Kommentar von Lydia Kaltenhauser
Ich will einfach nur hier sitzen
Der Mann sitzt im Sessel und will „einfach nur hier sitzen“, wie er wiederholt erklärt. Die Frau läuft hektisch hin und her und kann‘s nicht fassen.
Ein Sketch von Loriot, der weit über Beziehungs- und Geschlechter-Klischees hinaus viel Wahres in sich trägt: Der eine ist zufrieden damit, einfach im Sessel zu sitzen und eine Weile gar nichts zu tun. Wer wünscht sich das nicht: innerlich zur Ruhe zu kommen, den eigenen Gedanken nicht alles zu glauben, sich für die Stille zu öffnen. Doch gleich sind sie da, die Störgeräusche: „Willst du nicht eine Runde spazieren gehen? Soll ich dir deinen Mantel bringen?“ – „Oder willst du vielleicht etwas lesen?“, bedrängt die wohlmeinende Frau den Ruhesuchenden. Was sich bei Loriot zu einem handfesten Ehekrach auswächst, hat schon viele ruhesuchende Menschen zur Verzweiflung gebracht: Nur dass es da nicht andere Menschen, sondern die eigenen Gedanken sind, die stören. Das Problem ist altbekannt: „Wenn dein Herz wandert oder leidet, bringe es behutsam an seinen Platz zurück“, empfahl Franz v. Sales vor 400 Jahren. „Und wenn du in deinem Leben nichts anderes getan hast, dann hast du dein Leben erfüllt.“ Auch wenn wir dauernd weg sind, sagt einer: Ich bin da.
Autor:Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag |