Ein Modellprojekt der Seniorenarbeit in Wattens
Mit der Rikscha gegen das Alleinsein

Lotte (li.) und Erika bei der Ausfahrt mit der Rikscha. Hinter ihnen tritt Ulli Mariacher in die Pedale. | Foto: Walter Hölbling
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Eigentlich wollte sie jetzt Servietten falten, meint Lotte. Aber für eine Ausfahrt mit der Rikscha lässt sie alles liegen und stehen. Und dann gehts los, vom Haus am Kirchfeld vorbei an der Marienkirche in den angrenzenden Park. Eine Fahrt ins Blaue, den Wind im Gesicht, Zeit zum Plaudern, zum Schauen und zum Genießen.

Erinnerungen werden wach
„Eine Ausfahrt mit der Rikscha macht den Geist wach und weckt die Lebensgeister“, sagt Ulli Mariacher. Sie hat vor acht Jahren das Rikscha-Projekt gestartet, um Seniorinnen und Senioren an die frische Luft zu bringen. Neun Pilot:innen sind es derzeit, die sich die Ausfahrten teilen. Wohin die Reise geht, dürfen die Passagiere selbst entscheiden. Manche zieht es zu ihrem ehemaligen Heimathaus, andere zur früheren Arbeitsstätte. „Da werden Erinnerungen wach und wir kommen miteinander ins Gespräch“, erzählt Mariacher.

Das Miteinander fördern
Bei allem Spaß, der bei der Ausfahrt auf drei Rädern aufkommt: Eine Ausfahrt mit der Rikscha hat viele positive Auswirkungen auf die Gesundheit. „Das gesellige Miteinander hilft gegen das Alleinsein und die Eindrücke während der Fahrt wirken sich bei Menschen mit Demenz positiv aus“, so Mariacher. Nicht zufällig habe ein Arzt einmal gemeint, dass solche Rikscha-Fahrten auf Rezept erhältlich sein sollten. Vor acht Jahren ist Ulli Mariacher durch Zufall auf einen Zeitschriftenbericht über die Rikscha-Fahrten gestoßen. „Ich habe mir sofort gedacht, dass ich das Projekt in Wattens starten will“. Finanziert wurde die erste Rikscha durch den Verkauf gebrauchter Fahrräder und Spendengelder. Seither ist das exotische Gefährt aus dem Ortsbild von Wattens nicht mehr wegzudenken. In Anspruch genommen wird die Rikscha vor allem von den Bewohner:innen der beiden Seniorenheime in Wattens. Aber Mariacher hat noch andere Ziele: „Wir möchten auch Senior:innen erreichen, die noch zu Hause wohnen“. Dazu hofft sie auf die Unterstützung der Angehörigen und der Pflegedienste.

Den Wind im Haar
Eingebettet ist das Rikscha-Projekt in den österreichweit agierenden Verein „Radeln ohne Alter“. Dessen Motto: Auch ältere Menschen haben ein Recht auf Wind im Haar. Um möglichst vielen Menschen zu diesem Recht zu verhelfen, freut sich Ulli Mariacher über Freiwillige, die Rikscha-Fahrten übernehmen. Was auf diese wartet: Eine ausführliche Einschulung und die Gewissheit, dass die investierte Zeit nicht vergebens ist. „Was wir als Pilot:innen zurückbekommen, ist nicht zu überbieten“, schwärmt Ulli Mariacher. So viele Momente des Staunens, tiefgehende Gespräche, heitere Plaudereien und – in ihrem Fall – gemeinsames Singen auf der Fahrt durch die Marktgemeinde.
Walter Hölbling

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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