Zur Eröffnung der Salzburger Festspiele
Fragen und Zuhören

Die weißrussische Künstlerin Maria Kalesnikava bei der Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele 2026.
 | Foto: Land Salzburg / Franz Neumayr Copyright: www.salzburg.gv.at/kommunikation/bilder/pressefotos-agb
  • Die weißrussische Künstlerin Maria Kalesnikava bei der Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele 2026.
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"Für mich sind nicht alle Festredner, die zu Eröffnungen großer Veranstaltungen geladen werden, wirkliche FEST-Redner, die dem Inhalt des Festes einen tieferen Sinn und einen neuen Klang verleihen.
Ich habe zwar die Ansprache der weißrussischen Künstlerin Maria Kalesnikava bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele nur in den Medien mitverfolgt, aber was sie sagte, hat mich beeindruckt. Nach fünf Jahren in Weißrussischem Gefängnis sagen zu können, den Sieg über ihre Widersacher darin gefunden zu haben, dass sie in ihrem Herzen keinen Hass zuließ, spricht von Größe. „Seit genau 226 Tagen lebe ich wieder in Freiheit. Es waren die kostbarsten 226 Tage meines Lebens“, so die Rednerin. Die neu erlebte Freiheit zeigt sich ihr als „Morgensonne, Regen, Musik, Familie, Umarmungen oder schlicht in der Möglichkeit, dorthin zu gehen, wohin man möchte.“ „Freiheit wird besonders kostbar, wenn man ihren Preis kennt.“ Gleichzeitig machte sie deutlich, dass Mut für sie nicht die Abwesenheit von Angst bedeutet. Zivilcourage beginne vielmehr dort, wo sich Menschen trotz ihrer Angst für Freiheit, Menschenwürde und Verantwortung entscheiden.

Eine der stärksten Passagen der Festrede beschäftigte sich mit der zunehmenden Aggressivität gesellschaftlicher Debatten. Demokratien seien nicht erst dann gefährdet, wenn Menschen nicht mehr sprechen dürften, argumentierte Kalesnikava. Die Gefahr beginne bereits dort, wo Menschen aufhörten, einander zuzuhören.
Zuhören können ist ein wesentliches Element unseres Miteinanders, ist Anteilnahme am Leben des Partners, der Kinder, meiner Mitschwester. Zuhören und – ich möchte hinzufügen – Fragen stellen, echtes Interesse zeigen, ermöglichen erst ein dauerhaftes gelingendes Zusammenleben. Dieses Fragen war schon das Anliegen des griechischen Philosophen Sokrates. Der mittelalterliche Dichter Wolfram von Eschenbach erzählt uns vom jungen Parzival, der lange Lehrjahre auf dem Weg zum Ritter brauchte, um die erlösende Kraft der Frage zu entdecken: „Oheim, was quält dich?“ Das war die Gralsfrage. Sie hat den Bann gebrochen.
Fragen ist nicht immer einfach, braucht manchmal Mut, weil ich mich unwissend zeige. Wie viele Fragen stellen wir nicht, weil das Zuhören Zeit verlangte, weil wir gar nicht im Sinn haben, uns auf die Mühsal des andern wirklich einzulassen? Wieviele Fragen würde ich heute gerne meinen Eltern stellen oder unseren vorangegangenen Mitschwestern! Ein erfahrener Seelsorger meinte kürzlich: Wie sehr würde ich mich freuen, wenn Kollegen mich nach meiner Erfahrung fragten.
Ist es wirklich so, dass wir zu viel wissen und zu wenig fragen? Die Antworten, die wir aus den Sozialen Medien beziehen, sind zwar ohne Wenn und Aber zu bekommen, fordern keine weitere Aufmerksamkeit ein, aber ihnen fehlt doch der persönliche Erfahrungswert, die menschliche Tiefe, das „innerste Pünktchen“.
Fragen und zuhören – ich will’s in der kommenden Woche probieren!"
Sr. Maria Gerlinde Kätzler

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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