Pandemie der Verschwörungsideologien II
Verschwörung: Wie geht das?

Wie entstehen Verschwörungstheorien? Was ist ihr Nutzen, was ihr Ziel? Ein Überblick.
von Lambert Jaschke

Ob gefälschte Mondlandung, „9/11 Conspiracy“ oder „Klimalüge“, ob Corona-Mythen (s. Teil 1), Chemtrails oder gar die „Neue Weltordnung“: Das Angebot angeblicher „Wahrheiten“, die offiziellen Standpunkten und Erkenntnissen von Wissenschaften, Medien und Politik widersprechen, ist groß. Schnell wird aus einem Verschwörungsverdacht eine „Verschwörungsideologie“ (landläufig „Verschwörungstheorie“): Fakten werden aus dem Kontext gerissen und mit Halbwahrheiten oder gar dreisten Lügen („Fake News“) kombiniert. Argumente, Indizien oder Beweise, die dagegen sprechen, werden ignoriert oder als bewusste Desinformation durch den „Feind“ gewertet. So etwa die „Protokolle der Weisen von Zion“, ein antisemitisches Pamphlet: Schon längst als Fälschung entlarvt, „inspirierte“ es dennoch Hitler und wird heute noch immer zitiert: von Neonazis, islamistischen Extremisten, einem Schweizer Sektengründer ...
Wer profitiert davon? Sicher verdienen „Alternative“ und Boulevardmedien daran, doch für viele erfüllen Verschwörungstheorien grundlegende, durchaus religiöse Bedürfnisse: Komplexe, schwer durchschaubare gesellschaftliche, politische und ökonomische Ereignisse werden geordnet und auf wenige Ursachen reduziert. Die Wirklichkeit wird so vereinfacht, dass eine große „Weltverschwörung“ als „Welterklärung“ ausreicht.
Grundbedürfnis Welterklärung
Unzusammenhängendes, Zufälliges und Widersprüchliches werden in einen Sinnzusammenhang gezwungen, sodass Muster erkennbar werden, wo keine sind. Zudem stärkt die Einteilung der Gesellschaft in „Verschwörer“, die Masse der „Unwissenden“ und die „Wissenden“ bzw. „Truther“ deren Ego und die Schaffung von Feindbildern die Identität der Gruppe Gleichgesinnter.
Doch dieser „Gewinn“ wird teuer erkauft, denn Verschwörungstheorien, die Hass und Gewalt gegen reale und fiktive Gruppen rechtfertigen, können mörderisch sein, wie Judenpogrome und Hexenwahn belegen. „Truther“ sind resistent gegen Meinungsvielfalt und Kritik – wichtige Grundlagen einer demokratischen Gesellschaftsordnung. Oft verbirgt sich hinter „Wir sind das Volk“-Rufen nicht der Wunsch nach direkter Demokratie, sondern nach autoritärer Durchsetzung eines angeblichen „Volkswillens“ auf Kosten von Minderheiten und Opposition. Die Forderungen mögen einander ähneln, doch differenzierte Kritik an Wirtschaft und Globalisierung ist nicht vereinbar mit Denkmustern wie: Schuld an allem sind „die“ Banken = „die Familie XY“ = „die“ Juden. Es ist kein Zufall, dass politische Extremismen und totalitäre Staatsentwürfe Verschwörungstheorien zur Aufwiegelung und Manipulation der Bevölkerung benutzen. Verschwörungsideologien zerstören aber nicht nur das Vertrauen in demokratische Strukturen und Einrichtungen, sondern auch in die Mitmenschen. Dass der Kampf gegen das „Komplott“ der Pharmakonzerne, der „Impflobby“,
der „jüdischen Medizin“ etc. mit fragwürdigen Methoden und Präparaten gesundheitlichen (und damit auch volkswirtschaftlichen) Schaden anrichten kann, sei nur erwähnt.
Wie kann man Verschwörungstheorien vorbeugen bzw. begegnen? Am besten fängt man bei sich selbst an: Lasse ich mich – Wer tut das nicht manchmal? – von Vorurteilen und Verallgemeinerungen leiten? Sehe ich die Welt schwarz-weiß, scharf in „Gute“ und „Böse“ geteilt? „Alternative Wahrheiten“ verdienen mindestens die gleiche Skepsis wie die „Mehrheitsmeinung“. „Das Internet“ taugt nicht als Quelle, denn da steht alles – auch, dass die Erde eine Scheibe ist.
Vorbeugen und heilen
Stutzig macht, dass „Truther“ überall Hinweise auf absolut geheime Verschwörungen wittern. Die sind umso unwahrscheinlicher, je mehr Personen angeblich beteiligt sind, denn eine möglichst geringe Zahl an Mitwissern ist das Um und Auf. Oft wird man von einer Fülle an Behauptungen überrumpelt und weiß nicht, wie und ob man darauf antworten soll. Selbst Expertenwissen kommt kaum gegen eine verfestigte Verschwörungsideologie an. Man kann versuchen, dieses Weltbild ins Wanken zu bringen: durch Zerlegen in einzelne Behauptungen und Bewertung ihrer jeweiligen Wahrscheinlichkeit und durch gezieltes Fragen: „Warum glaubst du das?“. Häufig entspringen Verschwörungstheorien einem Gefühl der Ohnmacht, dem am nachhaltigsten durch die Stärkung des Selbstvertrauens und die Ermöglichung aktiver Teilnahme an der Gemeinschaft begegnet werden kann.

Mag. Lambert Jaschke ist Referent für Weltanschauungsfragen im Bischöflichen Seelsorgeamt der Diözese Gurk.

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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