Walter Schaupp im "Sonntags"-Gespräch
Leben und Tod als Bewährungsprobe unseres Glaubens

Wir erwarten dieser Tage ein Urteil des Verfassungsgerichtshofs zur Sterbehilfe. In welchem Spannungsfeld steht die Entscheidung der Richter?
Schaupp: Die Verfassungsrichter befinden sich in einer schwierigen Situation. Sie müssen abwägen zwischen dem Wert der Selbstbestimmung, der sich in der Gesellschaft immer stärker in den Vordergrund geschoben hat, und dem Lebensschutz, der eine in der Verfassung verankerte Aufgabe des Staates ist. Die Entscheidung wird auch im Blick auf die anderen europäischen Staaten getroffen. Daraus ergibt sich die eigene Positionierung der Richter. Auch die Folgen einer Liberalisierung werden abgewogen: Dazu gehört der Schutz gegen ökonomische Interessen, dass z. B. das Ende des Lebens billiger käme und alte Menschen dahingehend manipuliert werden könnten.

Alte Menschen leiden oft darunter, dass sie sich für die anderen als Last empfinden. Das macht sie empfänglicher für Druck, wenn Sterben freigegeben wird.
Schaupp: Es ist zu vermuten, dass der Druck steigen wird. Derzeit werden die, deren Bitte um einen assisistierten Suizid nicht erfüllt wird, als jene präsentiert, die man allein lässt. Wie weit dadurch ein Druck entsteht, assistierten Suizid rechtzeitig in Anspruch zu nehmen, kann nur mit gewisser Wahrscheinlichkeit vermutet werden. Sollte es zu einer Liberalisierung kommen, gilt es genau das wachsam zu verfolgen und zu schauen, ob die Entscheidung alter und vulnerabler Menschen beeinflusst wird.

Sie haben die Entwicklung der Frage in Europa angesprochen. Was stellen Sie da fest?
Schaupp: Wenn man sie sich im Gesamt ansieht, gibt es zunächst eine Entwicklung, die zu begrüßen ist: das Umdenken im Hinblick auf lebensverlängernde Maßnahmen. Man verlängert Leben nicht mehr um jeden Preis, was auch als passive Sterbehilfe bezeichnet wird. Das ist in der Medizin etwas Neues, und es ist positiv zu sehen.
Problematisch ist der Weg, den Belgien, die Niederlande und Luxemburg gegangen sind. Sie haben neben dem assistierten Suizid auch die aktive Euthanasie zugelassen. Hier sind allerdings keine weiteren Staaten gefolgt. Die Öffnung für die aktive Euthanasie auf Verlangen führt vor allem dazu, dass früher oder später auch Menschen ohne Verlangen getötet werden können: Säuglinge und Komatöse. Viele Staaten sehen hier den assistierten Suizid als einen vertretbaren Mittelweg an. Man möchte einen Schritt der Liberalisierung in der Hoffnung, dass es nicht zu Ausweitungen kommt.

Die Unterscheidung zwischen lebenwertem und lebensunwertem Leben rückt in gefährliche Nähe.
Schaupp: Die ganze Debatte wird im Namen von Autonomie geführt. Aber es zeigt sich, dass immer gesellschaftliche Vorstellungen von einem lebenswerten Leben eine Rolle spielen: Wem sollen wir einen assistierten Suizid zubilligen? Sollten wir nicht doch für andere einspringen, wenn jemand sich in einem unerträglichen Zustand nicht mehr selbst töten kann? Welchen Stellenwert hat die gesellschaftliche Nützlichkeit? Mein Eindruck ist allerdings, dass es nicht nur um Nützlichkeit geht. Man möchte für sich selbst möglichst lange ein aktives und erfüllendes Leben haben, und wenn das nicht mehr möglich ist, sollte es möglichst schnell zu Ende gehen. Da werden gewisse Seiten der menschlichen Existenz ausgeblendet: Abhängig sein von anderen, Umgang mit körperlichen Grenzen, inneres Wachstum an äußeren Krisen.

Was kann der Glaube zu dieser Sichtweise ergänzen?
Schaupp: Der entscheidende Punkt, der in einer religiösen Sichtweise des Lebens anders ist: Ich muss mir den Sinn des Lebens nicht selbst geben, er kommt mir zu, er kann gefunden werden, und zwar in ganz verschiedenen Lebenssituationen. Ein weiterer spiritueller Aspekt ist: In einer religiösen Sicht ist die Gesamtwirklichkeit des Lebens und der Welt letztlich gut und daher zu bejahen. Es steht ein guter Schöpfergott dahinter. Dieses Vertrauen ist z. B. in atheistischen Lebenskonzepten nicht selbstverständlich. All das hat Konsequenzen für den Umgang mit schwierigen Lebenssituationen.
Es muss sich aber auch in der Praxis bewähren. Hospizbegleiterinnen und -begleiter werden zunehmend mit Sterbewünschen konfrontiert und machen die Erfahrung, wie schwierig es ist, hier den Glauben ins Spiel zu bringen. Sterben und Lebensende sind ein ganz neues Erfahrungsfeld geworden. Es darf nicht nur um Verbote gehen. Die Frage ist, ob der Glaube hier tatsächlich zu einer neuen Sichtweise verhelfen kann.
Für Christen sind darüber hinaus Kreuz und Auferstehung Jesu Bezugspunkte. Auch dadurch entsteht die Möglichkeit, in schwierigen Situationen Sinn zu finden oder z. B. das Leben für andere hingeben zu können.

Das ist eine starke Hilfe, auch für Pflegekräfte und Ärzte, die sich jetzt ganz für andere einsetzen, und für uns alle, solidarisch die Infektionszahlen niedrig zu halten.
Schaupp: Ich glaube auch, dass die christliche Haltung in der Covid-Krise davon bestimmt sein sollte, solidarisch zu sein und sich verbunden zu fühlen mit denen, die mehr als andere gefährdet oder auch gefordert sind. Wir sind Teil des Ganzen, und solange die Corona-Maßnahmen eine gewisse Vernünftigkeit haben und fundiert sind, sollten wir uns bewusst und entschlossen daran beteiligen, dass die Krise überwunden wird. Darüber hinaus dürfen wir als Kirche, als Glaubende, eben nicht nur wie gebannt auf die rein medizinischen Aspekte blicken, sondern müssen ebenso die Bedeutung von Beziehung, Spiritualität und Religion für den Menschen betonen. Die Sorge um Infektionszahlen und Intensivbetten muss verbunden werden mit der Sorge um das Leben in einem umfassenden Sinn.

Ein Thema, das in den Medien nur kurz aufgeblitzt ist: Die Initiative, eine Statistik zu Schwangerschaftsabbrüchen aufzustellen, um Anzahl und Gründe erforschen zu können, berührt offensichtlich ein Tabu und geht sofort ins Ideologische. Haben Sie ein befreiendes Wort zu dieser Situation?
Schaupp: Hier herrscht tatsächlich eine Blockade. Wie mir im Rahmen einiger Diskussionen bewusst wurde, haben radikale Befürworter der Fristenlösung derzeit offensichtlich die große Angst, dass alles wieder kippt wie in manchen konservativen Staaten in den USA. So wird versucht, jeden Millimeter eroberten Terrains zu halten. Es wäre wichtig, hier Vertrauen zu schaffen. Allianzen zu bilden für einen Lebensschutz, der sich nicht gegen die Frauen richtet. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, sich hier näher zu kommen.
Ansonsten sehe ich auch Entwicklungen, wo sich die Eigenständigkeit und Würde des vorgeburtlichen Lebens auf neue Weise zeigen. Frauen haben ein immer stärkeres Bedürfnis, dass totgeborene Kinder nicht wie „Material“ behandelt werden. Sie sehen darin spontan Wesen, die einen Namen haben sollten und an die man sich erinnert. Für diese Frauen ist das Kind ein reales, auch unverfügbares Gegenüber. Das Motto „Mein Bauch gehört mir“ ist nicht ihre Erfahrung. Das Kind bleibt präsent als ein Wesen, das ein Leben vor sich gehabt hätte, das aus verschiedenen Gründen nicht möglich war.

Interview: Georg Haab

Zur Person: Univ.-Prof. DDr. Walter Schaupp, geb. 1954 in Kirchberg/Wagram, Niederösterreich, studierte Medizin sowie katholische Theologie. Nach seiner Priesterweihe war er als Seelsorger für Theologiestudierende in Wien tätig.
2003 bis 2020 war Schaupp Professor für Moraltheologie an der Universität Graz. Er ist Mitglied des Ethikkomitees von Eurotransplant, der Ethikkommission und des Ethikkomitees am LKH-Univ. Klinikum Graz, der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt, der Provinzethikkommission der Barmherzigen Brüder Österreich.

Autor:

Sonntag Redaktion aus Kärnten | Sonntag

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