Im Gespräch mit Nikolaus Kuster
Auf das große Fest des Lebens zugehen

Österlicher Blick durch die Rocca auf Assisi und die Weite der umbrischen Landschaft: Sinnbild für die Auferstehung Jesu – und das Fest des Lebens, auf das wir zugehen.  | Foto: Kuster
3Bilder
  • Österlicher Blick durch die Rocca auf Assisi und die Weite der umbrischen Landschaft: Sinnbild für die Auferstehung Jesu – und das Fest des Lebens, auf das wir zugehen.
  • Foto: Kuster
  • hochgeladen von Walter Hölbling

Br. Niklaus Kuster gehört zu den bekanntesten Franziskusforschern. Im Interview lädt er ein, die Kar- und Ostertage franziskanisch zu betrachten.

Die Karwoche und Ostern stehen bevor. Wie gestalten Sie diese Zeit in Ihrem „Kloster zum Mitleben“?
Br. Niklaus Kuster: Unsere Gemeinschaft verbringt diese Zeit wie viele Wochen im Jahr mit Gästen, die sich eine Auszeit gönnen: Frauen und Männer verschiedener Herkunft, Generation und Konfession. Wir gehen mit ihnen achtsam auf Ostern zu. Am Hohen Donnerstag feiern wir das Abendmahl um einen großen Tisch, den wir in die Mitte der Klosterkirche stellen wie bei einer Tavolata. Letztes Jahr haben wir an Karfreitag anstelle der Kreuzverehrung die Mitfeiernden zu einer bewegenden Symbolhandlung eingeladen: Sie legten duftende Leinenstreifen auf eine liegende Christusfigur, bis sie ganz bedeckt war. Die Auferstehung feiern wir am frühen Ostermorgen unterwegs vom Klostergarten über den Kirchenplatz und durch die Kirche in den Essraum. Wir sind ökumenisch zusammengesetzt und unter uns Brüdern lebt auch eine Jugendarbeiterin. Auf ihre kreativen Ideen freue ich mich besonders!

So mancher würde die Kartage gern vermeiden und einfach nur Ostern feiern. Wie begegnen Sie einer solchen Haltung?
Kuster: Menschen kommen ohne Geburtsschmerz nicht auf diese Welt. Kinder könnten ohne das Zahnen nicht essen lernen. Kaum ein tiefes Glück Liebender reift ohne Herzschmerz. Ohne Abschiede gibt es keine Neuaufbrüche im Leben. Das gilt auch für den letzten Übergang, den vom irdischen Leben ins ewige. Dass Jesus so grausam starb, bleibt jedoch ein Skandal. Es ist das Werk knallharter menschlicher Machtpolitik. Dass Gott trotz allem Ja zu uns Menschen sagt, seine Geschichte mit Israel an Karfreitag nicht abbricht und Jesu Liebe an Ostern bestätigt, kann nur mit wachem Blick auf das ganze Geschehen erfasst, bedacht und gefeiert werden.

Laut der Studie „Was glaubt Österreich“ von 2025 glaubt nur ca. ein Drittel der Christ:innen an die Auferstehung. Was macht es so schwer, daran zu glauben?
Kuster: Ich kenne mehr und mehr Leute, die in der Vorstellung der Wiedergeburt Zukunft erhoffen. Hat ein Auto ausgedient, suche ich ein neues. Ist mein Körper am Ende, findet die Seele einen neuen? Es ist eine Hoffnung, die religiöse Überzeugungen aus dem Hinduismus wenig ernsthaft adaptiert. Ich bin dankbar, an einen Gott zu glauben, der auch verlorene Söhne und Töchter einmal mit einem Fest empfängt und sie nicht von Neuem auf den Weg schickt, um ihr Leben durch Wiederholung zu optimieren. Gut hat unsere Pastoral frühere Fegefeuerpredigten überwunden. Ob es ihr genügend gelingt, die Radikalität von Gottes Liebe zu verkünden, die auf Antwort unsererseits hofft?

Was fällt Ihnen persönlich an den Kar- und Ostertagen schwer?
Kuster: Ich ertrage die barocken Lieder vom „süßen Holz und den süßen Nägeln“ nicht. Das Kreuz ist kein Verehrungsgegenstand, sondern ein Protestzeichen gegen jede Form von Gewalt, die Eigeninteressen aggressiv durchsetzt – umso mehr, wenn sich Gewalt dabei auf Gott beruft!

Und ein Ritual, auf das Sie sich freuen?
Kuster: Sehr eindrücklich finde ich, wenn Menschen in einer Bußfeier am Karsamstag das Stachelige an sich selbst auf rote Papierstreifen schreiben, diese zusammenrollen und in einen großen Dornenkranz flechten, der dann im Osterfeuer verbrannt wird: Dass sich Stacheliges und Verletzendes in Licht und Wärme verwandelt, ist ein starkes Gleichnis und eine überaus sinnenhafte Ermutigung!

Was ist spezifisch franziskanisch an der Art, wie Sie in Ihrem Kloster die Kartage und Ostern feiern?
Kuster: Das geschwisterliche Zusammenleben, Bereiten der Räume und Gestalten der Feiern – Mitfeiernde reisen auch von weither an, weil ihnen das kreativ Schlichte, das innovative Zusammenspiel von Schwestern und Brüdern und die spürbare Glaubensfreude gefällt, die im Klösterchen am See zu spüren ist.

Ist überliefert, was dem hl. Franziskus die Kar- und Ostertage bedeutet haben?
Kuster: Das Eindrücklichste ist sein eigenes und ganz persönliches Ostern, in den Oktobertagen 1226, in denen er starb. Er feiert mit seinen Liebsten ein Mahl, wie es Jesus tat, lädt die ganze Schöpfung zum Gotteslob ein und begrüßt schließlich den „Tod als Schwester“, die mit ihm durch „die Pforte des Lebens“ geht.

Die Berufung von Franz von Assisi reifte in großen Krisen. Auch sein weiterer Lebensweg war immer wieder von Rückschlägen und Krankheit überschattet. Was können wir davon lernen?
Kuster: Lass dich in Krisen nicht fallen, taste dich Schritt für Schritt durch dunkle Wegetappen – und du wirst ins Licht treten – im Leben immer wieder, und am Ende des Lebens alles übertreffend!

Die Ausstellung der Franziskus-Reliquien hat viele Menschen angezogen. Wie stehen Sie dem gegenüber?
Kuster: Ich halte die Zurschaustellung der Gebeine für problematisch: Sechs Jahrhunderte war das Grab des Franziskus nicht sichtbar und die Kirche stellte in ihren Bildern das Prophetische im Leben des Poverello dar. Um 1820 wurde das Grab zugänglich gemacht, damit Menschen es sehen und umschreiten können. Und nun werden die Gebeine auch noch sichtbar gemacht! Eine komplett gegenteilige Botschaft zu der jener Brüder, welche die Kirche bauen ließen, und jener Künstler, die sie meisterhaft ausmalten. Verleitete vielleicht der Magnet,
den die Silikongestalt von Carlo Acutis in der nahen Bischofskirche darstellt und der Tausende junger Leute anzieht, mit zu dieser Aktion? Sie dauerte zum Glück nur einen Monat.

Wenn Sie das Geheimnis des Todes und der Auferstehung Jesu mit wenigen Worten einem Menschen erklären müssten, der noch nie etwas vom Christentum gehört hätte, was würden Sie sagen?
Kuster: Viele Religionen sind sich einig, dass wir Menschen Pilgernde und Gäste auf Erden
sind und niemand ewig hier lebt.
Ostern sagt christlichen Glaubenden, worin das Ziel liegt, auf das der ganze Lebensweg zugeht. Und an Pilgerzielen vereinen sich Menschen zu einem großen Fest, das am Ziel der ganzen Menschheit ewig dauern wird.

Zur Person

Dr. Niklaus Kuster ist Kapuziner lebt im „Kloster zum Mitleben“ in Rapperswil am Zürichsee. Der Franziskusforscher studierte u.a. in Rom und Assisi, promovierte in Spiritualitätsgeschichte und lehrt diese an der Universität Luzern und an Ordenshochschulen in Münster und Madrid. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu franziskanischer Spiritualität (zuletzt: „Bruder Feuer und Schwester Licht“, Patmos Verlag), begleitet Exerzitien und Reisen und war in der Drogenarbeit tätig.

Österlicher Blick durch die Rocca auf Assisi und die Weite der umbrischen Landschaft: Sinnbild für die Auferstehung Jesu – und das Fest des Lebens, auf das wir zugehen.  | Foto: Kuster
Dr. Niklaus Kuster ist Kapuziner lebt im „Kloster zum Mitleben“ in Rapperswil am Zürichsee.  | Foto: Kuster
Franz von Assisi sah den Tod als „Schwester“, die die Pforte zum Leben öffnet.  | Foto: Kuster
Autor:

Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ