Fastenbrief von Kardinal Dr. Franz König aus dem Jahr 1971 im Wortlaut:
Kardinal König 1971: Mit der Pfarrcaritas ein Netz der Liebe spannen!

Faksimile der Ausgabe vom 1. Fastensonntag 1971
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In den 1970er und 1980er Jahren war die Tradition der Fastenhirtenbriefe noch ungebrochen. So verfasste auch Kardinal Franz König vor 50 Jahren einen solchen, in dem er die Katholiken dazu aufrief, wegen der steigenden Kirchenaustritte ein "Netz der Nächstenliebe" zu spannen.

MEINE LIEBEN KATHOLIKEN DER WIENER ERZDIOZESE!

Die Zeit vor Ostern soll eine Zeit der Einkehr, aber auch der Umkehr sein. Mit dem Ruf zur Buße, zum Umkehren, zur Umkehrung, zur Bekehrung hat Jesus nach der Taufe im Jordan Seine Tätigkeit begonnen. Der Ruf zur Bekehrung ist immer ein Ruf zur Umkehr, zur Umkehr auf den bisherigen Wegen: ein Anruf, das Leben neu zu bedenken, neu zu beginnen, einen neuen Anfang zu suchen und einen neuen Pfad zu gehen.
Dieser Ruf geht an jeden einzelnen von uns, er geht aber auch an die gesamte Kirche. Auch sie muss immer überdenken, ob ihr pastoraler Weg der richtige ist. Auch sie muss sich besinnen, muss, wenn es notwendig ist, neue Wege einschlagen. Das gilt zumal dann, wenn sie bemerken sollte, dass ein immer größer werdender Teil ihrer Glieder, jener, die ihr durch die Taufe angehören, eine andere Umkehr vorzieht; nicht eine Bekehrung zu Gott, sondern eine Umkehr, eine Abkehr von der Kirche – dass sie das Haus verlassen, das ihr Haus so gut ist wie das unsere, dass sie der Kirche den Rücken kehren, dass sie aus der Kirche austreten.
     Zu den vielen Sorgen, die den Bischof bewegen, ist die Sorge um die steigenden Kirchenaustritte eine der schwersten. Kirchenaustritte hat es immer gegeben. Die Frage der Religionsausübung, das Recht, einer Kirche anzugehören und ihr beizutreten, schließt auch das. Recht ein, aus der Kirche auszutreten. In der Vergangenheit gab es in der Zwischenkriegszeit verschiedene Anlässe zu zahlreichen Kirchenaustritten, die bis an die 100.000 reichten. Heute kann man dafür keine politischen Gründe anführen, keine Austrittspropaganda, keinen gesellschaftlichen und parteipolitischen Zwang für steigende Austrittszahlen verantwortlich machen.

 Analyse der Austritte

     Warum treten die Menschen in steigender Zahl aus der Kirche aus? Wollen wir dies erfahren, müssen wir die Zahl etwas genauer analysieren. Im Raum der Erzdiözese haben 9454 Katholiken im Jahre 1970 die Kirche verlassen, dabei waren über die Hälfte im Alter von 20 bis 50 Jahren. Der Anteil der Frauen und Männer über 60 Jahre ist mit 16 Prozent erschreckend hoch.
Was bewegt diese Menschen, aus der Kirche auszutreten? Was hat ihnen gefehlt? Was hat sie gestört an der Kirche?

Probleme der Großstadt

     Was die berufliche Gliederung der Ausgetretenen anlangt, so stehen die Arbeiter mit 30 Prozent an der Spitze. Mit den Angestellten zusammen sind es über 50 Prozent. Trotz aller Bemühungen, trotz viel ehrlichem Wollen scheint die Kluft zwischen Arbeiterschaft und Kirche immer noch unüberbrückbar zu sein. Politische Gründe können es heute nicht sein, die den Arbeitern das Bild er Kirche verzerrt zeigen. Die Feindschaft ist verschwunden, das Misstrauen aber scheint zu bleiben.
      Den Gründen der Kirchenaustrittsbewegung kommen wir vielleicht näher, wenn wir die Zahlen nach den Vikariaten aufgliedern. Von den im Jahre 1970 ausgetretenen 9454 Personen entfallen auf das Vikariat Wien-Stadt 8243, auf das Vikariat Unter dem Wienerwald 1025, auf das Vikariat Unter dem Manhartsberg 186. Diese Zahlen zeigen eindeutig, dass die Kirchenaustritte ein Problem der Großstadt beziehungsweise der industriellen Großgemeinde ist. Das ist kein Trost, da der Prozess der Verstädterung, der Zusammenballung von immer mehr Menschen in der Großstadt weiterhin zunehmen wird.

Mangelnder Kontakt
 
     Dieser letzte Stoß zum Austritt ist in nicht seltenen Fällen gewiss der Kirchenbeitrag. Aber eben nur der Anlass. Auch das muss für die Kirche Grund sein, alle Fragen, die mit den finanziellen Mitteln ihrer Erhaltung zusammenhängen, mit den Kirchenbeiträgen, ihrer Höhe, ihrer Vorschreibung und ihrer Einhebung immer neu zu überdenken. Sie wird finanziell aber immer auf das Verständnis und die Opferbereitschaft der Gläubigen angewiesen sein.
      Alleiniger Grund aber für die Kirchenaustritte sind nicht die Schwierigkeiten um die Kirchenbeiträge, auch nicht die seelischen und religiösen Nöte in den Ehen Geschiedener, auch nicht manche ungute Erfahrungen, die der eine oder andere vielleicht mit einem Priester gemacht hat. Hauptgrund ist wohI der, dass für viele die Kirche funktionslos geworden ist, weil sie keinen Kontakt mehr mit ihr haben, ·weil die Kirche keinen Kontakt mehr mit ihnen hat und diesen Kontakt scheinbar auch nicht sucht.

Neue Seelsorgezentren

      In dieser Diagnose liegt auch die Therapie, die Erkenntnis der Ursachen muss den Weg der Abhilfe finden lassen. Wenn es an Kontakt mangelt, müssen wir den Kontakt suchen. Der Weg der Pfarrteilung, den wir in den letzten Jahren erfolgreich beschritten haben, den die Synode ausführlich neu beraten hat, wird weiter verfolgt werden. Wo dies nicht möglich ist, müssen Sprengelgemeinden errichtet werden. Solche mit einem Priester, und wenn wir keinen haben, solche mit einem Laien als Sprengelleiter. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass bei Pfarrteilungen auch in den neuen Teilgemeinden ein innerer Kern von der gleichen Stärke sich gebildet hat.
      Wir müssen neue Seelsorgezentren errichten. Heißt das mehr Kirchenbau, noch mehr von dem weniger werdenden Geld in Ziegel und Beton investieren? Das muss es gewiss nicht heißen. Neue Kirchen werden nur dort gebaut werden, wo es unbedingt notwendig ist: Und sie werden einfach und schlicht gebaut werden. Ein großer Saal in den neuen großen Wohnblöcken wird für den Anfang auch genügen. Gemeinden werden schließlich nicht aus Beton und Ziegeln errichtet. Die Kirche wird gebildet aus den Herzen lebendiger Menschen; denn sie ist Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, hier auf Erden als sichtbare Gemeinschaft gegliedert, von Christus unablässig getragen (vgl. ·. Konst. Über die Kirche .8). Um diese Menschen müssen wir uns kümmern.

Besuche in den Wohnungen

     Ich habe vor Jahren schon Priester und Laien aufgerufen, Hausbesuche zu machen, ihre Pfarrangehörigen dort aufzusuchen, wo sie leben, in ihrer Wohnung. Viele Priester haben dies getan. Manche haben vor der anscheinend unüberwindlichen · Schwierigkeit der Aufgabe resigniert. Nicht wenige apostolisch gesinnte Laien haben sich in zahlreichen Pfarren des städtischen Gebietes ebenfalls aufgemacht und systematisch Hausbesuche gemacht.
      Man darf aber auch diese Aufgabe nicht perfektionistisch angehen, sondern praktisch. Man muss erst einmal anfangen. Gewiss, die Priester sind überlastet und es werden ihrer immer weniger. Wir müssen neue Wege suchen, sie von alledem zu entlasten, was nicht unmittelbar ihre Aufgabe ist. Vielleicht können wir auch überlegen, ob ein Teil der Zeit, die für die Betreuung der Wenigen, die immer wieder betreut werden, aufgewendet wird, nicht für jene verwendet werden soll, für die wir bisher keine Zeit hatten. Das Dasein für die, die kommen, ist wichtig; wichtiger aber noch ist das Hingehen zu jenen, die nicht kommen.

Ein Netz der Liebe

Eine Pfarrgemeinde soll nicht eine Glaubens- und Gottesdienstgemeinschaft sein, sie muss in gleichem Maße auch eine Opfer- und Liebesgemeinschaft sein. Diese Liebesgemeinschaft muss sich in eigener Verantwortung und mit ihren eigenen Mitteln und Möglichkeiten um die armen, alten, kranken und einsamen Mitglieder der Gemeinde kümmern. Die Caritas als diözesane Zentralorganisation muss basieren auf der pfarrlichen Caritas. Was in deren Rahmen und mit deren Mitteln geregelt werden kann, soll nicht an die diözesane Zentrale verwiesen werden. Die diözesane Caritas hat genug Aufgaben, die über die Grenzen der Pfarre und der Diözese hinausgeht.
      Daher meine Bitte an alle Katholiken Wiens, an alle Pfarrgemeinden, an die Priester und Mitglieder des pfarrlichen Gemeinderates: Schafft eine gut funktionierende Pfarrcaritas. Ihr müsst das Netz knüpfen, das alle jene auffängt, die durch die Maschen einer noch so guten Sozialgesetzgebung fallen. Ihr müsst euren eigenen Pfarrangehörigen jene menschliche Wärme und spontane Hilfsbereitschaft zeigen, in der sich immer wieder seit den Tagen der Urkirche das Christentum bewiesen hat.
      Wenn wir den Kontakt finden zu unseren Mitmenschen, die heute am Rande des kirchlichen Lebens stehen und wenn sich dieser Kontakt umsetzen lässt in eine pfarrliche Hilfs- und Liebestätigkeit, dann werden die Menschen besser begreifen, was Kirche ist und warum sie in der Kirche sind und dann werden sie nicht still und leise jenes Haus verlassen, das das Haus Gottes und der Menschen ist; denn die Kirche Christi sollte dort erkennbar sein, wo die Gemeinschaft der an Christus Glaubenden die Liebe Gottes zu den Menschen zugleich sichtbar macht und verwirklicht.

Wien, im Februar 1971

+ F. Kardinal König
Erzbischof

Autor:

Wolfgang Linhart aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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