GEIST_REICH
Ostern leben
- hochgeladen von martinus Redaktion
Ostern dauert nicht nur zwei Tage bis Ostermontag, die Osterzeit dauert 50 Tage bis zum Pfingstfest. Die ganze Osterwoche feiert die Kirche als einen einzigen großen Festtag. Es verwundert, dass die Karwoche und die Osterwoche immer noch verwechselt werden, nicht nur in den Rund-funk- und Fernsehsendern, auch im Gespräch untereinander, vielleicht Richtung Emmaus.
Warum feiern die Christen wochenlang Ostern? Nicht, weil sie so schwer begreifen, sondern weil die österliche Wirklichkeit alles Begreifen übersteigt, die Zeit zeitlos macht und das Berechnende durchkreuzt. Gott ist ganz anders. Wer vom österlichen Gott redet, verabschiedet sich von den gängigen Gottesreden und Gottesvorstellungen und gesteht ein, wie zerbrechlich und bruchstückhaft der Glaube sein kann. Denn Ostern knebelt den kindischen Glauben, den schrecklichen Gott, die Beliebigkeit des Glaubens, die Überheblichkeit und die Gleichgültigkeit, wenn es um Gott geht. Ostern ist immer die Wirklichkeit Gottes, seine Gegenwart, sein Eintreten für diese Welt und sein Auftreten gegen alles Totbringende. Ohne den österlichen Gott werden die großen Fragen zu ungelösten Rätseln, die das Geheimnis des Lebens vergiften: Warum Leid, Krankheit und Tod? Warum Kriege, die nie zum Frieden, sondern zum Hass rüsten und den Unfrieden beschleunigen? Warum die Reichen, die in ihrem Reichtum ersticken und die Masse der Armen, die in ihrer Armut verwesen? Warum die Diktatoren, die auf Kosten der Menschen leben, sie gebrauchen und Leben vernichten? Warum so viele Schuldlose, die schuldlos umkommen und Schuldige, die sich hinter ihren Masken verstecken? Warum das Leid im Großen und im Kleinen, unbegrenzt, rücksichtslos und verheerend?
Und Christen feiern dennoch Ostern, viele leben sogar Ostern. Sind sie Blindgänger, Verharmloser, Utopisten, Lebensfremde und Getäuschte?
Gefährlich sind jene, die immer schon Antworten wissen, vorgeben und den Schlüssel zur Lösung in der Tasche tragen. Fragen dürfen Fragen bleiben, Zweifel dürfen benannt werden und Gott darf angeklagt werden, ihm darf widersprochen werden – das hält er aus. Wer Gott lästert, ihn der Lächerlichkeit ausliefert, ihn kleinredet, über ihn schwätzt und ihn mit Rezepten zudeckt, hat sich nicht nur von Gott, sondern auch von der Welt und vom Leben verabschiedet. Menschen müssen auch die Bruchstücke des Lebens lieben und aushalten. Denn jene, die sich perfekt inszenieren und alles besser wissen, klammern das Leben aus.
Ostern, die Spannung zwischen Verrat, Kreuz, Leben, Auferstehung und Gottes Geist, zu Pfingsten über die Menschen ausgegossen, ist Leben. Ostern ist nicht billig, das Leben ist es auch nicht. Ostern ist keine Lebensversicherung Gottes für die Menschen, Ostern bedeutet das ruhelose Fragen des Menschen, das Fragen Gottes und seine überwältigende Antwort. Gott kann mehr als wir ihm erlauben und ihm zumuten.
Es braucht Zeit, um all das geduldig zu erlernen, nicht nur 50 Tage. Eigentlich ist das ganze Leben Ostern, oder es ist schon verspielt. Darauf vertrauen die Christen – nicht, weil sie es schon wüssten, aber weil sie glauben.
P. KARL SCHAUER OSB
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
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