Meinung
Vom Umgang mit Charisma

Es war eine Meldung Ende Juli, die der näheren Betrachtung wert ist: Erzbischof José Rodríguez Carballo von der Ordenskongregation berichtete, dass der Vatikan gegen zehn Gründer geistlicher Gemeinschaften ermittelt, die sich auf dem Weg zur kirchlichen Anerkennung befinden: Unter anderem geht es um spirituellen und sexuellen Missbrauch, aber auch um Finanzfragen.

Ordens- und Gemeinschaftsgründer sind meist charismatische Persönlichkeiten. Die Theologie versteht unter Charisma eine von Gott verliehene Gnadengabe. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist die Gnade gemeint, Menschen an sich zu binden. In dieser Sicht erscheint Charisma als etwas Positives. Die Soziologie ist da realistischer: Max Weber hat den Begriff der charismatischen Herrschaft entwickelt. Die Herrschaft eines charismatischen Anführers baut auf seiner Anziehungskraft auf. Das deckt die Ambivalenz auf: Wie ein Messer, das Brot zur Sättigung von Menschen schneidet, aber auch zum Verletzen dienen kann, kommt es darauf an, wozu Charisma verwendet wird. Es geht hier nicht um Vorverurteilungen, sondern um notwendige Wachsamkeit.

Am sichersten ist es, statt auf Charisma auf Vernunft zu setzen. Dazu sei an die Enzyklika „Fides et ratio“ von Johannes Paul II. erinnert: „Denn die Kirche hält zutiefst an ihrer Überzeugung fest, dass sich Glaube und Vernunft ‚wechselseitig Hilfe leisten können‘, indem sie füreinander eine Funktion sowohl kritisch-reinigender Prüfung als auch im Sinne eines Ansporns ausüben, auf dem Weg der Suche und Vertiefung voranzuschreiten.“ Dass Johannes Paul II. selbst den charismatischen Gründer der Legionäre Christi und dann als Missbrauchstäter entlarvten Marcial Maciel gefördert hat, bestärkt nur die Erkenntnis, dass niemand gegen die charismatische Blindheit gefeit ist. Aufgabe der Kirche ist es, die Gläubigen vor dieser Blindheit zu schützen. Denn Charisma darf in der Kirche nur dem Glauben dienen, nicht aber der Etablierung von missbrauchsanfälligen Machtgefügen.

Autor:

Heinz Niederleitner aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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