Erinnerung an Marcello Martini
KZ-Gedenkstätte wird ,heiliger Ort‘

"Steine gegen das Vergessen".  Eine schwarze Stele erinnert an die Häftlinge, die hier in der Nacht zum 1. April 1945, dem Ostersonntag,  mit einer Benzinspritze ins Herz ermordet wurden.
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  • "Steine gegen das Vergessen". Eine schwarze Stele erinnert an die Häftlinge, die hier in der Nacht zum 1. April 1945, dem Ostersonntag, mit einer Benzinspritze ins Herz ermordet wurden.
  • Foto: P. Mitterhöfer
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Er überlebte das Konzentrationslager Hinterbrühl und den Todesmarsch nach Mauthausen. Jahrzehnte später begann er über die Ereignisse zu sprechen, auch über den Zusammenhalt unter den italienischen Gefangenen.

Er war ein ausgeglichener Mensch, erinnert sich Pater Mitterhöfer an seinen Freund Marcello Martini. Er hat seine Geschichte aufgeschrieben, und versucht zu verstehen, wie Versöhnung möglich ist.

Das ist übrig geblieben vom KZ“, sagt Pater Jakob Mitterhöfer, der ehemalige Pfarrer in Hinterbrühl. Eine dünne Schneedecke legt sich an diesem eisigen Februarnachmittag über den Ort und macht den Anblick erträglicher. Die Konturen der Gewalt sind nicht mehr erkennbar. Die Schläge und Schreie von damals sind nicht mehr hörbar.

Ein paar Kreuze ragen in die Höhe und große Steine, die „Steine gegen das Vergessen“. Eine schwarze Stele erinnert an die Häftlinge, die mit einer Benzinspritze ins Herz ermordet wurden. Sie hätten zum Gehen keine Kraft mehr gehabt, als das Lager aufgelöst wurde und alle auf den Todesmarsch geschickt wurden, zu Fuß nach Mauthausen, über 200 Kilometer, ohne Verpflegung.

Es war der Ostersonntag-Vormittag, 1. April 1945, in der Pfarrkirche war der Ostergottesdienst zu Ende gegangen. Unter den Gefangenen, deren Blicke sich mit denen der Kirchgänger trafen, war ein italienischer Bub, knapp 15 Jahre alt, Marcello Martini.

Flugzeugproduktion in der Seegrotte
Marcellos Vater war Kommandant einer Widerstandsgruppe in der Nähe von Florenz. Als die Familie im Juni 1944 verhaftet wurde, konnte der Vater flüchten. Der Bub wurde als Geisel genommen und ins Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Mehrere Monate war er Zwangsarbeiter in einem Außenlager bei Wiener Neustadt, im Dezember wurde er ins Lager in Hinterbrühl bei Mödling gebracht.

Die Hinterbrühler Seegrotte – später eine Touristenattraktion – war trockengelegt. Sie diente als Werkshalle der Firma „Heinkel“, die ab 1944 Flugzeuge-Rümpfe für die deutsche Armee produzierte. 800 bis 1.000 Gefangene aus Mauthausen waren zur Verfügung gestellt worden. Sie arbeiteten in Zwölfstunden-Schichten. Dann folgten „Bestrafungen“ auf dem Appellplatz.

„Immer wenn wir hierherkamen, haben wir für Marcello einen Sessel aufgestellt, er hat erzählt und ich habe übersetzt.” Pater Mitterhöfer erinnert sich an die Treffen italienischer Gruppen mit der Hinterbrühler Gemeinde an der KZ-Gedenkstätte, die 1989 errichtet wurde. Die gefährlichsten Momente am Tag seien bei Schichtwechsel gewesen, hatte Marcello Martini erzählt: 40 bis 50 Zwangsarbeiter mussten in kurzer Zeit durch einen schmalen Schacht in die Grotte steigen, angetrieben von den Wächtern der SS. Wenn er nur vier oder fünf Schläge bekommen hatte, sei das ein guter Tag gewesen.

Sie stützen ihn auf dem Todesmarsch
In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Marcello Martini die Qualen durch die SS-Wächter – Stöcke, Schläuche, Fußtritte: und die Erschöpfung – jeden Tag ging es nur darum zu überleben. Er schreibt über seltene Lichtblicke, wie den Österreicher Georg, einen Aufseher, der ihm Brot zusteckte, und irgendwann nicht mehr da war; über den deportierten französischen Arzt, der ihm in der Krankenbaracke das Leben rettete; und er erinnert sich an die italienischen Gefangenen auf dem Todesmarsch, die ihn stützten, obwohl darauf der Genickschuss stand.

Scham für die Zeit im „Lager“

Nach der Befreiung von Mauthausen im Mai 1945 kehrte Marcello zu seiner Familie zurück. Er war verstört, und er schämte sich. Zuhause wussten sie nicht, was im „Lager“ geschehen war und Marcello schwieg lange. Seine Mutter sei die Einzige gewesen, die ahnte, was sein Schweigen bedeutete. Marcello ging wieder zur Schule, ein Jahr hatte er verloren. Der Direktor fragte, hätte er im „Lager“ nicht wenigstens etwas Lesen können.

Marcello war ein guter Schüler, er studierte und wurde einer der angesehensten Flugzeugtechniker Italiens. Als Pater Mitterhöfer ihn kennenlernte, war er bereits über 70 Jahre alt, hielt Vorträge in Schulen und kam immer wieder zur Gedenkstätte Hinterbühl. Im August 2019 ist er gestorben. Seine Frau brachte einen Teil seiner Asche nach Hinterbrühl. Das war sein Letzter Wille.

Wie Versöhnung möglich ist
„Es war kein böses Wort von ihm zu hören, nie eine Klage“, sagt Pater Mitterhöfer. Marcello Martini sei ein humorvoller Mensch gewesen, innerlich ausgeglichen. „Er hatte die Gesinnung der Versöhnung.“ Einen Zauberstab wünsche er sich, hat er immer wieder gesagt, um drei Worte für immer auszulöschen: Hass, Gewalt und Rache.

Versöhnung mit all den Qualen, wie ist das möglich? „Ich erkläre mir das so“, sagt Pater Mitterhöfer. „Mit der Zeit konnte er reden. Er hat sich selbst angenommen, mit allem, was damals geschehen ist.“ Er konnte sich über den Zusammenhalt mit den anderen Gefangenen freuen. Und, ja, er habe auch Mitleid mit den Tätern entwickelt – „die waren doch alle Getriebene!“, sagt Pater Mitterhöfer. Marcello habe ihnen verziehen. „All das brauchen wir, wenn wir unser inneres Gleichgewicht finden wollen.“

Pater Mitterhöfer verband von Anfang an Freundschaft mit Marcello Martini. Er spricht gerne von ihrer ersten Begegnung: Marcello war mit einer italienischen Gruppe nach Hinterbrühl gekommen. Während die Gruppe die Seegrotte besichtigte, tranken die beiden vor dem Eingang Kaffee. Danach wollte er zum „Sacrario“, sagte Marcello auf Italienisch, zum „heiligen Ort“. „Ich dachte, er meinte die Kirche”, sagt Pater Mitterhöfer, „aber er meinte den Ort seines Leidens, die Gedenkstätte.“

Ein heiliger Ort
Das schneebedeckte Grundstück, auf dem wir stehen, liegt heute umgeben von Villen der Wiener Vorstadt. „Damals war das alles Sperrgebiet, niemand durfte hierher“, sagt Pater Mitterhöfer. Die Villen sind nach dem Krieg gebaut worden, auch dieser Platz stand zum Verkauf. In den 1980er Jahren entstand die Idee, eine Gedenkstätte zu errichten.

Die Hinterbrühler Bevölkerung war gespalten, sie wollte keine KZ-Gemeinde werden. Der damalige Pfarrer Franz Jantsch, selbst Opfer der NS-Diktatur, wollte die Idee umsetzen. Unterstützt von Prominenten und Sponsoren konnte er schließlich das Grundstück erwerben. Mittlerweile sei die Gedenkstätte gut angenommen, sagt Pater Mitterhöfer.

Am Karfreitag werden die Menschen wieder kommen und in Stille der Ereignisse gedenken: „Wir haben jetzt kein KZ, wir haben ein Sacrario, einen heiligen Ort.“

Autor:

Stefanie Jeller aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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