Melissa Dermastia im Gespräch mit Georg Haab
Wie Musik, trägt, tröstet und Hoffnung schenkt

Foto: Christian Brunnthaler

Die Grazer Domkapellmeisterin über ihre Liebe zur Musik, was diese auslösen kann und wie Adventlieder auf Weihnachten vorbereiten.

Seit bald einem Jahr leiten Sie als Domkapellmeisterin die Dommusik in Graz. Ein kurzes Resümee?
Dermastia: Zuerst habe ich mich gefragt, wie das gehen wird: Ich habe schon in Klagenfurt gewohnt und in Wien, die Steiermark habe ich immer nur durchquert. Nun bin ich dort geblieben. Aber ich bin sehr herzlich aufgenommen worden, und die Arbeit mit den Chören, das Klima im Dom, ist sehr angenehm. Ich bin sehr froh, da zu sein.

Was sind Ihre Aufgaben als Domkapellmeisterin?
Dermastia: Ich bin gesamtverantwortlich für die Musik im Dom. Das bedeutet hauptsächlich die Probenarbeit mit den Chören. Die Kinder von sechs bis zehn Jahren singen im Kinderchor, dann gibt es das Jugendensemble für die 10- bis 14-Jährigen und die Jugendkantorei von 15 bis ins Studienalter. Der Domchor bestreitet die meisten Dienste im Jahr und die Feiertage wie Weihnachten und Ostern; die Domkantorei ist ein semiprofessionelles Ensemble, das auch viele Konzerte singt. Und dann ist da noch das Domorchester, das die Feiertage mitgestaltet, Spezialensembles für Renaissance-Musik und Gregorianik ...

Eine ganze Fülle! Aber zusätzlich leiten Sie weiterhin den Madrigalchor in Klagenfurt?
Dermastia: Montags ist mein freier Tag, da probe ich mit dem Madrigalchor. Vergangenes Wochenende hatten wir ein Jubiläumskonzert: Der Chor feiert sein 75-jähriges Jubiläum und den 100. Geburtstag seines Gründers Günther Mittergradnegger. Aus diesem Anlass schauen wir zurück, singen Lieder, die er komponiert hat, aber haben auch fünf Auftragskompositionen an junge Kärntner Komponist:innen vergeben, die sich auf Werke von Mittergradnegger beziehen und diese neu verarbeiten. Dieser Blick in die Zukunft war uns ganz wichtig.

Mit Mittergradnegger liegt das Kärntnerlied in der Wiege des Chors. Sein Repertoire ist aber wesentlich größer, und es spricht offensichtlich bis heute junge Sänger:innen an.
Dermastia: Schon bei meinen Vorgängern war das Kärntnerlied nicht mehr so im Zentrum, mehr die Chor-Orchester- und die geistliche Musik. Schon Klaus Kuchling und Nikolaus Fheodoroff haben ihre sehr große Affinität zur geistlichen Musik eingebracht. Was die Sängerinnen betrifft, meldet sich immer wieder Zuwachs, bei den Männerstimmen könnte es mehr sein – wie bei fast allen Chören.

„Is schon still uman See“ und viele andere bekannte Melodien stammen aus Mittergradneggers Feder. Wie stark hat er das Kärntnerlied geprägt?
Dermastia: Er war für das neue Kärntnerlied nach dem Weltkrieg sehr prägend. Alle Kärntner Chöre haben seine Lieder im Repertoire, er ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Es gibt aber auch sehr herausfordernde Chorkompositionen von ihm, an denen man länger arbeiten muss. Im Madrigalchor nehmen wir gern diese, sie werden seltener gesungen, aber sind außerordentlich schön.

Der Madrigalchor lädt am 10. Dezember in den Klagenfurter Dom zum Adventkonzert. Überall ist schon Glitzer und Glühwein, gleichzeitig brennt die Welt in Kriegen. Welche Bedeutung gewinnt da Musik für Sie?
Dermastia: Musik ist ein Zufluchtsort, sie geht auf viele Weisen damit um. Man kann sich damit ablenken, aber sie kann auch Trost spenden. Gerade in der Adventzeit steht gerne die schöne, heile Welt im Vordergrund, aber ... Im Kinderchor bereiten wir gerade das Krippenspiel vor. Es geht um die Herbergssuche, und da kann man Kindern sehr gut vermitteln, dass es heute wie damals Menschen so geht, dass sie keinen Ort finden, wo man sie aufnehmen will.

Musik, die Trost spendet ... woran denken Sie da zum Beispiel?
Dermastia: Mir fällt da das Brahms-Requiem ein. Es ist als Trost für die Hinterbliebenen konzipiert, das wirkt einfach. Da gibt es ein Aufgenommen-Werden und Aufgehoben-Sein, das immer wieder verschieden ausgedeutet wird. Es schenkt Hoffnung ... aber das ist mit Worten schwer zu beschreiben, es geschieht so vieles gleichzeitig. Erinnerungen werden geweckt, Situationen, und gleichzeitig diese Zuversicht, dass man zu etwas unterwegs ist und dass es sich lohnt zu leben. Ob es der Text ist oder gewisse Passagen – oft kann man das nicht in Worte fassen, warum eine einfache Akkordfolge so berührt. Eine Welt ohne Musik wäre trostlos.

Welches Adventlied gibt Ihnen in der momentanen Situation Trost, Hoffnung, Halt?
Dermastia: Viele! Aber weil ich gerade damit arbeite, sehr stark „Es kommt ein Schiff geladen“. Es ist eines der ältesten Adventlieder. Ich finde die Sprache, auch die Tonsprache in ihrer Zweiteiligkeit so schön. Der erste Teil jeder Strophe klingt etwas molliger, der zweite ist immer in Dur. Genauer gesagt: zuerst die dorische Kirchentonart, dann die lydische – das ist schon etwas Ungewöhnliches, zwei Charaktere jeweils in einer Strophe. Und dann die Bilder, die verwendet werden: Das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast. Oder: Der Anker haft‘ auf Erden, da ist das Schiff am Land. Das zeigt, dass es viele Dinge braucht für das Leben. Das Segel: die Liebe, die uns in Bewegung bringt, damit wir nicht auf hoher See stehenbleiben und untergehen; gleichzeitig Dinge, die einem Halt und Anker geben.

Starke Bilder, die ohne Erklärung aufeinander folgen.
Dermastia: Das Schiff wird in der Regel auf Maria hin gedeutet. Andererseits steht es auch für die Seele, die in Bewegung gesetzt und erfüllt wird. Interessant finde ich auch, dass das Lied sich zwischen Advent und Weihnachten positioniert, die vierte Strophe spricht ja schon von „zu Betlehem geboren“ – das gibt viel Spielraum. Sehr stark ist auch das Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“. Es ist schade, dass diese Adventlieder so wenig gesungen werden, weil man sich schon so auf Weihnachten fokussiert.

Es ist heute nicht selbstverständlich, dass sich ein junger Mensch, noch dazu eine Frau, für Kirchenmusik interessiert. Woher kommt Ihre Begeisterung?
Dermastia: Wenn man sich in die Musik vertieft, die da seit Jahrhunderten komponiert worden ist, allein solche Schätze wie Bachs Matthäus-Passion ... das sind so große Werke! Sogar viele Chöre, die nicht im kirchlichen Bereich sind, führen sie auf. Vieles singt man einfach gerne, weil es eben so schön ist. Das ist so ein reicher Schatz, so gehaltvoll ... Banalität trifft man in der Kirchenmusik selten. Dafür kann man gerade im Chorbereich auch heute noch Feuer fangen!

Feuer fangen ... welche Haltung braucht es, um sich von solcher Musik anstecken zu lassen?
Dermastia: Das geschieht oft sehr unvermittelt, ohne Vorbereitung. Wenn man sich zu sehr vorbereitet, schaut, dass eine schöne Stimmung ist usw., ist es oft eine zu künstlich hergestellte Situation. Bei mir geschieht es oft zufällig, wenn ich im Zug sitze und die Kopfhörer oben habe, kommt mir etwas unter ... und dann ist da dieser Moment, der mich zum Nachdenken bringt. Das kann durchaus auch im Alltag sein. Natürlich sind die Voraussetzungen, wenn ich in der Kirche sitze und die Atmosphäre passt, nochmals andere.

Autor:

Carina Müller aus Kärnten | Sonntag

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