Eine Tür zum Leben
Comeback der Tugenden nicht zu übersehen

Die Kardinaltugenden in den Stanzen des Raffael im Vatikan.
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Wenngleich „Tugend“ oder „tugendhaft“ zwischenzeitlich an Klang verloren haben, so kann doch ein Comeback der Tugenden auf dem Büchermarkt nicht übersehen werden.

Buchtitel wie „Tugend: Über das, was uns Halt gibt“ oder „Tugenden: Kraftquellen für einen starken Charakter“ oder „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben: Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte“ bis hin zu „Der Verlust der Tugend: Zur moralischen Krise der Gegenwart“ zeigen die Aktualität der Tugenden.

Ein Blick in das Duden-Herkunftswörterbuch klärt auf, dass „Tugend“ mit „taugen“ in Zusammenhang steht. „Tugend“ bedeutete ursprünglich „Tauglichkeit, Kraft, Vortrefflichkeit“. Ein „tugendhafter Mensch“ ist moralisch untadelig und vorbildlich. Tugenden sind also so etwas wie gute Gewohnheiten, sie werden auch durch Übung erworben.

Warum sie „Kardinal-Tugenden“ heißen?

Schon im Altertum wurden vier wichtige sittliche Tugenden zusammen genannt, um die sich das ganze sittliche Leben wie um Türangeln (lat. „cardines“) dreht, die sogenannten Kardinal-Tugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Sie sind Angelpunkte des sittlichen Lebens. Die großen griechischen Philosophen Platon und Aristoteles befassen sich mit ihnen, dann die folgenden Jahrhunderte. Der große Kirchenvater Ambrosius bezeichnet sie im vierten Jahrhundert mit dem Namen Kardinal-Tugenden („virtutes cardinales“).

Die vier Kardinaltugenden konkret

Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) umschreibt diese vier Kardinaltugenden folgendermaßen: „Die Klugheit ist jene Tugend, welche die praktische Vernunft bereitmacht, in jeder Lage unser wahres Gut zu erfassen und die richtigen Mittel zu wählen, um es zu erlangen.“ (Nr. 1806) Sie hat nichts mit Schüchternheit oder Ängstlichkeit, mit Doppelzüngigkeit oder Verstellung zu tun. „Die Gerechtigkeit als sittliche Tugend ist der beständige, feste Wille, Gott und dem Nächsten das zu geben, was ihnen gebührt.“ (Nr. 1807) Der gerechte Mensch, von dem in der Heiligen Schrift oft gesprochen wird, zeichnet sich durch die ständige Geradheit seines Denkens und die Richtigkeit seines Verhaltens gegenüber dem Nächsten aus. „Die Tapferkeit ist jene sittliche Tugend, die in Schwierigkeiten standhalten und im Erstreben des Guten durchhalten lässt.“ (Nr. 1808) „Die Mäßigung ist jene sittliche Tugend, welche die Neigung zu verschiedenen Vergnügungen zügelt und im Gebrauch geschaffener Güter das rechte Maß einhalten lässt.“ (Nr. 1809) Der maßvolle Mensch richtet sein sinnliches Strebevermögen auf das Gute, bewahrt ein gesundes Unterscheidungsvermögen.

Glaube, Hoffnung und Liebe

Als göttliche Tugenden werden jene bezeichnet, die sich unmittelbar auf Gott erstrecken, nämlich Glaube, Hoffnung und Liebe: Durch den Glauben nehmen wir Gott als unsere letzte Bestimmung an, durch die Hoffnung werden wir zu ihm hingezogen, durch die Liebe vereinigen wir uns mit ihm. Diese drei Grundhaltungen des christlichen Lebens werden von der Heiligen Schrift nicht nur jede für sich aufgezeigt, sondern auch miteinander genannt: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“, schreibt der Apostel Paulus (1 Korinther 13,13).

Warum wir mit der „Klugheit“ starten

Der christliche Philosoph Josef Pieper erinnert, dass die Klugheit das Um und Auf der Kardinaltugenden ist: „Keinen Satz der klassisch-christlichen Lebenslehre gibt es, der dem Ohr des heutigen Menschen, auch des Christen, so unvertraut, ja so fremd und wunderlich klingt wie dieser: dass die Tugend der Klugheit die Gebärerin und der Formgrund aller übrigen Kardinalstugenden ist, der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und der Mäßigung: dass also nur wer klug ist, auch gerecht, tapfer und maßvoll sein kann; und dass der gute Mensch gut ist kraft seiner Klugheit.“

Daher startet der SONNTAG die 7-teilige Serie der Tugenden in der Ausgabe vom 17. Mai 2020 auch mit der Klugheit.

Teil 1: Klugheit
Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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