Widerstandskämpfer
Herr Leitner hat alle überlebt

Gottfried Ludwig Leitner  mit seiner Schwester Christine, die derzeit bei ihm in Wien wohnt, weil eine Rückkehr an ihren Wohnort in England wegen Corona derzeit nicht möglich ist.
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  • Gottfried Ludwig Leitner mit seiner Schwester Christine, die derzeit bei ihm in Wien wohnt, weil eine Rückkehr an ihren Wohnort in England wegen Corona derzeit nicht möglich ist.
  • Foto: Lars Syring, Bühler AR, CH
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Gottfried Ludwig Leitner war Zeit seines Lebens im Widerstand tätig.
In Linz rettet er in der Pogromnacht 1938 Thorarollen aus der brennenden Synagoge. Von den Nazis wird der gebürtige Oberösterreicher zum Tode verurteilt. Der Transport nach Mauthausen wird von den Allierten beschossen, er überlebt. Zu Kriegsende holt er aus dem brennenden Stephansdom Benzinkanister heraus.

Seine Lebensgeschichte würde Bücher füllen. Heute hat der 99-jährige Gottfried Ludwig Leitner mit den Problemen des Älterwerdens zu kämpfen. Er verlässt seine Wohnung in Wiens Innenstadt kaum mehr. Hellwach sind aber die Erinnerungen an sein erlebtes Jahrhundert.

"Mia hengan di auf"

Am 2. März 1922 erblickt Leitner im oberösterreichischen Bad Goisern das Licht der Welt. Sein Vater Gottfried ist Tischlermeister und Mesner, die Mutter Luise Hausfrau. Gottfried hat einen sechs Jahre jüngeren Bruder namens Josef und eine Schwester Christine, sie ist elf Jahre jünger. "Bald hieß es mithelfen, Holz zu schlichten für die Tischlerei." Gemacht hat er es nicht gerne: "Ich habe lieber die Schuhe geputzt und das Haus ausgerieben." Er hat Spielgefährten aus jüdischen Familien, die auf Sommerfrische nach Bad Goisern kommen.

Prägend für ihn sollte dann als 12-Jähriger die Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1934 werden, als nach der Ermordung von Kanzler Dollfuß "gegen 22 Uhr plötzlich vielstimmiger Lärm vor dem Elternhaus zu hören war", so Leitner. Gewehrsalven folgen, ein Schuss lässt das Mansardenfenster in die Brüche gehen.

Draußen schreien Leute: "Leitner kum aussa, mia hengan di auf!" Örtliche Nationalsozialisten wollen seinen Vater, einen Monarchisten, lynchen. "Sie haben das ganze Haus durchsucht, ihn aber nicht gefunden. Er versteckte sich am Dachboden im nur einen Meter hohen Firstboden, davor stand die Weihnachtskrippe, dahinter haben sie nicht gesucht." Am Tag darauf rückt die Heimwehr aus dem Ausseer Land an und verhaftet einige dieser pöbelnden Nationalsozialisten in Bad Goisern.

Rettung von zwei Thorarollen
Beim Einmarsch der deutschen Truppen 1938 lebt Gottfried Ludwig Leitner in Linz, er besucht hier die Handelsschule, denn die Handelsakademie wurde ihm verboten, weil ich gegen die Nationalsozialisten war. "Wir riefen beim Einmarsch am 12. März, Rot-weiß-rot bis in den Tod, wir wurden verhaftet."

Am 9. November wird er Zeitzeuge der Pogromnacht. Ich war Monarchist und hatte Freunde bei der illegalen schwarz- gelben Aktion, wir sind zufällig gemeinsam in der Nähe der Bethlehemstraße gesessen, auf einmal heißt es: "Die Synagoge brennt!". Die Feuerwehr ist zwar vor Ort, wird aber von der Polizei am Eingreifen gehindert.

Leitner kennt einen Hintereingang und dringt mit seinen Freunden in den Tempelraum ein. "Wir konnten noch zwei Thora-Rollen aus dem brennenden Schrein retten". Diese bringen sie zu den nahegelegenen Ursulinen. Tage später übergeben sie diese jüdischen Freunden, die in die damalige Tschechoslowakei flüchten.

Wehrunfähigkeit durch Granatsplitter

1939 beginnt Leitner nach der Handelsschule bei Siemens zu arbeiten. Später ist er dann Buchhalter und Materialverwalter in den "Hermann Göring-Werken". Kriegsbedingt erhält er 1941 seine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst in Allendorf im deutschen Hessen.

Bei einer Verlegung der Truppe nach Frankreich wird er durch Granatsplitter am rechten Bein schwer verletzt. Wehr­unfähig geht es zur Umschulung nach Niederrödern in Sachsen. Von dort geht es für Leitner weiter nach Dresden zum Gaustab, "dort war ich aufgrund meiner Erfahrung im Wareneinkauf tätig". Leitner kümmert sich um die Lebensmittelvorräte und kann so seine Mitarbeiter mit mehr Zuteilungen als vorgesehen unterstützen.

Folterungen am Morzinplatz
Ende 1941 geht es aufgrund seiner Fußverletzung für Gottfried Ludwig Leitner nach Wien und er wohnt bei einem Freund am Graben. Er verantwortet die Buchhaltung eines großen Betriebes, in dem blinde Menschen arbeiten. Fußmatten und Überstiefel für die Wehrmacht werden hier erzeugt. In dieser Funktion ist er oft in Oberschlesien und kommt dort mit polnischen Untergrundkämpfern in Kontakt. "Ich wurde Verbindungsmann zwischen dem Untergrund und österreichischen Widerstandsgruppen."

Im Frühjahr 1943 wird Leitner verhaftet und im Gestapo-Hauptquartier am Mozinplatz gefoltert. "Man wollte Informationen aus dem Widerstand aus mir herauspressen, da man meine Aktivitäten kannte." Leitner übersteht unsägliche Folterungen wie das "tagelange Einsperren in einer nur ein Quadratmeter großen fensterlosen Zelle, in der alle zwei Minuten eine 10.000 Watt starke Lampe aufblitzte". Leitner verliert danach für einige Wochen das Augenlicht. Er wird entlassen, für wehrunwürdig erklärt, aber "sie haben mich bespitzelt, weil ich ja nichts gesagt habe".

Dreimal zum Tod verurteilt
Am 6. Jänner 1945 wird der inzwischen 22-jährige Gottfried Ludwig Leitner wieder verhaftet. "Man eröffnete mir, dass ich vom Volksgerichtshof in Berlin wegen Hoch- und Landesverrats, Wehrkraftzersetzung und Philosemitismus dreimal zum Tod verurteilt worden bin."

Am 17. Februar 1945 erfolgt sein Transport ins KZ Mauthausen. "Der Zug wurde aber von amerikanischen Flugzeugen bombardiert und beschossen. Es gab rund 400 Tote." Leitner kommt mit dem Leben davon und wieder zurück nach Wien ins Polizeigefängnis in der Rossau.

Am 6. April 1945 öffnen sich für ihn die Gefängnistore. Leitner geht durch das zerstörte Wien zurück zu seiner Wohnung in der Innenstadt. Dort lebt er im Keller gemeinsam mit der ganzen Hausgemeinschaft, immer in Sorge vor möglichen Angriffen. "Dort habe ich meine spätere Frau Brunhilde, eine Sängerin, kennengelernt", erzählt er. Russen kommen hinunter in den Keller und holen die Männer zum Arbeiten: "Wir mussten zum Beispiel Cognacflaschen vom Meinl auspacken, sie waren nur am Alkohol interessiert."

Gefährliche Treibstoffkanister im Wiener Stephansdom
In der Nacht auf den 12. April geht der Wiener Stephansdom in Flammen auf. Leitner, der in der Nähe lebt, macht sich da gerade zu seinem Arbeitseinsatz auf den Weg. "Die Russen räumten am Stephansplatz gerade die Meinl-Filiale im Curhaus weiter aus, ich war erstaunt, was sie da hatten: Weine, Spirituosen und Lebensmittel."

Leitner nützt diese Gelegenheit und geht an der Curhausseite in den brennenden Stephansdom. "Da bemerkte ich beim Riesentor hinten einen riesigen schwarzen Vorhang, den ich vorher nie gesehen hatte." Obwohl brennende Teile von der Decke fallen, läuft Leitner dorthin: "Hinter dem Vorhang waren Treibstoffkanister, ich bin sofort zu den Russen gelaufen, um ihnen von meinem Fund zu berichten". Diese reagieren sofort, "es war für sie ja eine wertvolle Beute". So werden die Kanister aus dem Dom entfernt und Leitner und die Russen verhindern wohl noch Schlimmeres.

Nach dem Krieg wird Leitner Journalist und arbeitet später in einem technischen Verlag. Er macht sich als Verleger selbstständig und wird Chefkorrespondent einer Schweizer Agentur.

Heute ist er Witwer, 99 Jahre alt. Er sagt: "Die Zeit des Nationalsozialismus und seiner grauenhaften Auswirkungen darf nicht in Vergessenheit geraten! Wehret den Anfängen!"

Gottfried Ludwig Leitner  mit seiner Schwester Christine, die derzeit bei ihm in Wien wohnt, weil eine Rückkehr an ihren Wohnort in England wegen Corona derzeit nicht möglich ist.
Gottfried Ludwig Leitner
Autor:

Stefan Hauser aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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