Zum „Tag der Arbeit“ am 1. Mai
Himmelschreiende Sünden in der Arbeitswelt

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Franz Sieder, jahrzehntelang Betriebsseelsorger im Mostviertel in Niederösterreich, erläutert zum „Tag der Arbeit“ am 1. Mai im Interview mit dem SONNTAG den schillernden Begriff „Gerechtigkeit“. Und warum es einen neuen Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe braucht. Was es mit der sogenannten „Option für die Armen“  auf sich hat und warum Leiharbeit wie eine moderne „bezahlte Sklavenarbeit“ ist, wie Sieder sagt.

„Franz Sieder ist für mich ein glaubwürdiger Zeuge des Evangeliums. Er verkündet und lebt überzeugend die Botschaft Jesu“: Das schreibt Kardinal Christoph Schönborn in seinem Vorwort zu dem Buch „Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden“, das Predigten und Reden von Kaplan Franz Sieder beinhaltet. „Ich habe mich sehr über dieses Vorwort des Kardinals gefreut“, sagt Franz Sieder im Gespräch mit dem SONNTAG. Sieder, bald 85 Jahre alt, ist mittlerweile pensionierter Arbeiterpriester, der u. a. in der Friedensbewegung, bei Pax Christi, der Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialdemokratie (ACUS) und bei der Katholischen ArbeiternehmerInnenbewegung (KAB) aktiv war und ist. Jahrzehntelang wirkte er als Betriebsseelsorger im Mostviertel in Niederösterreich. „Kardinal Schönborn kennt mich persönlich, die Arbeiter-Seelsorge und die Option für die Armen“, betont Sieder: „Auch ihm ist bewusst, dass Reich Gottes letztlich nichts anderes ist als ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens. Um dieses Wachsen des Reiches Gottes ist es Jesus gegangen. Ich glaube, dass Kardinal Schönborn mein Engagement für Frieden, für Gerechtigkeit, für die Arbeitswelt und für die Versöhnung zwischen Christentum und Sozialdemokratie wertschätzt.“

Konsequent: Der „rote“ Arbeiterpriester Franz Sieder mit seiner roten Vespa.

Sie schreiben in einem Ihrer jüngsten Bücher unter anderem, dass Sie von der Theologie der Befreiung geprägt sind, die die sogenannte Option für die Armen beinhaltet. Inwiefern gilt diese Option für die Armen auch hier bei uns?
FRANZ SIEDER:
Die Option für die Armen gilt eigentlich auch bei uns – in einem Wohlstandsland, wo nicht diese radikale Armut herrscht, wo Menschen nicht an Armut sterben wie vielleicht in Lateinamerika oder in Afrika. Die Option für die Armen entspricht meiner Ansicht nach ganz klar der Intention Jesu, der in seiner Grundhaltung diese Option für die Armen zu hundert Prozent hatte. Diese Grundhaltung ist nicht nur von der Befreiungstheologie, sondern vom Evangelium her gefordert. Im Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe aus dem Jahr 1990 steht sehr klar, dass die Kirche auch bei uns eine Option für die Armen hat. „Diese Option ist keine Erfindung sozialer Extremisten, sondern Beispiel und Auftrag Christi“, schrieben damals die Bischöfe. Diese Option für die Armen bedeutet eine Entscheidung „zu besonderer Offenheit den Anliegen der Kleinen und Schwachen, den Leidenden und Weinenden, gegenüber denjenigen, die gedemütigt sind und am Rand der Gesellschaft leben müssen, damit ihnen geholfen wird, ihre Würde als Menschen und Kinder Gottes zu erlangen“, wie die Bischöfe schreiben. In den Sozial-Enzykliken von Johannes XXIII. bis Papst Franziskus wird immer wieder erinnert, dass die Arbeit Vorrang haben soll vor dem Kapital. Arbeit ist mit den Menschen verbunden und soll immer Vorrang haben vor dem Kapital, welches nur instrumentellen Charakter hat. In der Konsequenz heißt das, dass nicht die Kapitaleigentümer, sondern die Arbeitnehmervertreter die Bestimmenden über die Wirtschaft sein sollen. Dann gibt es auch menschlichere Arbeitsbedingungen.

Stichwort Sozialhirtenbrief. Der letzte Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe ist vor 32 Jahren, am 15. Mai 1990 erschienen. Inzwischen erleben wir die Digitalisierung mit all ihren positiven und negativen Auswirkungen in der Arbeitswelt. Brauchen wir daher einen neuen Sozialhirtenbrief?
Die soziale Situation hat sich in den vergangenen 32 Jahren sehr verändert. Daher wäre ein neuer Sozialhirtenbrief sehr angebracht. Weil sich auch Vieles in der Arbeitswelt nicht unbedingt zum Besseren verändert hat. Damals, vor 32 Jahren, gab es noch kaum Leiharbeiter. Ich war und bin oft in den Betrieben und sehe, dass Leiharbeit wie bezahlte Sklavenarbeit ist. Ich kenne Betriebe, wo nur mehr Leiharbeiter aufgenommen werden. Die kann man jederzeit kündigen, sie sind ziemlich rechtlos, und das wird in der Gesellschaft relativ wenig wahrgenommen. Ich habe selbst monatsweise in sieben verschiedenen Betrieben gearbeitet, als Fließbandarbeiter, als Akkordarbeiter. Und ich habe dabei die Härte des Arbeitslebens auch am eigenen Leib kennengelernt. Darüber bin ich sehr froh, das ist für mich eine ganz wichtige Erfahrung gewesen. Ich bin nicht in die Betriebe hineingegangen, um dort gleich zu missionieren, sondern in erster Linie bin ich hineingegangen, um das Leben der Arbeiter und Arbeiterinnen auch kennenzulernen und zu erleben.

Papst Pius X. sprach in seinem Katechismus von sogenannten himmelschreienden Sünden, unter anderem vom vorenthaltenen gerechten Lohn für die Arbeiter. Wie aktuell ist das?
Das ist sehr aktuell. Das hat nicht nur dieser Papst gesagt, das steht in der Bibel im Jakobusbrief im fünften Kapitel. Dort heißt es, dass die Vorenthaltung des gerechten Arbeitslohns zu den himmelschreienden Sünden gehört. Ich habe eine Wäscherei-/ Putzerei-Firma kennengelernt, da waren mehr als 50 Prozent der Beschäftigten Ausländerinnen, die haben zu ganz niedrigen Löhnen gearbeitet. Dies war eine brutale Fließbandarbeit, unter schwierigsten äußeren Bedingungen, denn es war unheimlich heiß in diesem Betrieb, und dazu ganz schlecht bezahlt. Dabei geht es mir nicht ausschließlich um die Löhne. Ich appelliere auch immer wieder an die Gewerkschaften, sich nicht nur um höhere Löhne oder um eine Inflationsanpassung zu bemühen, sondern dass man auch wesentlich auf die Arbeitsbedingungen schauen sollte. Und die sind oft ganz schlecht in vielen Betrieben. Ich fürchte daher, dass nur 10 Prozent der Menschen gerne und mit Freude in ihre Arbeit gehen, für 90 Prozent der Menschen ist die Arbeit ausschließlich ein Job.

Ein großes Thema Ihrer Predigten ist das Thema Gerechtigkeit. Wenn Sie die gegenwärtige Politik in Österreich betrachten, spielt die Frage der Gerechtigkeit eine Rolle. Und wie sehr setzt sich unsere Kirche für Gerechtigkeit und Solidarität in Österreich ein?
Ich sage öfters in meinen Predigten: Die Kirche ist stark in der Caritas, aber schwach in der Gerechtigkeit. Das Thema Gerechtigkeit versuche ich immer anhand des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter darzustellen. Nächstenliebe ist, wenn ich dem Anderen Almosen gebe, wenn ich nicht am Leid des Nächsten vorübergehe, wenn ich empathisch bin für den anderen Menschen. Das ist eine zutiefst christliche Tat. Martin Luther sagt: In der Grundintention von Jesus ist das zu wenig an Nächstenliebe. Er sagt: Zur Nächstenliebe im Verständnis von Jesus gehört auch die Bekämpfung der Räuber dazu. Ich muss auch die Räuber bekämpfen, die andere wundschlagen und ausrauben. Der größte Räuber, der heute zu bekämpfen ist, ist für mich das kapitalistische Wirtschaftssystem, weil es in der Grundintention nur auf Profit aus ist und nicht der Mensch das Ziel ist. Weltweit funktioniert dieses System. Barack Obama sagte einmal: Ein Prozent der Menschheit hat genauso viel wie die übrigen 99 Prozent. Das ist ein ungeheurer Skandal. Es wird uns oft gar nicht so bewusst, dass sich dieses kapitalistische Wirtschaftssystem in unseren Gehirnen eingebrannt hat. Wer das kritisiert, gilt sofort als Kommunist oder als Linker. Gerechtigkeit ist in Strukturen gegossene Liebe. Gerechtigkeit hängt immer mit den Strukturen zusammen. Ich hörte vor ein paar Jahren in Rom in der Anima-Kirche Erzbischof Georg Gänswein, den Sekretär von Papst Benedikt XVI. Gänswein, gewiss kein linker Bischof, sagte damals: „Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist eine Häresie.“ Da haben wir Nachholbedarf. Auch Papst Franziskus mahnt immer die Gerechtigkeit ein, er plädiert dafür, gerechte Strukturen weltweit zu schaffen.

Wie können wir, wie Kardinal Schönborn in seinem Vorwort schreibt, an einer gerechteren und friedlicheren Welt mitwirken?
Wir können dadurch mitwirken, dass wir – ähnlich wie Papst Franziskus – auch kritisch die Welt beurteilen und auch im befreiungstheologischen Sinn versuchen, in der Kirche unterwegs zu sein. Ich kritisiere an der heutigen Kirche, dass sie sehr stark zu einer bloßen Versorgungskirche geworden ist. Es geht uns fast nur mehr um die Versorgung mit Gottesdiensten und Sakramenten. Mir fehlt die Sorge um jene, die nicht mehr in die Kirche kommen. Kardinal Walter Kasper meint in seinem Buch „Jesus der Christus“: Wenn jemand, der das Evangelium überhaupt nicht kennt, sich hinsetzt und die Evangelien, das Neue Testament wirklich liest und herauszufiltern versucht, worum es jetzt letztlich diesem Jesus von Nazaret gegangen ist, was ist das Summarium seiner Botschaft? – dann ist es über alle Zweifel erhaben, dass es ihm gegangen ist um das Werden und Wachsen des Reiches Gottes auf unserer Welt. Und Kasper sagt gleich dazu: In der Intention von Jesus müssen wir Reich Gottes immer deuten auf dem Hintergrund der großen Menschheitsfragen. Nach Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und einem menschenwürdigen Leben für alle Menschen unserer Erde. Und das müsste, meine ich, eigentlich das wesentliche Ziel unserer Pastoral sein. Leider ist unsere Seelsorge in der Realität oft sehr eingeschränkt auf diese bloße Versorgungskirche. Noch ein Wort zur Befreiungstheologie, die keine neue Theologie ist. Sie geht vom Leben aus und ist hundertprozentig parteiisch für die Schwachen und Armen der Gesellschaft. Wenn ich vom Leben ausgehe und ungerechte Situationen in der Arbeitswelt sehe, dann wird das hochpolitisch. Wir dürfen nicht nur Gerechtigkeit predigen und verkünden, wir müssen auch die Ungerechtigkeiten in allen Bereichen unseres Lebens benennen.

Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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