Sabine Haag - KHM-Direktorin persönlich
Ich habe Gottvertrauen

Wir sind nun bei der Pestsäule am Graben.
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Sabine Haag ist Direktorin des Kunsthistorischen Museums in Wien. Bei einem Spaziergang schildert sie ihren Weg zur Kunsthistorik, welche schwierigen Herausforderungen es für Museen in der Pandemie gibt und darüber, dass sie einmal Ordensschwester werden wollte.

Wir treffen uns zum Interview am Eingang des Kunsthistorischen Museums am Maria-Theresien-Platz. Es ist ein kalter Wintertag. Wo sonst Tausende pro Tag den Eingang stürmen, sind die Türen geschlossen. Es ist Lockdown. Trotzdem strahlt Direktorin Sabine Haag Zuversicht aus und freut sich auf die Zeit, wenn Museen wieder ihre Türen öffnen können. Schauplätze unseres Talks sind auch das Weltmuseum, die Schatzkammer, die Pestsäule am Graben und der Stephansdom.

  • Wie lang wird es denn noch dauern, bis Sie Ihre Türen wieder öffnen können?

Sabine Haag: Für uns auf jeden Fall zu lange. Denn wir freuen uns schon seit geraumer Zeit, darauf, wenn wir endlich wieder für unser Publikum da sein können. Museen müssen geöffnet sein, Menschen sollen dort sein, wo die Museen sind. Wir haben ausreichend Platz für die Besucher. Aber natürlich tragen wir die Entscheidungen im Lockdown mit.

  • Was gibt es im Lockdown für Museen überhaupt zu tun?

Wir arbeiten hinter den Kulissen. Die Forschung geht weiter. Es wird an Ausstellungen, an Publikationen gearbeitet, Provenienzforschung betrieben. Wir bieten einen digitalen Museumsbesuch, dieser ist im Gegensatz zum analogen, zum echten Museum rund um die Uhr geöffnet. Und über Social Media haben wir eingeladen, uns Glücksbringer zu schicken, an der Schreibwerkstatt teilzunehmen mit Texten zu den Naturgewalten, den höheren Mächten. Das gehört zur Vorbereitung unserer nächsten Spezialausstellung.

  • Apropos Naturgewalt. Was bedeutet für Sie persönlich die winterliche Jahreszeit?

Ich liebe die vier Jahreszeiten. Ich bin in Vorarlberg aufgewachsen. Dort waren die Winter einfach sehr schneereich. Das sind sie jetzt schon seit vielen Jahren nicht mehr. Aber ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir das auch spüren. Dass es eben diese Naturgewalten, dass es vier Jahreszeiten gibt, dass das Jahr nicht einfach gleichmäßig dahinplätschert, sondern dass es hier große Unterschiede gibt, die uns nicht nur physisch lebendig halten, sondern auch in unseren Emotionen und intellektuell.

Es umspannt Sammlungen, nicht nur europäische, sondern vor allem außereuropäische. Alle Kontinente sind abgebildet. Besonders spannend finde ich, dass nach neuen museologischen Erkenntnissen nicht nur unsere Kuratoren diese Räume gestaltet haben, sondern sie in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Communities gearbeitet haben. Im Afrikaraum wurden zum Beispiel die Communities aus Afrika, im Nordamerikasaal indigene Amerikaner miteingebunden. Das macht diese Neugestaltung unglaublich spannend, lebendig und sehr aktuell.

  • Sie stammen aus Vorarlberg. Jetzt verbindet man das Ländle mit Bergen und dem Skisport. Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Ich habe das große Glück gehabt, in einer sehr kunstinteressierten Familie aufzuwachsen. Vorarlberg liegt im Ländereck knapp zur Schweiz, Italien, Deutschland und Liechtenstein. Da passiert recht viel, wir haben viele Reisen unternommen, und meine Eltern haben mir hier einen wunderbaren Kosmos eröffnet. Mit 13 Jahren habe ich beschlossen, ich möchte gerne Kunstgeschichte studieren. Meine Eltern haben mir da ein Buch vonErnst Gombrich geschenkt, wo es um die Geschichte der Kunst ging.

  • Gab es auch andere Zukunftspläne?

Ich bin in einer sehr katholischen Familie aufgewachsen und mich hat natürlich der Glaube sehr stark beschäftigt. Es gab eine Zeit in meiner Jugend, da habe ich Thérèse von Lisieux unglaublich verehrt und mit dem Gedanken gespielt ins Kloster zu gehen, weil ich unbedingt auch so eine gute Person werden wollte wie sie. Das hat sich dann wieder zerschlagen. Aber ich bin ein gläubiger Mensch. Ich gehe zwar nicht regelmäßig am Sonntag in die Kirche, aber bei mir spielt der Gedanke, dass es ein Gottvertrauen gibt, eine wichtige Rolle.

  • Zum KHM gehört auch die Schatzkammer. Dort befindet sich die sogenannte „Heilige Lanze“. Der Überlieferung nach wurde mit ihr Jesus die Wunde am Kreuz zugefügt. Ist das die echte?

Die Heilige Lanze ist eines der besonders berühmten Objekte in unserer Schatzkammer. Man hat sie ja immer mit dem Speer des Longinus in Verbindung gebracht. Sie war bei allen Krönungen am Altar dabei. Es kommen viele Touristen, die diese Heilige Lanze sehen wollen. Es gibt auch Verschwörungstheorien zu ihr. Unter der Manschette ist ein Nagel zu sehen. Man hat geglaubt, das ist ein Nagel vom Kreuz Christi. All das wurde wissenschaftlich genau untersucht und widerlegt.

  • Wir sind nun bei der Pestsäule am Graben. Welche Bedeutung hat diese für Sie?

Ich bin von meiner Ausbildung her im Barock verwurzelt und die Pestsäule ist eines der bedeutendsten barocken Monumente, die es in Wien gibt. Wenn Sie vor ihr stehen, dann sehen Sie den Erbauer oder Auftraggeber Kaiser Leopold I. Dieser ließ sie 1679 während der großen Pest in Wien errichten. Leopold war ein sehr gläubiger Monarch, man sieht ihn hier in einer anbetenden Pose. Jetzt in der Pandemie kommen wie damals Menschen hierher, die Kerzen abstellen und wohl so manches Stoßgebet zum Himmel schicken.

  • Zum Abschluss sind wir im Stephansdom angelangt. Was verbindet Sie mit dem Dom?

Der Stephansdom ist für mich buchstäblich das Zentrum von Wien. Ich habe Wiener Großeltern und bin schon als Kind oft in Wien gewesen. Ich kann mich erinnern, dass mein Großvater immer zu mir gesagt hat: „Weißt du, uns gehört auch ein Stück vom Stephansdom.“ Damit hat er die Dachschindeln gemeint, die man nach dem Krieg erwerben und so mithelfen konnte, den Wiederaufbau des Doms zu finanzieren.

Der Stephansdom bedeutet mir in vielerlei Hinsicht etwas. Es ist ein spirituelles und ein religiöses Zentrum, ein Bauwerk, das nach wie vor einfach beeindruckend ist in seiner Dimension, in seiner Ausführung. Er ist auch ein lebendiger Ort des Glaubens.

  • Vor kurzem wurde die Dombauhütte von St. Stephan in das Verzeichnis des kulturellen Welterbes aufgenommen. Sie sind österreichische UNESCO-Präsidentin. Was bedeutet dieser Eintrag?

Diese Auszeichnung unterstreicht die seit vielen Jahrhunderten laufenden Erhaltungsaufgaben am Dom, die ein Merkmal für das kulturelle Schaffen sind. Damit werden diese besonderen, traditionellen Arbeitsabläufe anerkannt, die am Stephansdom noch gemacht werden.

Autor:

Stefan Hauser aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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