Eine Tür zum Leben
Gerechtigkeit

Jetzt, in Corona-Zeiten, erkennen wir besser als sonst, wie wichtig es ist, wirklich auf die Menschen und ihre realen Situationen zu schauen. Jesus will also sagen: Ohne Barmherzigkeit gibt es keine wahre Gerechtigkeit.
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Der Ruf nach Gerechtigkeit ertönt von vielen Seiten. Doch was verbirgt sich hinter diesem Ruf? Was meint die Kardinaltugend der Gerechtigkeit, was heißt eigentlich „soziale“ Gerechtigkeit konkret?

Von Gerechtigkeit träumen alle, nach Gerechtigkeit sehnt sich jeder Mensch, keiner will „ungerecht“ behandelt werden. Schnell wird mit „Gerechtigkeit“ gleich die sogenannte „soziale Gerechtigkeit“ verbunden. Alle politischen Parteien haben auf ihre Weise die „Gerechtigkeit“ auf ihre Fahnen geschrieben, verstehen jedoch Unterschiedliches darunter.

Dr. Magdalena M. Holztrattner MA ist Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreich (ksoe)

Die Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreich, Magdalena Holztrattner, über die schillernde Tugend „Gerechtigkeit“.

  • Wie lässt sich die Kardinaltugend der Gerechtigkeit in wenigen Sätzen erklären?

Magdalena M. Holztrattner: In wenigen Sätzen lässt sich Gerechtigkeit gar nicht erklären. Gerechtigkeit ist keine klar zu definierende Formel, sondern ein so vielschichtiger Begriff ist, dass er in unterschiedlichen Kontexten oft auch sehr Unterschiedliches meint. Es gibt keine „objektive“, allgemein gültige Gerechtigkeit. Am ehesten so: Man kann einem Menschen die Tugend der Gerechtigkeit attestieren, wenn zumindest transparent wird, dass sein Denken, Entscheiden und Handeln von Gerechtigkeitserwägungen und nicht einfach etwa von persönlichen Vorteilen, Machtinteressen etc. geleitet wird.

Es gibt verschiedene Herangehensweisen an die Frage, was gerecht ist. Unter dem Gesichtspunkt der Verteilungsgerechtigkeit wird z.B. die Frage geregelt, nach welchen Kriterien Lasten und Güter eines Staates, also Pflichten und Rechte, verteilt werden. Dabei gilt der Grundsatz, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln ist. Was wiederum gleich bzw. ungleich ist, muss immer wieder ausgehandelt werden.

  • Wer ist biblisch gesprochen ein „gerechter“ Mensch?

Ein „gerechter“ Mensch ist nach den Büchern des Ersten Testaments ein Mensch, der sein Leben und Handeln an den Geboten Gottes orientiert. Also ein Mensch, der nicht seine Eigeninteressen als das Maß aller Dinge nimmt, sondern das Wohl des Anderen/des Volkes im Blick hat. Dadurch kann er bzw. sie im eigenen Leben etwas vom Wesen Gottes durchscheinen lassen. „Rechtschaffenheit“ als Zuschreibung bezeichnet einen gerechten Mensch, der Recht schafft, also dem Recht zum Durchbruch verhilft. Im Zweiten Testament ist es Gott allein, der/die Menschen gerecht macht. Die Gerechtigkeit Gottes ist in den Augen der Menschen oft ungerecht: der Gott Jesu Christi bevorzugt die Armen, die Sünderinnen und Bedürftigen – alle, die nichts vorzuweisen haben an Leistung, Vermögen und anderen Wertmaßstäben dieser Welt. Gerade diese Dimension sollte uns zu denken geben, wenn oft zu laut und einseitig über „Leistungsgerechtigkeit“ geredet wird.

In der Bergpredigt taucht „Gerechtigkeit“ öfters auf. Was will uns der Evangelist Matthäus damit sagen?
Hier ist hauptsächlich von der Gerechtigkeit des Gottesreiches die Rede. Die bedeutet im Wesentlichen eine „Umwertung der Werte“ im Sinne der Seligpreisungen: Gottes Gerechtigkeit ist eine größere Gerechtigkeit als die irdischen Gerechtigkeitskonzepte – in deren Perspektive die göttliche Gerechtigkeit oft als ungerecht erscheinen muss. Man denke hier etwa an die „Ungerechtigkeit“ des barmherzigen Vaters im Gleichnis (Lukasevangelium 15) oder des Gutsbesitzers gegenüber den Tagelöhnern der ersten und der elften Stunde (Matthäusevangelium 20).

  • Wie zeigt sich überhaupt die Gerechtigkeit einer Gesellschaft?

An dem Maß, in dem sie die Armen, Schwächeren, Schutzbedürftigen in den Mittelpunkt ihrer Sorge stellt und für sie das gute Leben ermöglicht.

  • „Wer hart arbeitet, der soll künftig auch mehr zum Leben haben, das ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit“, sagte Bundeskanzler Kurz Ende April beim 75-Jahr-Gedenken der Zweiten Republik. Was gehört zur „sozialen Gerechtigkeit“?

In einer Gesellschaft, die sich dem Humanismus und den Menschenrechten verpflichtet hat, muss jedes Gesellschaftsglied das zu einem guten freien, selbstbestimmten, partizipativen Leben Nötige bedingungslos zur Verfügung haben. Nur durch der eigenen Hände Arbeit „mehr zum Leben“ zu erarbeiten, ist ein Märchen. Reich wird man(n) heute vor allem durch Erbschaft und leistungsfreie Einkommen wie z.B. Finanz- und Spekulationsgewinne, nicht mehr durch durchschnittlich bezahlte Erwerbsarbeit.

  • Was ist dann konkret zu tun?

Da Menschen die Tendenz haben, übermäßig Macht, Vermögen, Einfluss auf „einer“ (ihrer) Seite anzuhäufen (siehe: Wurzelsünde Habgier) – und eben nicht ihre Macht, ihr Vermögen zu teilen, deshalb braucht es immer wieder eine Politik, die hier gegensteuert. Die christliche Soziallehre mahnt wesentlich die Sozialpflichtigkeit von Eigentum ein: Privatbesitz und Vermögen sind immer und nur solange gerecht-fertigt, als sie der Allgemeinheit zu Diensten stehen und auch für andere „Gutes tun“.

Im Sinne des biblischen Jobeljahres heißt Gerechtigkeit auch, immer wieder neu Chancengleichheit herzustellen, indem der Besitzstand aller alle 50 Jahre quasi per Reset auf „alle sind gleich“ gestellt wird. Gerade in Zeiten der überbordenen Verschuldung aller Staaten aufgrund der gemeinschaftlichen Bewältigung der Corona-Krise wäre die Frage des Jobeljahres, einer globalen Entschuldung, wieder zu diskutieren sinnvoll.

  • Wie kann dann soziale Gerechtigkeit hergestellt werden?

Soziale Gerechtigkeit herzustellen als Wert, der für die gesamte Gesellschaft gelten soll, ist eine zentrale Aufgabe des Sozialstaates. Dieser wird finanziert durch Steuern und Abgaben. Denn: ohne Steuern kein (Sozial)Staat!

Was darüberhinaus sehr nötig ist, ist die Bewusstseinsbildung, die Erklärung über politische Maßnahmen: Warum z.B. kann es nun in der Corona-Krise gerechtfertigt sein, das vielbeschworene Nulldefizit mit einem Federstrich gegen eine massive, generationenschwerwiegende Neuverschuldung einzutauschen?

  • Gibt es überhaupt „die“ Gerechtigkeit?

Die Vorstellung, dass es nur „eine“, objektiv feststellbare Gerechtigkeit gibt, ist naiv und muss überwunden werden. Für Gläubige ist es letztlich Gott, der/die gerecht macht. Auf gesellschaftlicher Ebene ist jede Form von Gerechtigkeit in irgendeiner Weise herstellbar – durch Verhandlungen, Gerichte oder Schiedsgerichte, durch entsprechende Lohn- und Sozialsysteme etc. Denn Gerechtigkeit ist eine dynamische Balance, die immer neu ausverhandelt werden muss. Die entscheidende Frage ist: Welche Form von Gerechtigkeit ist gesellschaftlich konsensfähig? Die kritische Frage mit Blick auf Beteiligungsgerechtigkeit und Demokratie ist: Wer ist wie und mit welchen Möglichkeiten an diesem Diskurs beteiligt?

  • Welche Bedeutung hat die Gerechtigkeit für die Katholische Sozialakademie (ksoe)?

Gerechtigkeit ist ein wesentliches Prinzip der Katholischen Soziallehre, die durch die erwachsenenbildnerische Arbeit der ksoe Menschen in Kirche, Wirtschaft und Zivilgesellschaft nahegebracht werden sollen. Diese in unterschiedliche gesellschaftlichen Wirkfelder zu übersetzen geschieht in den Themenfeldern „Soziale Gerechtigkeit“, „Alternatives Wirtschaften“ und „Führung und Partizipation“.

Serie: Eine Tür zum Leben

Jetzt, in Corona-Zeiten, erkennen wir besser als sonst, wie wichtig es ist, wirklich auf die Menschen und ihre realen Situationen zu schauen. Jesus will also sagen: Ohne Barmherzigkeit gibt es keine wahre Gerechtigkeit.
Magdalena M. Holztrattner ist Direktorin der Katholischen 
Sozialakademie Österreich (ksoe).
Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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