Die Geschichte von Adelheid und Paul Lampl
Alle Tage meines Lebens...

Adelheid und Paul Lampl bei der Hochzeit 1974.  | Foto: Kaltenhauser
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Wer kirchlich heiratet, verspricht Treue in Gesundheit und Krankheit. Was das heißt, zeigen Adelheid und Paul Lampl aus Völs, seit 52 Jahren verheiratet. Vor über 15 Jahren erkrankte Adelheid an Parkinson.

Wie so oft im Leben, ist der Anfang auch bei einer Ehe leicht: Man ist verliebt, träumt von einer gemeinsamen Zukunft, einer romantischen Hochzeit, einem Haus, gefüllt von Kinderlachen, vom gemeinsamen Altwerden. Und wie so oft im Leben zeigen sich die wirklichen Herausforderungen im Durchhalten, im Dranbleiben, manchmal auch im Aushalten. „Vor Gottes Angesicht nehme ich dich an“, versprechen Paare einander bei der kirchlichen Hochzeit, „Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet.“ Meist ist man jung und gesund bei diesem Versprechen, voll Hoffnung und Zuversicht. Wie das Leben spielen wird, weiß man nicht. Es ist ein Wagnis. Adelheid (80) und Paul (84) Lampl aus Völs sind zwei, die erleben, was es heißt, dieses Versprechen zu halten.

Pflegen und gepflegt werden
Ruhig und angenehm kühl ist es an diesem heißen Tag in der Wohnung der Lampls in Völs. Beide sind schon seit frühmorgens auf. Manchmal ist die Nacht um halb fünf Uhr früh vorbei, spätestens aber um sechs Uhr. „Die Nächte sind unruhig“, so Paul, der mit den Jahren in die Pflege seiner Frau Adelheid hineingewachsen ist.
Manchmal stören Alpträume die Nachtruhe, ein häufiges Symptom bei Parkinson. Oft gibt es auch Muskelkrämpfe, das Bein muss massiert werden. Adelheid, dreifache Mutter, engagierte Sozialarbeiterin und Familienberaterin, begeisterte Berggeherin, lebt nach 15 Jahren Parkinson-Diagnose inzwischen mit Pflegestufe 6, laut Österreichischer Pensionsversicherung bedeutet das:
„Bei Tag und Nacht sind zeitlich nicht planbare Betreuungsmaßnahmen oder die dauernde Anwesenheit einer Pflegeperson wegen Eigen- oder Fremdgefährdung nötig.“ Der Pflegeaufwand wird auf 180 Stunden geschätzt. Zum Hintergrund: Rund 70% aller Pflegegeldbezieher:innen in Österreich werden zuhause gepflegt, 20% in stationären Einrichtungen. Die Pflege durch Angehörige ist laut „Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger“ der „größte Pflegedienst der Nation“. Erst konkrete Lebensgeschichten zeigen aber, was diese Zahlen wirklich bedeuten. Ähnlich wie beim Eheversprechen.
„Es war schön“, sagt Adelheid Lampl mit leiser Stimme, aber lächelnd, wenn sie von früher erzählt. Paul Lampl nickt. Kennengelernt haben sich die beiden 1973 bei einer Messe in der Jesuitenkirche. Es war Christi Himmelfahrt, „ein wunderschöner Junitag“. Nach der Messe wollte Paul seinen Freund, zufälligerweise Adelheids Bruder, auf ein Bier abholen, doch der war nicht da. Vor dem Haus stand aber auch Adelheid mit ihrer Freundin, auch sie unterwegs, den Bruder zu suchen. Man kam ins Gespräch, verstand sich blendend, die Freundin musste heim. „Ich habe mich vorsichtig erkundigt, ob sie zuhause in Osttirol einen Freund hat“, so Paul schmunzelnd. Als Adelheid verneinte, nahm er vorsichtig ihre Hand. „Und sie hat sie nicht ausgelassen.“ Die beiden lächeln einander an. Sie haben die Hand bis heute nicht ausgelassen, auch nicht, als der Himmel nicht mehr voller Geigen hing.

Von Liebe und Streit
„An sich ist das Leben dann wie gewünscht verlaufen“, erzählt Paul Lampl weiter. 1974 heiratet das Paar in Adelheids Heimat Hollbruck in Osttirol. 1975 kam Sohn Gregor auf die Welt, 1978 Joachim und 1981 Tochter Katharina. Die Lampls wohnen seitdem in Völs, damals ein aufstrebendes Dorf voll junger Familien. Paul war Lehrer, Gründer einer Pfadfindergruppe, Vortragender beim KBW, später Professor an der Pädagogischen Akademie und Schriftleiter der „Tiroler Schule“. Bis heute ist er verantwortlich für das Völser Pfarrblatt „Emmaus“. Adelheid, gelernte Hebamme und Sozialarbeiterin, blieb mit den Kindern daheim, absolvierte später die Ausbildung zur Familien-, Ehe- und Lebensberaterin und arbeitete als solche beim Land Tirol und bei der Caritas. Es war und ist ein gutes Leben. Was war es, was sie verbunden, was die Beziehung gefestigt hat? „Miteinander reden, füreinander da sein, sich Zeit füreinander nehmen“, das sei das Wichtigste, so Adelheid. „Die Liebe kann man nicht beschreiben“, fügt Paul hinzu.
„Wir haben einander immer wieder gesagt: ‚Ich bin immer noch verliebt in dich‘, da waren wir schon lange verheiratet“. Über Adelheids müdes und etwas ernstes Gesicht huscht ein versonnenes Lächeln, als Paul es sagt. Gestritten habe man wenn nur über die Kindererziehung, „aber der Streit hat meist nicht lange gehebt.“

In Gesundheit und Krankheit
Die Kinder wurden älter, zogen aus, „wir sind da nicht in eine Depression gefallen“, meinen beide schmunzelnd. In der Pension erwanderten sie alle Tiroler Almen und Bergseen. Und einmal, beim Urlaub in Kärnten, hat Adelheid auf einmal nicht mehr gehen können. Dieses plötzliche „Einfrieren“ ist ein typisches Symptom von Parkinson, verursacht durch einen Dopaminmangel im Gehirn, der komplexe Bewegungsabläufe stört. Die beiden rasteten ein wenig auf einer Bank, Adelheid konnte wieder weitergehen. „Aber der Vorfall hat uns keine Ruhe gelassen“, so Paul. Es folgte eine Odyssee von einem Arzt zum nächsten, ohne Befund. Jahre vergingen, bis endlich in der Innsbrucker Klinik Parkinson diagnostiziert wurde – eine Bestätigung dessen, was beide schon geahnt hatten. „Daher war die Diagnose kein Schock für uns“, so Paul. Langsam seien sie gemeinsam in den Umgang mit der Krankheit hineingewachsen. Für Paul, den Pflegenden, gehört dazu neben dem Haushalt die Koordination der Arzttermine und der freiwilligen Helfer:innen, der genaue Überblick über die Medikamente – und Hilfe für Adelheid bei Tag und Nacht. Für Adelheid, die auf Pflege Angewiesene, heißt es vor allem Aushalten, Geschehen-lassen, Geduld haben – mit sich und anderen. Die Krankheit greift nicht nur den Körper an, sondern auch Seele und Geist. Depressive Symptome zeigen sich ebenso wie ein nachlassendes Gedächtnis. Im Gespräch aber folgt Adelheid den Worten ganz genau, nickt zustimmend, lächelt oder widerspricht. Ihre Stimme ist leise geworden, manches wird ungesagt bleiben.

Gemeinsam Kraft schöpfen
Nach dem Frühstück schöpfen Adelheid und Paul beim Morgengebet gemeinsam Kraft, meist mit einer Strophe aus der Pfingstsequenz und Worten von Anselm Grün. Sonntags gehen sie gemeinsam in die Kirche. Paul meditiert, macht autogenes Training. „Und ich bete zum Heiligen Geist. Für die Adelheid, dass die Krankheit stabil bleibt, und für mich, um Geduld.“
Wie hält er den anstrengenden Alltag durch? „Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, in guten wie in schlechten Zeiten zusammenzuhalten. Ich habe nicht extra darüber nachgedacht.“ Paul Lampl ist ein Mann der Worte, aber er ist auch ein Mann der Tat, der die Dinge nüchtern sieht. Und genau in dieser Nüchternheit, die Dinge offen anzusprechen, liegt große Hoffnung: „Sicher ist, dass die Krankheit nicht heilbar ist. Das Ende wird die Ewigkeit sein, das ist uns beiden klar.“

Adelheid und Paul Lampl bei der Hochzeit 1974.  | Foto: Kaltenhauser
Seit 52 Jahren füreinander da: Adelheid und Paul Lampl zuhause in Völs. | Foto: Kaltenhauser
Gemeinsam durchs Leben gehen – festgehalten in liebevoll gestalteten Fotoalben. | Foto: Kaltenhauser
Paul Lampl ist seit vielen Jahren freier Mitarbeiter beim Tiroler Sonntag, er liest viele Bücher im Jahr und verfasst Rezensionen für die Kirchenzeitung.  | Foto: Kaltenhauser
Autor:

Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag

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