Bischof Josef Marketz im Pfingstgespräch
Ein Windstoß des Heiligen Geistes

Ein bisschen erinnert die aktuelle Situation an das erste Pfingsten. Die Jünger waren eingeschlossen und ängstlich. Dann kam der Heilige Geist, und sie zogen hinaus in die Welt. Was sagt uns das Pfingstfest in dieser schwierigen Zeit?
Bischof Marketz: Zunächst denke ich, dass wir in dieser Zeit viel über den Menschen gelernt haben. Wir können Folgendes vom ersten Pfingsten lernen: Die Jünger haben 50 Tage lang die Auferstehung nicht verkündet, weil sie es nicht begriffen haben. Das Evangelium zeigt also, dass es Zeit braucht, um tief gehende Lebenserfahrungen zu verarbeiten. Die Jünger und Maria verbarrikadierten sich. Wenn heuer zu Pfingsten die Türen aufgehen, dann sollten wir unbedingt noch einmal darauf schauen, was diese Situation bedeutet. Ich erwarte mir nach dieser Krise schon einen Windstoß des Heiligen Geistes.

Was bedeutet dieser Windstoß für die Kirche?
Bischof Marketz: Ich hoffe, dass nicht alles gleich bleibt. Diese Zeit hat gezeigt, wo Weichenstellungen notwendig sind. Ich sehe etwa einen starken Impuls in Richtung Hauskirche. Viele Menschen haben vorher geglaubt, dass sie keine Speisensegnung machen dürfen. Aber dann haben sie sich mit ihren Nachbarn getroffen und über den Zaun gemeinsam gefeiert. Ich sehe darin auch eine Stärkung der Laien, auf der wir aufbauen sollen.

Es gibt ja noch viele Einschränkungen. Wie geht jetzt das kirchliche Leben konkret weiter?
Bischof Marketz: Wir dürfen uns von Einschränkungen nicht abschrecken lassen. Mit Kreativität und gutem Willen geht mehr, als man glaubt. Ich sehe als Chance die Möglichkeit, in kleinen Gruppen zusammenzukommen. Ganz aktuell sind es noch zehn Leute, aber schrittweise können sich mehr treffen. Darauf sollten wir aufbauen. Ich hoffe, dass viele Menschen mit großem Selbstbewusstsein in diesen Kreisen Kirche leben und neue Impulse setzen.

Haben Sie da konkrete Vorstellungen, was in diesen Kreisen passieren könnte?
Bischof Marketz: In dieser Krise hat man gesehen, wie wichtig es wäre, wenn es in jeder Pfarre neben dem Pfarrgemeinderat einen Diakonie- oder Caritas-Kreis gäbe. Gerade in Zeiten wie diesen müssen wir Hilfe anbieten können.

Das ist ja einer der Grundaufträge des Pfarrgemeinderates ...
Bischof Marketz: Ja, aber es braucht eine eigene Gruppe, die über diese Themen spricht, die Not erkennt und aktiv ist. Wir haben jetzt erlebt, dass von den Gemeinden viel gemacht wurde. Mehr als von der Kirche. Da waren junge Menschen engagiert, die sich eingesetzt haben. Diese Erfahrung gehört zu unserer Vorbereitung für die nächste Krise. Wir müssen uns aber generell der Frage stellen, wie wir mit Not umgehen. Das ist für uns ein ganz wichtiges Thema für die nächste Zukunft.

Aber die Not, die durch Corona ausgelöst wurde, wird erst in der nächsten Zeit wirklich bemerkbar. Was erwarten Sie sich hier von der Gesellschaft, aber auch von der Kirche?
Bischof Marketz: In der nächsten, sehr schwierigen Zeit wird sich erst zeigen, was Solidarität bedeutet. Da muss man die Verantwortungsträger in Gesellschaft und Politik in die Pflicht nehmen. Kirchlich baue ich auch da auf die kleinen Gruppen in den Pfarren. Man darf die Erwartungen nicht zu hoch stecken, aber wir müssen hinschauen und tun, was möglich ist. Auch hier gilt: Mit Nächstenliebe, Fantasie, aber vor allem auch mit Netzwerken – etwa zur Gemeinde hin oder zu Organisationen wie der Caritas – kann man viel erreichen. Das wird nötig sein, denn wie es aussieht, wird unser Wohlstandsniveau sinken. Was das dann für die Gesellschaft insgesamt bedeutet, kann man jetzt noch gar nicht absehen.

Wo sehen Sie noch Bedarf, um nach der Krise bzw. bei einem neuerlichen Ausbruch Menschen zu unterstützen?
Bischof Marketz: Für mich erschütternd war die Einsamkeit vieler Menschen. Das betrifft ja nicht nur alte Menschen, sondern auch Jugendliche oder Alleinstehende. Hier haben wir als Kirche ein breites Angebot, mit dem wir jetzt nach der Krise die Menschen erreichen können. Auch da baue ich auf die Kleingruppen, in denen sich Junge, Alte, Eltern, Kinder etc. treffen.

Was haben wir aus der Corona-Krise für die Seelsorge gelernt?

Bischof Marketz: Aus Corona haben wir gelernt, dass sich Dinge in kürzester Zeit radikal verändern können und wir uns ganz neu ausrichten müssen. Das ist für eine Kirche, die so traditionell geprägt ist, schon eine neue Erfahrung. Wir haben gemerkt: Es geht auch anders. Vielleicht mit Schmerzen – aber auch mit einem geistlichen Gewinn.

Was meinen Sie konkret?
Bischof Marketz: Ich hatte in dieser Zeit ständigen Kontakt zu vielen Priestern. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Priester wieder das Gebet für die Gemeinde entdeckt haben. Zum Teil virtuell mit der Pfarre gemeinsam. Wir konzentrierten uns in der Vergangenheit stark auf Aktionismus und hatten eher wenig Zeit für das Gebet. In der Corona-Krise war es aber eine der wichtigsten Wirkformen.

Wird es nach Corona auch Änderungen in der Pfarrstruktur geben oder in anderen Bereichen der Organisation?
Bischof Marketz: Grundsätzlich haben die großen Fragen und Aufgaben nichts mit Corona zu tun. Etwa, wie lange wir noch Priester haben werden, um in der gewohnten Form jeden Sonntag Messen feiern zu können. Aber natürlich stellt sich nach Corona auch die Frage nach den finanziellen Mitteln.

Sie haben vorhin eine stärkere Einbindung der Laien erwähnt. Wie könnte diese aussehen?
Bischof Marketz: Mir ist es ein großes Anliegen, dass die vielen Ehrenamtlichen nicht nur in den bisher üblichen Feldern aktiv sind, sondern auch stärker in den pastoralen Dienst, in Seelsorge und Liturgie eingebunden werden. Das müsste dann selbstverständlich formell gefestigt werden mit Dekreten und klaren Aufgabenverteilungen.

„Nichts wird mehr so sein wie zuvor“, sagen viele. Die einen sehen einen positiven Wertewandel, die anderen fürchten das Schlimmste. Gehören Sie zu den Optimisten oder zu den Pessimisten?

Bischof Marketz: Ich bin eher optimistisch. Ich glaube dass die Wertschätzung gegenüber dem Nächsten und der Respekt voreinander steigen werden. Der Mensch ist so auf Beziehung und Nähe angelegt, dass wir sofort wieder die Gesellschaft suchen werden. Wir haben aber erlebt, dass Nähe nichts Selbstverständliches ist. Daher glaube ich, dass wir das Beisammensein höher schätzen werden.

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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