Patriarch Louis Sako über den Islam und seine Hoffnungen auf einen säkularen Staat
Wie leben Christen im Irak?

Louis Raphael I. Sako (72) ist Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche. Er studierte Theologie und Islamwissenschaften und spricht 12 Sprachen – auch Deutsch. Sein Einsatz für Frieden und Versöhnung wurde mehrfach international ausgezeichnet.
  • Louis Raphael I. Sako (72) ist Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche. Er studierte Theologie und Islamwissenschaften und spricht 12 Sprachen – auch Deutsch. Sein Einsatz für Frieden und Versöhnung wurde mehrfach international ausgezeichnet.
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Worin besteht die Aufgabe der Christen beim Aufbau des Staates im Irak? Darüber spricht Kardinal Louis Raphael I. Sako im Interview mit Jean-Baptiste Ghins für die französische Zeitung „La Croix“ .

Wie leben Christen heutzutage im Irak, wo immer noch Unsicherheit herrscht ?
Kardinal Louis R. Sako: Christen fühlen sich im Irak nicht sicher. Islamistische Terroristen (IS) haben Kirchen und christliche Symbole zerstört, Christen wurden verjagt und beraubt. Die Wunden sind sehr tief. Obwohl aktive IS-Mitglieder vertrieben oder tot sind, gibt es nach wie vor vielfältige Unterstützung. Das Gesicht hat sich verändert, aber die Ideologie ist geblieben. Christen sind seit langem wegen ihrer Religion diskriminiert, die der Koran als „gefälschte“ Religion betrachtet. Infolgedessen werden wir an den Rand gedrängt. Die Aufklärung und Bildung der Bevölkerung erfordert große Anstrengungen der Regierung.
Die Behörden sollten nicht nur positiv über Christen sprechen, sondern auch über Juden und andere Gläubige. Die Iraker müssen lernen, die Anderen wahrzunehmen und zu respektieren, so wie sie sind.

Sie haben Anfang August Premierminister Mustafa al-Kadhimi getroffen, welche Fragen haben Sie mit ihm erörtert?
Kardinal Sako: Ich habe die Probleme des Irak angesprochen, in erster Linie als Iraker, der ich bin. Es gibt keine Rechtsstaatlichkeit hier. Wir haben daher über den Staat, die Gesetze, die Verfassung, aber auch die Verbreitung von Waffen, über Korruption im Land und die Wahlen gesprochen. Die Regierung muss die die Polizei vor Ort zur Kontrolle in diesen Gebieten einsetzen. Dann können Christen vielleicht auf eine bessere Zukunft hoffen.
Wir haben auch die Situation im Libanon erörtert, wo viele irakische Christen – aber auch Muslime – in sehr prekären Umständen leben.

Welche Veränderungen könnte die Rückkehr eines Großteils der Christen aus der Diaspora in den Irak befördern?
Kardinal Sako: Hoffentlich wird der Irak zu einem säkularen Staat. Der Premierminister will genau das! Er hat eine echte Vision und ist bereit, sich mit Geduld zu wappnen, um dieses Ziel zu erreichen. Ich bestärkte den Regierungschef, dass eine Religion nicht die Grundlage für einen modernen Staat sein kann. Ich bin der Überzeugung, dass Politik und Religion getrennt werden müssen. Wenn der Irak auf der Grundlage der Achtung der demokratischen Freiheiten ausreichend stabil ist, können wir erwarten, dass finanziell erfolgreiche irakische Christen, insbesondere aus den Vereinigten Staaten, zurückkehren, und in irakische Unternehmen investieren.

Wie gehen Christen in diesem Land mit den vielfältig erlebten Traumata um?
Kardinal Sako: Trotz allem, was wir wegen unseres Glaubens erlitten haben, sind wir treu geblieben. Wir können uns auf eine starke Kirche stützen, die – im Gegensatz zur schwachen und schlecht organisierten Zivilgesellschaft – viele Initiativen setzt.
Die Zukunft ist vielversprechend, besonders in der Ninive-Ebene. Der Premierminister war bei seinem letzten Besuch dort überrascht, den guten Zustand der wiederaufgebauten Dörfer zu sehen. Ich habe deutlich gemacht, dass wir den Wiederaufbau wegen der Kirche nicht wegen des Staates bewerkstelligen konnten. Auch in Bagdad werden wir dank unserer Präsenz im sozialen Leben und unserer guten Beziehungen zu muslimischen Behörden und politischen Führern respektiert.

Was können die verschiedenen christlichen Gemeinschaften im Irak für ihr Land tun?
Kardinal Saco: Die Christen müssen vor allem als irakische Staatsbürger zum Land beitragen. Es gilt für sie, in der Situation nicht gleichgültig zu bleiben oder darauf zu warten, alles zu erhalten. Sie fordern viel von der Kirche, aber ein Großteil von ihnen ergreift zu wenig Initiative – so kann es nicht funktionieren. Die Christen müssen die zur Verfügung stehenden Mittel als Bürger nutzen, sie sind in Regierungspositionen und können Maßnahmen setzen. Die Behörden ihrerseits sollten sicherstellen, dass das Gesetz fair angewendet wird.

Was erwarten Sie von den Christen im Westen?
Kardinal Sako: Dass sie mitten unter uns präsent, dass sie mit uns sind. Das gibt uns Mut und Hoffnung. Wir brauchen qualifizierte Fachkräfte, um die Wirtschaft zu entwickeln. Der Westen sollte die Christen im Osten in keiner Weise im Stich lassen. Wir sind die Wurzeln des Christentums – wenn es seine Wurzeln vergisst, sind die Christen wie ein gefällter Baum. «

Mit freundlicher Genehmigung von La Croix – übersetzt von Walter L. Buder

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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