75. Geburtstag von Kardinal Schönborn
„Der Mensch ist dazu geschaffen, glücklich zu sein“

Kardinal Christoph Schönborn feiert am 22. Jänner 2020 seinen 75. Geburtstag.
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  • Kardinal Christoph Schönborn feiert am 22. Jänner 2020 seinen 75. Geburtstag.
  • Foto: Erzdiözese Wien
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Das Leben Erzbischofs Christoph Schönborns war eine Wanderschaft: Geboren in den letzten Kriegsmonaten, am 22. Jänner 1945, im böhmischen Schloss Skalken. Wenige Monate später die Vertreibung: Die Mutter flieht mit dem älterem Bruder Philipp und dem kleinen Christoph zuerst nach Niederösterreich. Dann geht die Familie nach Schruns in Vorarlberg, wo die Mutter einen Job in einem Textilwerk bekommt. Dort verbringt Christoph Schönborn Kindheit und Jugend, mit 18 tritt er bei den Dominikanern ein, lebt und studiert in Deutschland, Wien, Paris. Er wird Theologieprofessor in der Schweiz, wird immer öfter nach Rom geholt, wird schließlich mit 46 Jahren Weihbischof, dann Erzbischof in Wien.

Heimatliche Gefühle, so der Kardinal, hege er da am ehesten für Schruns: „Dort waren einfach die prägenden Jahre der Kindheit. Und dort steht unser Familienhaus, wo ich auch nach meinem Ordenseintritt immer wieder auf Ferien war. Dort lebt die Mutter, dort treffe ich meine Geschwister. . . Schruns ist also für mich am ehesten ein Zuhause.“ Den Geburtsort, Schloss Skalken, hat Schönborn mehrmals besucht. „Mich hat sehr gerührt, dass sie in dem Zimmer, in dem ich geboren bin, ein kleines Museum gemacht haben, mit Bildern usw. über mich und meinen Weg. Aber ich habe dazu weniger Bezug als zum Elternhaus meiner Mutter in Mähren, das mir durch Erzählungen und Fotos vertraut ist.“

Vater und Mutter hatten einander vor ihrer Kriegsheirat kaum gekannt. Die Ehe ging auch nicht gut und wurde Anfang der 60er Jahre – da gab es auch schon die beiden jüngeren Geschwister des späteren Kardinals – geschieden. Die Mutter wird demnächst 100 Jahre alt. Der Vater, der Maler Hugo Damian Schönborn, ist im März 1979 gestorben. „Ich habe mich mit ihm schwer getan, und, ich glaube, auch er sich mit mir. Aber das Schöne war, dass wir uns in seiner letzten schweren Erkrankung, in seinen letzten Wochen gefunden haben. Das war für mich sehr wichtig.“ Das letzte Weihnachten wollte Hugo Schönborn „unbedingt zuhause verbringen, also bei meiner Mutter. Das war das erste Mal, dass er wieder länger bei meiner Mutter war, dass die beiden wieder gemeinsam Weihnachten gefeiert haben. Das hat uns alle sehr bewegt. Er war schon sehr gezeichnet vom Krebs. Uns war klar, dass es ein Abschied war. Und es war ein sehr schöner Abschied.“

„Wenn nur alle Pfarrer wären wie Sie!“

Wer hat, außer den Eltern, den jungen Christoph Schönborn geprägt? Da erzählt der Kardinal zunächst vom Religionslehrer im Gymnasium und auch vom Pfarrer in Schruns: „Er war für mich sehr prägend. Einfach durch seine Ausstrahlung. Ich kann mich zwar an keine seiner Predigten erinnern, aber an dieses Gefühl, das von der Kanzel wie ein Strom von Güte auf uns herabgeflossen ist.“ Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der sich entschieden als Atheist bekannt hat, hat einmal in Schruns – so erinnert sich Schönborn – den Pfarrer „heftig umarmt und gesagt: Ja, wenn nur alle Pfarrer wären wie Sie! An einen Satz des Pfarrers kann ich mich aber erinnern: Der Mensch ist geschaffen, um glücklich zu sein.“

Und es gab auch schon einen Dominikaner, und das kam so: Das Gymnasium in Bludenz war in einem Dominikanerinnenkloster untergebracht – „unglaublich primitiv und von uns geliebt, lauter alte Räume, alte Böden... Das Gegenteil einer modernen Schule“. Daneben stand das Elternhaus des Dominikanerpaters Paulus Gunz, der oft auf Besuch kam, und bei dem der junge Schönborn ministrierte. Gunz stand in der Lehrtradition des Thomas von Aquin und „hat Einkehrtage für uns Schüler gehalten, die viel zu abstrakt waren. Aber er wollte wissen, ob ich was davon verstanden habe, und so ist eine lange Korrespondenz daraus geworden: der gelehrte P. Paulus Gunz und der 14-, 15jährige Schüler. Das Resultat war, dass mich die Dominikaner interessiert haben.“ Mit 16 besuchte Schönborn den Pater im Kloster Retz. „Ich war sehr beeindruckt von dem – wie ich heute sagen muss: sehr schlichten – Konvent. Die sechs Brüder haben dort ein richtiges Klosterleben geführt. Bei Tisch wurde vorgelesen. Ich erinnere mich: Winston Churchill, der 2. Weltkrieg.“

Schönborn begann, über Dominikus zu lesen, über Thomas von Aquin, den großen Dominikaner und Kirchenlehrer. „Und wie ich mich der Matura genähert habe, habe ich zum P. Paulus gesagt: Ich trete im Herbst bei den Dominikanern ein. Darauf hat er sein Fahrrad bestiegen, ist zu meiner Mutter gefahren und hat gesagt: Ich bin unschuldig! Aber das war er nicht, und ich bin ihm sehr dankbar, dass ich durch ihn die Dominikaner kennengelernt habe.“

Und wie ist ihm die eigentliche Priesterberufung klar geworden? „Der ursprüngliche Kern meiner Berufung ist wirklich – ohne Dramatisierung oder Übertreibung gesagt – eine Christusbegegnung. Nicht in einer mystischen Vision, sondern in einer Attraktion, einer Hingezogenheit und eben einer Begegnung. Das war in der 1. Klasse Gymnasium und hat sich vom ersten Moment an verbunden mit dem Wunsch, Priester zu werden.“ Die Berufung ist aber nicht ein Moment, sondern, so Schönborn eine „Geschichte vom 11. Lebensjahr bis heute“: „Sie ist mein Lebens-Grundthema geblieben, leider oft in einer nicht adäquat gelebten Weise. Aber, wie es Paulus ausdrückt: Wenn wir untreu sind – er bleibt treu, weil er sich nicht verleugnen kann.“

„So eine Messe erlebte ich nie wieder“

Der Weg spielt sich zunächst in „ganz normaler Form“ ab: als Ministrant „in einer riesigen Ministrantenschar damals“, als Jungscharführer „und in einem doch ziemlich intensiven persönlichen Glaubensleben“. Ein Beispiel erzählt der Kardinal: wie ihn der Schrunser Pfarrer zum später heiliggesprochenen Padre Pio in San Giovanni Rotondo mitnimmt. „Zuerst hatte ich die typische Reaktion eines 16jährigen: Beim Hinfahren alle diese frommen Frauen im Bus, die viel Rosenkranz gebetet haben. Und dieser ganze Rummel um Padre Pio hat mich eher abgeschreckt, und das Gerangel um die Plätze, für die man sich schon um 4 Uhr früh angestellt hat. Unser Pfarrer hatte organisiert, dass ich ganz vorne sein konnte. Und diese Messe war dann etwas völlig Anderes. Eine andere Welt, außerhalb der Zeit. Ich hatte überhaupt kein Gespür, wie viel Zeit vergangen ist. Ich habe nie vorher oder nachher eine solche Messe erlebt.“

War das Hingezogensein in die Kirche vielleicht auch Resultat der Heimatlosigkeit, des Umherziehens der Familie? Ein Suchen nach Stabilität? „In späteren Jahren habe ich manchmal zu meinen Mitbrüdern gesagt: Sollte ich je einmal austreten, würde ich sicher meine Berufung psychoanalytisch erklären können – durch eine gewisse Unbehaustheit zuhause, durch die Entdeckung der Kirche als einen starken Ort der Zugehörigkeit etc. So hätte ich meine Berufung sozusagen wegerklären können. Eines ist mir jedenfalls klar geworden: Jede Berufung geschieht durch eine konkrete Lebensgeschichte hindurch. Da spielen auch solche Elemente hinein, aber sie erklären die Berufung nicht. So ist auch eine Berufung etwas Eigenes. Viele junge Menschen haben Probleme im Elternhaus erlebt – es ist aber nicht vorprogrammiert, dass daraus eine Priesterberufung wird.“
Die Mutter hat auf die Entscheidung jedenfalls zuerst mit Tränen reagiert, dann mit Argumenten wegen des zarten Alters. „Und dann hatte sie eine Verlockung: Ich hätte ein Stipendium für Amerika haben können. Aber Jus-Studieren war absolut nicht mein Thema. Mein Vater hat das alles sehr gelassen genommen. Und so bin ich im selben Herbst mit meinem Koffer ins Kloster eingerückt.“

An eine wissenschaftliche Laufbahn, wie er sie später einschlug, habe er damals noch gar nicht gedacht. „Und erst recht nicht an eine bischöfliche. Obwohl das von der Genetik her irgendwie vorprogrammiert gewesen wäre, weil ich der achte Bischof in der Familiengeschichte bin. Eigentlich waren es zwei Dinge, auf die ich mich gefreut habe: das Gemeinschaftsleben und die Seelsorge.“

Novize und Revoluzzer

Die ersten Jahre als Dominikaner-Novize ab 1963 waren durch einen scharfen Bruch gekennzeichnet. „Wir waren wahrscheinlich das letzte klassische Noviziat unserer Ordensprovinz. 18 Novizen aus Deutschland und Österreich, heute unvorstellbar! Es war sehr streng, man ist sehr früh aufgestanden, hat unendlich viel gebetet, alles lateinisch. Es gab auch große Defizite, aber es war schon eine Fügung, dass ich gleich mit 18 eingetreten bin und so noch den letzten Zipfel der klassischen Form des Ordenslebens erlebt habe. Das war sehr prägend, so dass ich heute noch die Grundpsalmen, die im Gebet jeden Tag wiedergekommen sind, auswendig kann. Und ich bete sie im persönlichen Gebet immer noch auf Latein, so wie ich sie gelernt habe.“

1964 sieht Schönborn als „ein Wendejahr in der Gesellschaft und in der Kirche: das Jahr der Pille und das Jahr, in dem das Konzil, das wir mit Begeisterung verfolgt haben, in seine Krise geraten ist. Damit begann eine dramatische Entwicklung, die ich zuerst einmal als Verwirrung erlebt habe: Wir kamen ins Studium, und als erstes wurde uns die Bibelauslegung nach Rudolf Bultmann serviert, in der eigentlich alles in Frage gestellt wird, von der Gottessohnschaft Jesu über die jungfräuliche Empfängnis bis zur Auferstehung. Dieses ganze Entmythologisierungs­programm ist uns ziemlich undifferenziert serviert worden und hat bei mir und vielen von uns eine existenzielle Krise ausgelöst. Bei mir hat sich das in ein ziemliches Revoluzzertum umgesetzt. Weil man uns erklärt hat, dass das Gebet eigentlich nichts bewirkt, habe ich halt aufgehört zu beten.“

Das Gegengift, so erlebt es der Student Schönborn, war die Sozialarbeit. „Die soziale Dimension war ja die starke Seite der 68er-Bewegung. Eines Tages stand ein Obdachloser vor der Klosterpforte. Ein Mitbruder und ich, die wir vorbeigekommen sind, haben ihn erzählen lassen und waren sehr bewegt von seinem Schicksal. Wir haben den Prior bestürmt, ihn aufzunehmen. Und ein Schwager des Geigers Yehudi Menuhin, ein Wiener Jude, der nach London emigriert war, hat mit uns wunderbares Training gemacht, wie man mit sozialer Not umgeht. Da haben wir begeistert in Sozialprojekten mitgearbeitet, mit Alkoholikern und anderen. Die Begegnung mit der Armut, das glaube ich im Rückblick, war eine Tür, durch die der Herr wieder hereingekommen ist.“

Zwei weitere Wendemarken erwähnt der heutige Kardinal: „Ein neuer Ruf, den ich ganz ausdrücklich vom Herrn empfangen habe in der Osterwoche 1967. Und im selben Jahr die Begegnung mit den französischen Dominikanern mit einem anderen Zugang als den, den wir in Deutschland erlebt hatten: viel spiritueller und kirchlich unverkrampfter. Als ich dann 1968 zum Studium nach Frankreich gehen durfte, hatte ich meine innere Festigkeit wiedergefunden. Dazu hat auch beigetragen, dass ich neue Meister gefunden habe, natürlich Thomas von Aquin, aber auch die großen Konzilstheologen wie P. Yves Congar, Hans Urs von Balthasar und Josef Ratzinger.“

Was ist der Kern des Glaubens?

Eine konservative Wende? „Mehr eine Konsolidierung. Ich habe gemerkt, dass es unaufgebbare Fundamente gibt, für das Brückenbauen zu anderen. Du kannst zu anderen Denkformen, Einstellungen, Glaubensrichtungen, zu anderen Menschen nur Brücken bauen, wenn du feste Fundamente hast. Von festen Pfeilern kann man weite Brücken spannen. Deshalb ist für mich die Liebe zur Orthodoxie das Fundament geworden. Sowohl im konfessionellen Sinn – ich habe mit den Orthodoxen begeistert die Kirchenväter studiert –, als auch im Sinn der Rechtgläubigkeit. Der Glaube, dass Jesus wirklich der menschgewordene Logos ist, der Sohn Gottes, dass ich im Evangelium Ihm begegne, dass ich dem Evangelium trauen darf, dass ich nicht - wie man es uns vor allem in Deutschland versucht hat beizubringen – alles am Evangelium historisch bezweifeln muss. Im lebendigen Kontakt mit der Heiligen Schrift und mit Christus selber ergibt sich eine Herzensweite für andere. Der Kern von all dem ist, was der Evangelist Johannes in seinem 1. Brief sagt: Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott und er bleibt in Gott.“So wurde die Lehre von Christus – die Christologie – das Zentrum des theologischen Werdegangs Schönborns. „Und in der innerkirchlichen Auseinandersetzung habe ich immer das Gefühl gehabt: Kritischer müssten die Kritischen sein! Mir hat im Lauf dieser Jahre immer mehr geholfen, die Rechtgläubigkeit der Lehre, das Dogma nicht als Verengung zu sehen, sondern als ein Fenster, das sich auf ein weites Land öffnet. So habe ich meinen Weg gefunden, der sozusagen ganz orthodox ist und daher die Weite des Evangeliums hat.“

Heute sehen manche den Kardinal als Progressiven. Ist er in seinen eigenen Augen noch der alte? „Ich erlebe es nicht als Bruch. Wenn ich pastorale Öffnungen versucht habe, dann immer in Treue zur Lehre der Kirche. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass das, was Papst Franziskus in Amoris Laetitia sagt, immer die Grundlinie der Kirche war: Klarheit in der Lehre und große Aufmerksamkeit auf die Lebenssituationen.“

Als Pater Christoph Schönborn dann mit 30 Theologieprofessor in Fribourg wird, versucht er, seine Art zu lehren daran auszurichten, „was auf großen Widerstand, auch Anfeindungen gestoßen ist. Es gab aber auch sehr schöne Erlebnisse mit Studenten und Professorenkollegen. Aber es war traumatisch zu erleben, wie damals Jahr für Jahr die jungen Studenten und Studentinnen voller Begeisterung von ihren Jugendgruppen, aus den Pfarren etc. an die Fakultät gekommen sind und innerhalb der ersten zwei Semester zum Teil völlig umgedreht worden sind, indem ihnen ihr Glaube als konservativ, als überholt, als unwissenschaftlich abgeräumt wurde. Ich habe dagegen angekämpft und ihnen gesagt: Nein, ihr seid nicht blöd, wenn ihr das Credo nicht mit Mentalreservation sprecht.“

Schönborn nennt als Beispiel „für wirklich unsinnige Thesen, die Professoren mit dem Brustton der Überzeugung“ verkündet haben, dass es belanglos sei, ob das Grab in Jerusalem leer war oder nicht. „Da konnte ich nur sagen: Gebt die Vernunft nicht ab an der Garderobe der Universität! Was soll in Jerusalem eine Rede von der Auferstehung, wenn jeder auf ein volles Grab hinweisen kann?“ Eines, so sagt Schönborn, sei ihm damals und dann auch für seinen Dienst als Bischof wichtig geworden: „Der Glaube der Einfachen ist die Norm. Und die Theologie hat dem Glauben der Einfachen zu dienen.“

Kleiner Dissertant und großer Theologe

Die Ermutigung, in die Wissenschaft zu gehen, kam zunächst im dominikanischen Freundeskreis, der sich „begeistert auf die Kirchenväter gestürzt“ hatte. Und dann vom Theologen Hans Urs von Balthasar. „Ich hatte meine erste Dissertation mit 27 Jahren veröffentlicht – und Balthasar hat das gelesen und mich nach Basel eingeladen! Ich war sprachlos: Was mache ich beim großen Hans Urs von Balthasar? Er hatte diese wunderbare Gabe, Talente wahrzunehmen und zu fördern. Er hat mich sehr ermutigt, weiterzumachen. Er hat sich später auch dagegen gewehrt, dass ich Bischof werde: Er hat in Rom gesagt: Lasst ihn in der Theologie! Aber man hat nicht auf ihn gehört. Seine Ermutigung hat mich jedenfalls bewogen, eine zweite Dissertation zu schreiben. Kaum war ich damit fertig, hat ein Mitbruder mich gefragt, ob ich an der theologischen Fakultät in Fribourg Professor werden will. Das war überhaupt nicht meine Lebensplanung, aber ich habe mich darauf eingelassen.“
Davor war Schönborn Studentenseelsorger in Graz. Wie kam das? „Der spätere Bischof und damalige Studentenseelsorger Kapellari hatte irgendwie von mir gehört und meinen Provinzial gefragt, ob ich nicht nach Abschluss meiner Dissertation bei ihm Kaplan werden könnte. Mein Provinzial hat mir die Wahl gelassen: Du kannst nach Wien oder nach Graz. Ich beichte, dass ich nicht eine Sekunde gezögert habe: Graz! Graz war mir vertrauter, und ich hatte Angst und eine Aversion gegen Wien. Das ist heute ganz anders, aber ich bin trotzdem froh über meine eineinhalb Jahre in Graz. Ich habe von Kapellari viel gelernt. Ein großartiger Mensch.“
Nach fünf Jahren als Professor passierte etwas, was Schönborn noch heute erstaunt: „Ich wurde in die Internationale Theologische Kommission berufen. Da saß ich auf einmal neben Größen wie Congar, Balthasar, Ratzinger, in diesem Areopag der Theologie! Ich habe mich, glaube ich, bewährt – aber in dieser Champions League habe ich nicht mitgespielt. Das ist eine andere Spielklasse. Ich habe, hoffe ich, ordentliche Arbeit geleistet, aber so etwas wie ein theologisches Erbe hinterlasse ich nicht.“

Wer hat den jungen Theologen „entdeckt“? „Ich hatte lange gedacht, dass Ratzinger das eingefädelt hatte. Ich war ja bei ihm als Doktorand. Aber ich wurde ganz simpel von den Schweizer Bischöfen vorgeschlagen. Jedenfalls hatte ich durch meine Mitarbeit in der Kommission die Gelegenheit, jedes Jahr eine Woche mit Ratzinger, der die Sitzungen präsidiert hat, zusammen zu sein. Einmal musste ich die Redaktion machen für eine Arbeitsgruppe, in der es um das Selbstbewusstsein Jesu ging: Wusste Jesus, dass er der Sohn Gottes war? Ich glaube, Ratzinger war irgendwie zufrieden mit der Arbeit, die ich gemacht habe.“
Vielleicht, so sagt der Kardinal, war das der Grund für einen Anruf im Sommer 1987, als er auf Urlaub in Schruns war: „Ich soll rasch zu Ratzinger nach Rom kommen! Ich bin in den Nachtzug gestiegen, und er hat mich mit seinem Sekretär in eine Trattoria zum Abendessen eingeladen und mich gefragt, ob ich bereit wäre, den Redaktionssekretär für den Weltkatechismus zu machen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich dann nachts allein auf dem Petersplatz gestanden bin: Was bringt das in mein Leben? Eine unvorstellbar große Aufgabe! Ich war ganz beglückt, aber auch erschrocken. Es war der Anfang der fünf vielleicht intensivsten Jahren meines Lebens.“

Die Aufgabe war: „unter der Leitung Kardinal Ratzingers und seiner Kommission das Ganze des Glaubens möglichst einfach und authentisch darzustellen. Unter dem Aspekt der Schönheit des Glaubens, seiner Kohärenz und Stimmigkeit. Und so begann dieses Abenteuer, dessen Gelingen, wie Ratzinger am Ende gesagt hat, an ein Wunder grenzt. Allein 25.000 Änderungswünsche, mussten eingearbeitet werden! Irgendwie war schon die Hand von oben spürbar.“

Ein Anruf aus Rom: „Kommen Sie dringend!“

Wie kann man sich die Arbeit am Katechismus konkret vorstellen? „Die erste Etappe wurde unter der Leitung Kardinal Ratzingers entschieden: Eine Basis wie beim Katechismus von Trient, der 1566 erstaunlich unpolemisch und ganz einfach den Glauben positiv dargelegt hat, aufgebaut auf Credo, Sakramente, Zehn Gebote und Vaterunser. Dann wurden sieben Bischöfe mit einem ersten Entwurf beauftragt, jeweils zwei für jeden Teil. Ich bekam die Aufgabe, ihre Ergebnisse zu einem kohärenten Text zusammenzubringen. Dann gab es noch viele Etappen... Im Endeffekt ist vom ersten Entwurf fast nichts übrig geblieben. Eins nach dem anderen wurde überarbeitet, neu geschrieben. Meine Aufgabe war immer, auf die Einheitlichkeit der Sprache und des Stils zu schauen und die Inhalte zu koordinieren, sie zu kürzen, redaktionell zu überarbeiten. Es ist ein Text der Kirche geworden, ist nicht mehr der Text einzelner Autoren.“

Mitten in der Arbeit in Rom am Weltkatechismus, 1991, kommt wieder ein Anruf. Kardinal Gantin, der Präfekt der vatikanischen Bischofskongregation: „Kommen Sie dringend!“ Schönborn: „Was ist los? Vielleicht irgendeine Sache, die die Schweiz betrifft. Als ich in seiner Wohnung war, sagte er: Bitte setzen Sie sich hin! Wie ich gesessen bin, hat er mir gesagt: Der Papst hat Sie zum Weihbischof in Wien ernannt. Worauf ich, ich gestehe es, zu heulen begonnen habe, so hat mich das geschreckt. In den Medien war immer wieder gesagt worden, dass ich Bischof in Österreich werde, aber ich habe das nicht wirklich ernst genommen.“

Die Zeit war wieder einmal turbulent: Einige Bischofsernennungen hatten viele Gläubige verstört, in Wien gab es mit Kardinal Groer und Kurt Krenn umstrittene Bischöfe. Wie waren da die vier Jahre als Weihbischof? „Ich war ja Schwierigkeiten gewohnt. Ich habe seit den 60er-Jahren so viele Krisen und Konflikte in der Kirche erlebt, dass mich das nicht unbedingt geschreckt hat. Es war natürlich ein totaler Lernprozess, weil ich die Erzdiözese Wien sehr wenig kannte. Aber ich war mit einer sehr schönen Aufgabe betraut: Universitätsseelsorge und Kultur. Richtig dramatisch ist es ja erst 1995 mit den Missbrauchsvorwürfen gegen Kardinal Groer geworden.“
Er habe damals gehofft, sagt der Kardinal, nicht der Nachfolger Groers zu werden. „Ich hatte gehofft, dass es Kapellari wird. Ich war schon sein Kaplan gewesen, ich wäre gern auch sein Weihbischof gewesen. Aber als dann die Krise voll ausgebrochen ist und Papst Johannes Paul II. mich über den Nuntius spätabends fragen ließ, ob ich bereit bin Koadjutor zu werden, habe ich sofort Ja gesagt, weil ich gespürt habe, dass die Not so groß ist. Da gab es keine Alternative.“

„Das eigentliche Glück steht noch aus“

Einen Rückblick auf die Zeit als Erzbischof von Wien will der SONNTAG erst erbitten, wenn die Ära auch wirklich zu Ende ist. Aber gefragt haben wir schon, mit welchem Gefühl Kardinal Schönborn dem Ende seiner Amtszeit entgegengeht: „Mit dem Gefühl der Dankbarkeit, weil ich wunderbaren Menschen begegnet bin, weil ich Freude habe an den Gemeinden, dem Glauben, dem ich begegne – viel mehr als man vermutet.“ Ob er selber ein glücklicher Mensch ist? „Ich glaube, ich bin ein glücklicher Mensch. Aber ich weiß: Das eigentliche Glück steht noch aus.“

Autor:

Michael Prüller aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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