Meisterwerk in neuem Glanz
Im Bann des Genter Altares

Der Genter Altar gilt in als das bedeutendste und zugleich rätsehlafteste Kunstwerk des ausgehenden Mittelalters.
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  • Der Genter Altar gilt in als das bedeutendste und zugleich rätsehlafteste Kunstwerk des ausgehenden Mittelalters.
  • Foto: Saint-Bavo’s Cathedral Ghent © Art in Flanders, photo KIK-IRPA
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Der Genter Altar gilt als revolutionärer Wendepunkt in der Geschichte der Malerei. Jan van Eyck und sein Bruder Hubert van Eyck schufen ein – für damalige Betrachter schockierendes – Kunstwerk von nie zuvor gekanntem Realismus und ein bildlich schier unerschöpfliches Universum. 2020 präsentiert die Stadt Gent ihr bedeutendes Kunstwerk nach achtjähriger Renovierung in neuem Glanz.

Es heißt, die Menschen seien bestürzt aus der Kirche gelaufen, als sie zum ersten Mal die Bilder des Genter Altars erblickt hatten. Gemälde so nahe an der Wirklichkeit hatte niemand je zuvor gesehen. Der 1432 enthüllte Genter Altar oder mit vollem Titel „Die Anbetung des Lamm Gottes“ der Gebrüder van Eyck gilt weltweit als künstlerischer Höhepunkt, als eines der einflussreichsten Gemälde aller Zeiten.

Der Flügelaltar wurde zunächst von Hubert van Eyck begonnen und nach dessen frühem Tod von seinem Bruder Jan van Eyck für die Genter St.-Bavo-Kathedrale vollendet. Das Jahr 2020 wird in Gent als Jan-van-Eyck-Jubeljahr begangen: Zu Jahresbeginn konnten nach achtjähriger Restaurierung große Teile des Genter Altares mit z. T. verblüffenden Ergebnissen präsentiert werden, zudem wurde Jan van Eyck, zentraler Meister dieses Altarkunstwerkes, um 1390, also vor 630 Jahren geboren.

Weg zum spirituellen Sehen eröffnet

Jan van Eyck (+ 1441) gilt als der Begründer und zugleich der berühmteste Vertreter der altniederländischen Malerei. Wegen seiner Perfektionierung in der Ölmalerei setzte er in Fragen der wirklichkeitsgetreuen Abbildung revolutionäre Maßstäbe. „Er hat einen Weg zum spirituellen Sehen geöffnet“, sagt Maximilian Martens, Kurator am Museum der Schönen Künste in Gent: „Er hat die Technik der Ölmalerei verbessert und sie zu einem handhabbaren Medium gemacht.“ Jan van Eycks Gemälde haben häufig religiöse Inhalte. Durch seine realistische Darstellung brachte er „das Heilige ins Haus“ und ermöglichte den Betrachtern eine neue Unmittelbarkeit im Zugang zum Religiösen.

Das Hauptwerk in Jan van Eycks Schaffen stellt fraglos der Genter Altar für die St.-Bavo-Kathedrale dar, wobei der Maler und Diplomat am Hofe Philipp des Guten vermutlich Vorarbeiten seines Bruders Hubert van Eyck vollendet haben dürfte. Der in ausgeklappter Variante 3,75 auf 5,2 Meter messende Altar gilt als größtes überliefertes Werk der altniederländischen Malerei. Auftraggeber waren Joos Vijd und dessen Ehefrau Elisabeth Borluut, deren Porträts auf der Rückseite der Altarflügel zu sehen sind.

Thema des Kunstwerkes ist die Erlösung der Menschheit durch das Kreuzesopfer Jesu Christi. Im Zentrum steht die Anbetung des Lammes aus dessen Seite Blut fließt in einen goldenen Kelch fließt. Über dem Lamm thront Gott Vater, flankiert von der Gottesmutter Maria und Johannes dem Täufer.

Lamm ist sich seines Opfers bewusst

Bals nach Beginn der Restaurierungsarbeiten 2012 stellten die Restauratorinnen des belgischen Königlichen Instituts für das Kunsterbe fest, dass etwa die Hälfte der „Anbetung des Lammes“ im 16. Jahrhundert übermalt worden war: zum einen, um Schäden auszubessern, zum anderen um das Bild den Sehgewohnheiten der Zeit anzupassen. Diese Farbschichten wurden in jahrelanger akribischer Millimeterarbeit abgetragen.

Das darunterliegende Originalgemälde der Van Eycks erwies sich als hervorragend erhalten. Es wurde vollständig freigelegt und alte Schäden durch Retuschen ergänzt. Das Ergebnis dieser Restaurierung versetzt in Staunen und zeigt in der individuellen Herausarbeitung von Charakteren, Tieren und Pflanzen die Virtuosität des malenden Brüderpaares.

Bemerkenswert ist vor allem die Freilegung der Originalfigur des Lammes: sein Antlitz ist im Original der Van-Eycks ein eindeutig menschliches. Dieses Lamm Gottes schaut den Betrachter durchdringend an. Chefrestauratorin Hélène Dubois sagte bei der Präsentation des zurückgekehrten Altarbildes in der St.-Bavo-Kathedrale dazu: „Natürlich ist sein Blick intensiver, als ich erwartet habe. Aber genau das hat mich bewegt. Man ist so gewöhnt an das passive, nüchterne Lamm und dann wird man konfrontiert mit dieser sehr ausdrucksstarken Vision der Selbstaufopferung Christi auf dem Altar. Hier ist Christus sich seines Opfers bewusst.“

Der Genter Altar hat eine bewegte Geschichte hinter sich, es gleicht einem Wunder, dass er 2020 in neuem Glanz bewundert werden kann: 1566 entging das Retabel nur knapp der Verbrennung durch bilderstürmende Protestanten, später wurden die Darstellungen von Adam und Eva wegen ihres Realismus entfernt. Nach der Eroberung Flanderns durch französische Truppen in den Revolutionskriegen wurden auf Geheiß Napoleons die Mittelteile des Altars nach Paris verschleppt und dort im Musée Napoléon, dem heutigen Louvre, ausgestellt, während man die Flügel rechtzeitig verstecken konnte. 1815 kehrten die Mittelteile nach Gent zurück. Mehrere Teile wurden danach in Berlin ausgestellt.

Abenteuerliche Rettung in Altaussee

Seit 1920 war der „Genter Altar“ wieder vollständig in der belgischen Stadt zu sehen. 1934 allerdings wurden die Tafeln mit den Gerechten Richtern und Johannes dem Täufer gestohlen. Letztere wurde zurückgegeben. Die Gerechten Richter sind nach wie vor verschollen und nur als Kopie vorhanden.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der „Genter Altar“ erneut nach Frankreich und dann von deutschen Truppen nach Österreich gebracht. Die Nationalsozialisten wollten ihn für das geplante Führermuseum in Linz und lagerten ihn mit zahlreichen anderen NS-Raubkunstwerken im Salzbergwerk bei Altaussee. Auch dort entging der Altar nur knapp der Vernichtung.

Es waren die Bergmänner, die die durch den Gauleiter angeordnete Sprengung des Stollens zu Kriegsende verhinderten. Erst nach seiner anschließenden Bergung fand der Altar an seinen angestammten Platz in der Genter Kathedrale St. Bavo zurück und zieht hier alljährlich Huntertausende Besucher in seinen Bann.

www.sintbaafskathedraal.be

Autor:

Agathe Lauber-Gansterer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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