Rückbesinnung auf Wesentliches
Beim Kochen geht’s nicht nur ums Kochen

Wenn ich miteinander Mahl halten möchte, dann muss ich mich einbringen, dann muss ich präsent sein. Essen geht nicht online und kochen auch nicht. Diese intensive Form der Kommunikation bringt viel an Nähe und fordert heraus, verdeckte Konflikte anzugehen und zu lösen.“
  • Wenn ich miteinander Mahl halten möchte, dann muss ich mich einbringen, dann muss ich präsent sein. Essen geht nicht online und kochen auch nicht. Diese intensive Form der Kommunikation bringt viel an Nähe und fordert heraus, verdeckte Konflikte anzugehen und zu lösen.“
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Die Erntedankfeste machen es uns in einzigartiger Weise bewusst: Gerade der Herbst ist eine Jahreszeit, in der wir, was frische Lebensmittel betrifft, aus dem Vollen schöpfen können.

Warum auch das Kochen mit frischen Produkten noch einmal so viel Freude machen kann, was das ein wenig altertümlich anmutende Wort „Mahlhalten“ damit zu tun hat und warum Kochen auch Erziehungssache ist, erzählt Theologe, Health Care Manager und Medizinhistoriker Karl-Heinz Steinmetz im Gespräch mit dem SONNTAG.

Eine Woche voller Tiefkühlpizza und ein „exorbitanter Kochabend“ brachten Karl-Heinz Steinmetz, Theologe, Health Care Manager und Medizinhistoriker vor 13 Jahren zum Umdenken. „Eigentlich hatte ich es mir eine Woche lang einfach nur gemütlich machen wollen – mit viel Fernsehen und Tiefkühlpizza“, erzählt er: „Aber irgendwie war das Ganze dann gar nicht so entspannend, wie ich gedacht hatte. Und ich habe mich lang nicht so wohl gefühlt, wie ich es mir erwartet hatte.“

An einem Abend in dieser Woche ist dann auch ein Kochabend mit Freunden auf dem Programm gestanden. „Wir haben um 18.00 Uhr begonnen zu kochen und waren dann erst um Mitternacht mit dem Kochen, dem Essen, dem Plaudern – kurz dem Mahlhalten – fertig. Ich weiß noch, wie sehr ich das genossen habe.“

Beim Kochen geht’s nicht nur ums Kochen
Seither hat ihn das Thema Kochen und Ernährung nicht mehr wirklich losgelassen. „Natürlich hat sich meine Leidenschaft im Laufe der Jahre verändert, ebenso mein Alltag und die Möglichkeiten und Gelegenheiten diese Form des Mahlhaltens einzubauen, aber die Grundidee ist geblieben.

Die Grundidee nämlich, dass es nicht um nur um das Kochen und um den Teller geht, und das, was drauf ist. Es geht vielmehr darum, etwas zu teilen, zu empfangen, auszutauschen, wertzuschätzen, was man vor sich hat. In heiterer Runde mit lieben Menschen als Gemeinschaft zusammen zu kommen.“

Kochen, das sei in diesem Verständnis so viel mehr als das bloße Vorbereiten einer Mahlzeit. „Das Ganze zielt eben auf Communio – das heißt Gemeinschaft, und davon kommt ja auch das Wort Kommunikation.“ Letztendlich habe das Mahlhalten auch durchwegs einen theologischen und religiösen Aspekt. „Durchforsten Sie doch mal die Bibel: Jesus hat sehr viel beim Essen kommuniziert. Er hat gesprochen; davor, dabei oder danach wurde aber auch gegessen. Das Mahl war zentraler Bestandteil des Lebens Jesu.“

Mehr Bodenhaftung
Wenn Nahrungsaufnahme aber so stattfindet, wenn sie tatsächlich zum Mahlhalten wird, dann bekommt sie auch gleich eine ganz andere Qualität, eine Chance, meinen Mitmenschen auf ganz eine andere Art und Weise zu begegnen. „Ich könnte mir vorstellen, dass viele Menschen diese Aspekte des Kochens etwa während des Lockdowns wieder- entdeckt haben“, sagt Karl-Heinz Steinmetz: „Im Sinne eines ,Regroundings‘, einer Art Rückbesinnung auf Wesentliches, einer Erdung.“

Wenn man sich essenstechnisch nicht mehr mit fertiger Pasta und Pesto aus dem Glas beschäftigen kann, weil es das momentan nicht gibt, dann müsse man sich wohl zwangsläufig mit Grundzutaten wie Wasser, Mehl und Salz und dem, was man daraus machen kann, auseinandersetzen. „Das kann eine neue Form der Bodenhaftung bringen, die bestimmt da oder dort gutgetan hat.“

Umgekehrt sei klar, dass das auch nicht immer nur gut gehen muss: „Gemeinsam kochen, Mahlhalten, Kommunizieren, sich mitteilen – das alles kann einem schon auch sehr viel abverlangen. Wenn ich miteinander Mahl halten möchte, dann muss ich mich einbringen, dann muss ich präsent sein. Essen geht nicht online und kochen auch nicht. Diese intensive Form der Kommunikation bringt viel an Nähe und fordert heraus, verdeckte Konflikte anzugehen und zu lösen.“

Kochen kann auch schnell gehen

Stundenlang in der Küche zu stehen sei, nebenbei bemerkt, beim Selberkochen nicht zwingend notwendig, sagt Karl-Heinz Steinmetz und plädiert in diesem Zusammenhang für „modernes Convenience und Fast Food“. Fast Food, das auf Wohlbefinden ausgerichtet ist, nicht auf Kommerz. Tatsächlich sei „Fast Food“ an sich auch schon ein Thema im alten Rom gewesen oder im Mittelalter. „Die meisten Menschen hatten zu wenig Geld, um sich einen Herd für zu Hause leisten zu können. Was haben sie daher gemacht? Sie haben sich bei den unzähligen schnellen ,Straßenküchen‘ verköstigt.“

Wichtig sei ihm, wenn es heute zum Thema Convenience Food komme, dass er weiß, was drinnen ist, sagt Karl-Heinz Steinmetz und erzählt in diesem Zusammenhang mit ansteckender Begeisterung von einem Schmortopf, den er in einem türkischen Geschäft „gefunden“ habe. „In dem kann man sehr einfach eine Mahlzeit zubereiten. Einfach das Gemüse, das gerade Saison hat, kleinschneiden, hineingeben, dazu Zwiebeln, vielleicht Kichererbsen, nach Lust und Laune gutes Fleisch – Lamm, Huhn, Rind, Schwein. Auch etwas Fruchtiges wie Rosinen, Marillen, Feigen oder Datteln passt gut hinein. Dann eine selbst bereitete Gewürz-Marinade – zum Beispiel aus gemörsertem Zimt, Kardamom, Anis, Koriander, etwas Wasser, reichlich Öl plus Salz – in einem kleinen Twist-off-Glas durchschütteln, über die Gemüse-Fleischmischung geben, und alles auf kleiner Flamme 45 bis 60 Minuten schmoren lassen. Die Vorbereitungen dafür kriege ich mittlerweile in etwa 10 Minuten hin.

Bis es fertig ist, kann ich den Topf dann gleichsam vergessen, was Anderes machen und mich schließlich am köstlichen Essen freuen. Convenience Food in seinem besten Sinn!“

Ohne Druck und ohne Krampf
Die österreichische Bevölkerung hat im Mittelalter übrigens überwiegend so gekocht, erzählt Karl-Heinz Steinmetz. „Irgendwie ist das aber leider verloren gegangen.“ So wie auch die Kultur, jeden Tag oder jedenfalls öfters frisch zu kochen. Mit Druck und Krampf dorthin zurück zu kommen, davon halte er aber nichts, betont Karl-Heinz Steinmetz. „Wer lustvolles Selber-Kochen interessant findet, dem rate ich: Fangen Sie doch einmal ganz bescheiden an. Nehmen sie sich vor, einmal in der Woche so zu kochen, oder einmal im Monat. Finden Sie einen spielerischen Zugang zum Thema Kochen. Es ist schade, wenn es nur aus einer Art Pflichtbewusstsein passiert.“

Er habe Kochen zu Hause gelernt. „Ganz klischeehaft, spielerisch von der Oma! Und ich koche auch heute noch sehr, sehr gerne die Rezepte, die ich mit ihr gekocht habe. Oder ich erinnere mich an die Küchenweisheiten, die sie mir weitergegeben hat.“

Auch beim Kochen sei es ja so, dass das, was man in der Kindheit (kennen)gelernt habe, an Tricks und Kniffen, an Rezepten und an Essensmustern, bis ins hohe Alter erhalten bleibe. Dass man da dazwischen mal – manche kürzer, manche länger – durch eine „Chips-Cola-und-Popcorn-und-sonst-nix-Phase“ gehe, sieht Karl-Heinz Steinmetz deshalb auch ganz entspannt. „Das hatten wir doch alle. Und da ist es wohl das Beste, wenn Eltern einfach so cool wie möglich bleiben.

Wichtig ist, den Kindern zu vermitteln, dass Kochen – und dann natürlich auch das Essen – Freude macht. Das ist eine Lehreinheit – die hält fürs Leben.“

Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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