Comeback der Tugend(en)?
Die Chinesen praktizieren, was wir verdrängt haben

Johannes Huber ist überzeugt, dass es heutzutage einen eigenen Facharzt für die Behandlung von Geltungssucht geben sollte.
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  • Johannes Huber ist überzeugt, dass es heutzutage einen eigenen Facharzt für die Behandlung von Geltungssucht geben sollte.
  • Foto: Lukas Beck
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In seinem jüngsten Buch schreibt der Mediziner und Theologe Johannes Huber über die Kunst des richtigen Maßes.

Diese uralte Tugend, wie sie von der Theologie und Philosophie, von der Psychologie und Medizin gelehrt wird, bringt Huber in einen Zusammenhang mit aktuellen wissenschaftlichen Studien. Europa hat überhaupt die Tugenden vergessen und verdrängt, während sie der Ferne Osten erfolgreich propagiert und praktiziert.

Tugendlehren erfreuen sich gegenwärtig in Europa nicht gerade großer Beliebtheit. Und unter den vier christlichen Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung hat es Letztere im Zeitalter des Konsumismus wohl am schwersten. Nichtsdestotrotz hat der Wiener Mediziner und Theologe Johannes Huber ein Buch über die „Kunst des richtigen Maßes“ geschrieben. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund. „Wie werden wir, was wir sein können?“, so lautet die Kernfrage des Buches.

„Wir können besser sein, wenn wir es wollen“, sagt Bestsellerautor Johannes Huber im Gespräch mit dem SONNTAG: „Das Wollen ist das Entscheidende. Wenn wir nicht wollen, dann bleibt alles beim Alten.“

  • Wie und wo ist das richtige Maß zu finden?

JOHANNES HUBER: Das richtige Maß ist nicht nur eine geometrische Konstante, sondern das richtige Maß ist eine Kunst, die man sich tagtäglich aneignen muss.

Diese Kunst, das richtige Maß zu finden, speist sich aus verschiedenen Quellen. Eine Quelle ist die Kraft unseres Verstandes, eine andere Quelle das In-sich-Hineinhorchen in den eigenen Körper. Auch nicht unwichtig ist es, wenn sich der Mensch im Einklang mit einem guten Geist befindet, wie der Philosoph Sokrates feststellte. Eine ganz wichtige Quelle ist auch die Verfassung der Natur, also das, was die Natur über Millionen von Jahren vorbereitet hat.

Warum beschäftigt sich der Gynäkologe, der Mediziner mit dem richtigen Maß? Das ist relativ einfach zu beantworten: Weil in der Evolution, in der Biologie und auch in der Medizin das richtige Maß essentiell ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn der Körper das Östrogen, also das weibliche Geschlechtshormon, bildet, dann bereitet der weibliche Körper im gleichen Augenblick schon das Gegen-Östrogen vor und verhindert somit, dass das freigesetzte Östrogen übermäßig wird und sich wahnsinnig wichtigmacht.

  • Wie sieht die Kunst großzügiger Zurückhaltung konkret aus?

Indem man auf den inneren Menschen hört. Es ist wichtig, dass man isst. Ohne Essen könnte man nicht überleben. Allerdings: Die Fresssucht ist etwas, was auch lebensbegrenzend ist.

Die Sexualität ist für die Erhaltung der Art extrem wichtig. Die Sexsucht ist etwas, was natürlich dem nicht guttut, der daran leidet. Dem Partner wahrscheinlich auch nicht.

Dass wir in einer Gesellschaft leben, wo das anstrengende Leben auch einen ethischen Wert hat, dass Leistung notwendig ist, das wird heute mehr oder weniger nicht so gern gesehen. Leider. Und dass mit dieser Leistung natürlich auch ein Anspruch auf Besitz erlaubt sein darf. Das ist in meinen Augen legal. Wenn aber die Habsucht auf der anderen Seite grassiert, dann ist das auch nicht gut.

Natürlich, jeder von uns möchte Anerkennung haben. Wer möchte das nicht? Das ist auch wichtig. Die Geltungssucht allerdings ist vom Bösen. Eigentlich bräuchten wir einen neuen Facharzt für die Erkrankung bei Geltungssucht. Wenn man sich die Social Media anschaut, welche Geltungssucht dort herrscht, dann wird einem schlecht. Das ist ein neues pathologisches Bild und das gehört eigentlich auch behandelt.

  • Warum macht, wie Sie in ihrem Buch schreiben, zu viel Sex unglücklich?

Sex ist nicht nur eine körperliche Aktivität, sondern Sexualität ist ein personaler Akt. Und daher ist das richtige Maß in der Sexualität nicht die körperliche Befriedigung, sondern die geistige, die persönliche Begegnung mit dem anderen Menschen. Und das kommt meines Erachtens heute zu kurz.

Ich habe jetzt nicht die Frequenz der Kopulationen gemeint, sondern die Tatsache, dass man es darauf beschränkt, darauf konzentriert und dass man dabei den Begegnungs-Charakter, das In-die-Augen-Blicken versäumt. Hier können wir von der jüdischen Tradition sehr viel lernen. Da gibt es etwa eine Zeit, wo man auch sexuell körperlich aktiv sein soll. Es gibt aber auch eine Zeit, wo man das nicht sein soll und wo man die geistige Freundschaft, die geistige Intimität pflegt. Das könnte auch für uns heute eine Lehre sein.

  • Sie schreiben, dass meist die Eliten die Kunst des richtigen Maßes beherrschen. Warum üben sich die IT-Gründer des Silicon Valley so gern in der Kunst der Askese? Wäre es nicht noch wichtiger, dass auch die sogenannte breite Masse diese Kunst übt?

Ich beziehe mich da auf Google, wo es für die Mitarbeiter wunderbare Restaurants gibt, wo man alles essen kann und dann auch an Gewicht zunimmt. Und während dort gevöllert wird, im wahrsten Sinne des Wortes, sind die IT-Eliten mehr oder weniger dem Hunger zugetan. Viele davon beschreiben in ihren Tagesabläufen, dass sie durch das wenig essen tatsächlich neue Erkenntnisse bekommen haben.

  • Sie erwähnen auch das Fasten Jesu als Weg der Erkenntnis …

Interessant ist, dass Jesus vor seiner Tätigkeit in die Wüste ging und 40 Tage gefastet hat. Wir wissen als Biologen und Mediziner, dass das Fasten den Geist erweitert und die Gedanken klärt und verbessert. Unmittelbar vor dem Beginn seiner Lehrtätigkeit ist Jesus in die Wüste gegangen, hat 40 Tage gefastet und ich interpretiere anhand dieses Zitats aus der Bibel, dass er dadurch noch besser erkannt hat, dass er der Sohn Gottes ist.

  • Warum ist die Leichtigkeit und Heiterkeit des Herzens, wie Sie schreiben, der entscheidende Maßstab?

Weil schon Augustinus und Thomas von Aquin sagen, dass man mit einem fröhlichem Herzen die Dinge machen soll. Man soll auch fasten, man soll verzichten, man soll aber nicht danach weinen, sondern die Dinge positiv sehen. Gerade beim Fasten ist es wichtig, dass man mit Optimismus und mit Freude hineingeht und nicht nur mit dem Schmerz, den das Fasten mitunter bereitet. Dann wird man motiviert, dann kann man die schwierigen Hürden der ersten Tage des Opferbringens überbrücken. Und dann, glaube ich, ist man auch zufrieden.

Unabhängig davon ist die Leichtigkeit des Seins auch für das vegetative Nervensystem notwendig und man entlastet damit das Herz-Kreislauf-System, das Immunsystem und wird letzten Endes auch gesünder.

  • Sie nennen auch das Stichwort „Fleiß“ in Ihrem Buch. Was können wir von den Chinesen, etwa von Konfuzius, oder von den Calvinisten und Protestanten lernen?

Da können wir sehr viel lernen, nämlich die Ethik des anstrengenden Lebens. Das ist etwas, was die Calvinisten praktiziert haben, natürlich möglicherweise auch im Übermaß. Sie sind davon ausgegangen, dass man den Auftrag, die Schöpfung, die Welt zu gestalten, dadurch besser erfüllt.

Wir haben heute diese Work-Life-Balance als großes Thema in der westlichen Welt. Die Frage ist, ob wir damit konkurrenzfähig bleiben gegenüber dem Osten, gegenüber China, und ob wir diese Work-Life-Balance nicht zu sehr in Richtung „Life“ strapazieren und damit die Leistung nicht erbringen, die der Sozialstaat benötigt. Um ihn zu erhalten, sind Leistung und Fleiß von enormer Bedeutung.

Wenn man sich China anschaut, dann sieht man, dass das dort praktiziert wird. Wobei interessanterweise die chinesische Regierung nicht nur den Fleiß der jungen Menschen fördern möchte, sondern sie möchte auch, dass sie gesund, dass sie gebildet und dass sie gehorsam sind. Wobei Gehorsam nicht unbedingt das ist, was wir darunter verstehen.

  • Sie meinen, die Chinesen praktizieren unsere europäische Tugendlehre, die wir vergessen oder verdrängt haben?

Man kann das Wort Tugend in Europa gar nicht mehr aussprechen, ohne irgendwie als rechts dargestellt zu werden. Die Tugendlehre Europas, die wird in China wieder praktiziert, wenn man von den jungen Menschen charakterliche Vorgaben möchte, die natürlich in dem Fall die Partei vorgibt. In Österreich, in Europa, sind Fleiß und die Tugendlehre relativiert worden. Dabei sind die Tugenden als solche für eine freie Gesellschaft von enormer Bedeutung.

  • Ein sehr schönes Kapitel in Ihrem Buch handelt von den Jenseitsvorstellungen. Warum brauchen wir ein neues, ungetrübtes Verhältnis zum Tod und zum Sterben?

Weil zum richtigen Maß auch gehört, dass wir nicht glauben, in dieser Welt mehr oder weniger alles zu haben oder zu bekommen. Wir müssen verstehen, und das hat die spekulative Physik des 20. Jahrhunderts klar auf den Tisch gelegt, dass wir eingebettet sind in ein größeres Ganzes. Und dass es intellektuell redlich ist, wenn auch nicht beweisbar, dass wir Teil dieses großen Ganzen sind, das man ruhig mit dem Namen Transzendenz, mit dem Namen Gott oder wie auch immer bezeichnen kann. Das ist auch ein Anliegen meines Buches, denn es ist heute nicht mehr so wie vor 200 Jahren intellektuell unredlich, an einen Schöpfer oder an ein Jenseits oder auch an transzendente Inhalte zu glauben.

Die Naturwissenschaften zeigen uns täglich, wie beschränkt wir mit unserem Gehirn sind. Daher ist es legitim, daran zu glauben, dass es auch andere Welten und andere Wirklichkeiten gibt, die existieren.

siehe auch:

Serie: Eine Tür zum Leben

Johannes Huber ist überzeugt, dass es heutzutage einen eigenen Facharzt für die Behandlung von Geltungssucht geben sollte.
Johannes Huber, Die Kunst des richtigen Maßes. Wie wir werden, was wir sein 
können, 352 Seiten, edition a, 
ISBN:  978-3-99001-532-2, 24 Euro
Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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