas tut, dass einem gut tut, dann achtet man auf sich selbst – das können viele Menschen in dieser gegenwärtigen Zeit sehr gut gebrauchen.

  • Faszinierend in Ihrem Buch ist der Gedankengang, dass der Mensch von seiner Gehirnentwicklung her betrachtet ein Suchender ist. Das ist für uns als kirchliches Medium sehr interessant.

Das ist eine der grundsätzlichen Erkenntnisse der Neurobiologie: Im menschlichen Gehirn sind die neuronalen Vernetzungen nicht von vornherein genetisch festgelegt, sondern sie bilden sich erst unterwegs anhand der Erfahrungen, die wir machen.

Das heißt, wir können das auch so nennen, dass wir Menschen noch nicht wissen, wie das Leben geht. Ein kleines Fohlen, das auf die Welt kommt, steht nach einer Stunde auf seinen vier Beinen und läuft dann hinter der Mama her. Dem braucht niemand zu sagen, wie das geht, ein Pferd zu werden. Bei uns Menschen ist das nicht so. Wir müssen das erst lernen. Da kann man sich unter Umständen auch irren bei dem, was man für notwendig und richtig hält.

So kann man sich eben als einzelner, aber auch als ganze Gesellschaft bei der Suche danach, worauf es im Leben ankommt, hoffnungslos verirren. Dazu gab es ja auch spirituelle Bewegungen – und dazu gehören die christliche Kirchen –, die uns helfen wollten, uns auf dieser Suche, wie das Leben geht, uns nicht allzu schnell und leichtfertig zu verirren. Es gibt durchaus ernstzunehmende, warnende Stimmen, die sagen, dass eine Gesellschaft, die ihre Spiritualität und damit ihre Orientierung verliert, untergeht.

Die Menschen brauchen Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, dass es schön ist, lebendig zu sein.

  • Haben wir auf dieser Suche danach, wie das Leben geht, die Orientierung verloren?

Wir haben sicher unsere Orientierung als Menschen verloren, weil wir uns an dem orientieren, das wir ursprünglich geschaffen hatten, um uns das Leben zu erleichtern: der Wirtschaft, also Handel und Produktion. Inzwischen hat sich diese Wirtschaft so verselbstständigt, weil wir sie vergöttert haben und von ihr abhängig geworden sind.

Die Wirtschaft bestimmt jetzt, wie die weitere Entwicklung des Menschen aussieht. Hier haben die christlichen Kirchen im Grunde jämmerlich versagt, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Hier braucht es konkrete Angebote. Die Menschen brauchen Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, dass es schön ist, lebendig zu sein und dass es nicht das optimale Gefühl ist, dass man eigentlich im Leben nichts Anderes lernt, als perfekt zu funktionieren.

  • Wie kann man Kindern den liebevollen Umgang mit sich und mit anderen vermitteln?

Ich habe früher auch geglaubt, dass es die Schule ist, die Kindern zeigt, dass sie zu funktionieren haben, und sie zu Objekten von Belehrungen, Bewertungen und Maßnahmen macht. Ich frage immer Erwachsene, wo sie ihre Entdeckerfreude und Gestaltungslust verloren haben. Dreiviertel sagen: zu Hause. Da durften sie schon nicht so sein wie sie sein wollten, haben gelernt, den Mund zu halten, die Zähne zusammenzubeißen und sich von den Erwachsenen sagen zu lassen, wie sie sein sollen, damit sie von den Erwachsenen geliebt werden.

  • Wie können Eltern hier gegensteuern?

Es wäre für viele Eltern eine Sternstunde in ihrem Leben, wenn sie sich ihre Kinder noch einmal genauer anschauen und wenn sie sich in ihre Kinder verlieben könnten, weil die ja etwas besitzen, was die meisten Erwachsenen bedauerlicherweise so lange unterdrücken mussten, bis es weg war: diese unbändige Entdeckerfreude, diese Gestaltungslust, diese Lebensfreude, diese spielerische Leichtigkeit. Das sind ja alles wichtige, das Leben des Menschen wertvoll machende Fähigkeiten, die Kinder uns jedes Mal noch mit auf die Welt bringen.

Autor:

Agathe Lauber-Gansterer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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