Zeit für den Hirtenhund
Nachdenken über das Jetzt Gottes

Als ich ein Welpe war, war die Zukunft eine Verheißung. Die Leine war lang, der Horizont weit. Es gab keine nennenswerten Konflikte oder Kriege, David Hasselhoff hatte den „Ostblock“ weggesungen, kurz: Alles fügte sich – für mich und viele meiner „Generation X“, der bis 1980 Geborenen.

Wie anders dagegen die heutigen jungen Erwachsenen, die „Generation Z“: top-ausgebildet, doch prekär beschäftigt, bedacht und engagiert, katastrophensensibel, nüchtern, zielstrebig –
und von den Umständen in eine Lebensschwere gedrängt, die so gar nichts mit jugendlichem Ungestüm zu tun hat.

Kurzzeitprojekte statt großer Lebensentwürfe, kleine Wünsche (nach dem nächsten iPhone) statt großer Ideen – von einer gerechteren, anderen Welt. Selten war die Jugend älter als heute.

Jüngst standen diese verlorenen Seelen nun im Fokus der „Pastoraltagung“, eine Art professionelle seelsorgliche Selbsthilfegruppe. Unter dem Titel „Ihr seid das Jetzt Gottes“ bilanzierte man, was kirchliche Jugendarbeit leistet. Oder eben auch nicht.

Denn wenn diese Jugend „das Jetzt Gottes“ ist, dann ist nicht nur Gott, sondern auch die Kirche ganz schön alt geworden. Dabei gibt es sehr wohl neue Ansätze, auf die unsere Bischöfe große Hoffnungen setzen. Etwa die Loretto-Bewegung. 5.000 Jugendliche im Salzburger Dom (wenn nicht gerade Corona ist): Das ist doch was! Und die beten und singen alle so schön!

Rettung und/oder Gefahr

Das Knöchelchen bleibt mir allerdings im Halse stecken, wenn die über ihre „Bildungsprogramme“ berichten, wo ein „Reich-Gottes-Lebensstil“ für eine „neue Generation für Christus“ in einem neunmonatigen Trainings-programm eingeübt werden soll.

Wenn’s mal nicht läuft, macht man ein „Clearing“ – unglaublich, aber auch Scientology verwendet dieses Wort besonders euphemistisch für Gehirnwäsche. So viel Gott-Gewissheit. So viel Sendungsbewusstsein – und zugleich so viel Abneigung gegen alles, was gewachsene kirchliche Pfarrstrukturen angeht. Und nicht zu vergessen: So viel privates Geld dahinter.

Sie merken: Das ist mir nicht geheuer. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, sprach einst von drohender geistiger Umnachtung ergriffen der Dichter Friedrich Hölderlin.

Manchmal jedoch stimmt vielleicht auch das Gegenteil: Wo das Rettende scheint, wächst auch die Gefahr.

Leserforum des Hirtenhund

Autor:

Der SONNTAG Redaktion aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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