Gedanken zum Evangelium: 25. Sonntag im Jahreskreis
Der gerechte Lohn

Welche Gerechtigkeit erwarte ich von Gott?

Matthäus 20, 1–16

Ich erinnere mich an eine Diskussion mit meinem Bruder. Wir hatten beide noch keine Kinder und konnten daher sehr unbedarft darüber reden, wie wir einmal Kinder erziehen würden und wie wir sie später, als Erwachsene, finanziell unterstützen wollten. Wir waren uns nicht einig, ob es besser sei, jedem Kind gleich viel Geld zu geben oder jedem so viel zu geben, wie es benötigte. Was würden unsere Kinder als gerechter empfinden?

Der Gutsbesitzer des heutigen Evangeliums hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden. Auf eine fast provozierende Art.

Schon die Verhandlungen führt er sehr unterschiedlich. Mit den ersten Arbeitern macht er formal alles richtig. Er führt regelrecht Gehaltsverhandlungen und setzt einen genauen Lohn fest. Schon bei den Mittleren weicht er davon ab und verspricht nur noch vage einen nicht näher bestimmten Lohn. Mit den zuletzt Eingestellten vereinbart er gar nichts mehr. Sie wissen letztlich gar nicht, ob sie überhaupt etwas bekommen werden. Offenbar erwarten sie auch gar nichts.

Mich erinnert sein Vorgehen an die heute viel beschworene subjektorientierte Didaktik: Jedem das Seine. Und das betrifft nicht nur das Geld.

Ich stelle mir sehr deutlich die unterschiedlichen Gruppen vor. Die Ersten: Das sind die Eifrigen, Peniblen, die alles schon im Voraus planen und wissen möchten, die korrekt und genau sind. Die Letzten: Das sind Menschen, die sich keine Chance mehr erwarten, die sich vielleicht selbst nicht als würdig erachten. Sind sie faul oder (unverschuldet) arbeitslos? Das griechische Wort lässt beide Deutungen offen.

Die Mittleren dagegen sind vertrauensselige Menschen, die positiv denken und überzeugt sind, dass sie schon genug bekommen werden in ihrem Leben. Sie verlassen sich einfach auf das Wort des Gutsherrn. Urvertrauen nennt man das heutzutage. Sie sind beneidenswert.

Der Gutsherr bemüht sich besonders um die „Letzten“. Er befreit sie aus ihrer selbst- oder fremdbestimmten Untätigkeit und gibt ihnen Sinn und Wertschätzung. Um die „Ersten“ bemüht er sich auch. Er versucht sie durch seine Provokation zum Nachdenken zu bringen. Und die Mittleren? Um sie muss er sich nicht eigens bemühen. Für sie ist es so, wie es ist, gut. Sie können ihren Lohn und den der anderen einfach „neidlos anerkennen“.

Mittlerweile haben mein Bruder und ich Kinder. Und ich habe erkannt, dass wir die Frage falsch gestellt haben. Nicht, wieviel Geld wir ihnen geben, ist das Entscheidende, sondern welches Gefühl wir ihnen vermitteln. Und ich versuche dazu beizutragen, dass sie einmal zu den Mittleren gehören dürfen. Nicht zu denen, die glauben oder wissen, dass „niemand sie will“. Und schon gar nicht zu denen, die anderen etwas neiden müssen. Sondern zu denen, die zufrieden sind und darauf vertrauen, dass es der Gutsbesitzer gut mit ihnen meint.

Impuls

Inspiriert vom Evangelium

  • Was hindert mich daran, anderen ihr Glück zu gönnen?

  • Wann habe ich das Gefühl zu kurz zu kommen?
  • Welche Gerechtigkeit erwarte ich von Gott?
Evangeliumskommentar als PDF
Autor:

Elisabeth Birnbaum aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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