Der Kirchenkletterer von Wien
Zwischen Himmel, Erde und ein paar Kirchenglocken

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Wie kein anderer kennt Ulrich Sukup Wien von oben. Oft geht er dabei an die Spitze von Kirchendächern sowie -türmen. Ein Lokalaugenschein in luftiger Höhe.

Vier Mal schlagen die Glocken. Ulrich Sukup lässt sich davon nicht beeindrucken. Flink wie ein Wiesel huscht er durch den Dachbereich der Klosterkirche der Barmherzigen Brüder Wien in der Taborstraße in der Leopoldstadt. Diese kenne er mittlerweile wie seine Westentasche. Schon öfters war er unter und auf deren Dach – aber nicht nur hier: Auch andere Kirchen sowie deren Türme in Wien und Niederösterreich hat der gelernte Bauspengler bereits erklommen, um darauf Blecheindeckungen zu reparieren oder davon etwa Kreuze abzunehmen; in seiner Werkstatt im dritten Bezirk zu sanieren und anschließend wieder darauf zu montieren. „Es ist immer viel zu tun“, bestätigt er – „egal zu welcher Jahreszeit“, bevor er die über die schmale Metallleiter im Dunkel des Turms schließlich verschwindet.

Nach der Matura an der HTL für Elektrotechnik in Wien und einem abgeschlossenen Psychologiestudium wollte der zweifache Familienvater einen „handwerklichen Beruf“ ergreifen. So ließ er sich zum Bauspengler ausbilden, absolvierte die Gesellenprüfung und Jahre später die Meisterprüfung. Spezialisiert habe er sich auf die Sanierung von Kirchendächern und -türmen. Im Jahr 2008 übernahm er von seinem Schwiegervater das seit über 70 Jahren bestehende Unternehmen und nannte es in Sukup-Grötzer um. „Auf dieser Kirche sanieren wir den Turmhelm“, erklärt der Spengler, der mittlerweile aufgehört hat, die Anzahl der Kirchen zu zählen, auf deren Dächern und Türmen er sich bereits aufhielt.

Genauigkeit und Fingerspitzengefühl
Bevor sich Ulrich Sukup den Weg nach oben bahnt, sichtet er Bilder von den Begebenheiten. Denn die größte Unbekannte ist die Beschaffenheit des Turms oder des Dachs. Ist es dann so weit, geht er von innen hinauf und montiert auf der Spitze ein Seil, um sich frei bewegen zu können und abgesichert zu sein. „Dann komme ich gut um den Turm herum“, erklärt Ulrich Sukup. In dieser Höhe zu arbeiten, erfordere eine sehr hohe Genauigkeit und Fingerspitzengefühl. Fehler dürfen Sukup dort oben keine passieren, da sie ihm zu Verhängnis werden könnten. Das sei er sich jedes Mal bewusst. An einen schon länger zurückliegenden Unfall denke er nach wie vor. Das war 2016 in Schwarzau im Gebirge. Als er auf dem Turm der Pfarrkirche das Sicherheitsseil anbringen wollte, gab nicht nur der Turmhelm nach – auch die Falzklemme verrutschte. „Gott sei Dank war ich gut gesichert“, klingt Sukup heute erleichtert. „Ich habe mir das Sprunggelenk offen gebrochen, weil ich mit dem Fuß auf einem Absatz hängengeblieben bin.“ Seither sei er noch vorsichtiger.

Für manche Projekte braucht Ulrich Sukup
mehrere Jahre Vorlaufzeit, erzählt er im Gespräch mit dem SONNTAG. Bei der Sanierung der Rudolfsheimer Pfarrkirche im 15. Bezirk war das etwa der Fall, wo er den zu sanierenden Turm zuerst befunden und dann Lösungen dafür erarbeiten, Musterflächen anlegen, Entscheide vom Bundesdenkmalamt abwarten und schließlich ganz wichtig: die Beauftragung der Erzdiözese Wien bekommen musste. Der Bauspengler fühle sich manchmal wie in einem Krimi, wenn er die Ursache für einen unklaren Wassereintritt Puzzlestein für Puzzlestein aufzulösen versucht und sich am Ende herausstellt, dass der Auslöser doch ganz wo anders zu finden ist. Für ihn mache das nicht nur das Wesentliche, sondern auch den Reiz seiner Arbeit aus.

Dem Himmel näher
Zurück in der Taborstraße. Die Bleche des Dachs und der Turmhelm wurden hier bereits saniert, erzählt Ulrich Sukup. Der Dachreiter befinde sich noch im Originalzustand, aber das Kreuz löse sich ab. Dieses müsse er entfernen, bevor im kommenden Jahr die Fassade der im Jahr 1694 geweihten Kirche vollständig erneuert wird. So wie diesem muss er sich jedem Objekt ganzheitlich widmen; sich darauf richtiggehend einlassen, wie er sagt. Wenn er etwa am Turm stehe, baue er zu ihm eine Beziehung auf. Dann weiß er, dass er sich auf dem richtigen Weg befinde. Jeder mit der Hand bearbeitete Balken oder jede Traversen strahle auch seine eigene Energie aus, die er spüre. Wie stark diese ist, hängt oft vom Alter des Gebäudes oder der handwerklichen Lösung ab. Turmhelme neuester Bauart seien aber anders, schränkt der Psychologe ein: „Mit diesen interagiere ich nicht viel.“

Fühlt er sich Gott auf einem Kirchturm näher, wollen wir von ihm wissen. „Dem Himmel bestimmt“, schmunzelt er und nimmt seinen Helm ab.

Autor:

Christopher Erben aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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