Memoiren eines unbeugsamen Christen, Folge 22
Abbé Pierre

Vier Stunden später hat mich die argentinische Marine aus dem Wasser gefischt. Da ich kein Lebenszeichen mehr von mir gab, hat man mich zusammen mit den Toten in einem Gepäckabteil des Rettungsschiffs verstaut. Da hätte mein irdisches Abenteuer sein Ende finden können, wenn nicht einer der Matrosen, der einen weiteren Leichnam herbeitrug, auf einmal gesehen hätte, wie ich mich regte. Man trug mich auf die Brücke und versuchte, mich mit Mund-zu-Mund-Beatmung wiederzubeleben. Ich erwachte, splitternackt, und sah zwei Matrosen in die Augen. Die lachten, als sie sahen, dass ich die Augen wieder öffnete. Ich war gerettet, doch war das Überleben noch härter: Ich musste miterleben, wie immer wieder ein Vater oder eine Mutter zu mir sagten: Eben hat man unser Kind tot aufgefischt …

Ich erinnere mich an das Ehepaar, mit dem ich am Abend auf dem Schiff Bekanntschaft schließen konnte. Nach mehreren Ehejahren hatten sie sich getrennt. Während der Krankheit ihrer Kleinkinder hatten sie einander dann wieder gefunden und sich wieder geeinigt. So feierten sie auf unserer Schifffahrt ihre zweite Hochzeitsreise. Und nun sah ich die Frau nach unserem Schiffbruch. Sie hatte die Leiche ihres Gatten zu identifizieren. Das war schrecklich.

Als wir in Buenos Aires landeten, erwartete uns eine Horde von Journalisten. Als sie mich erkannten, rannten sie auf mich los. Ich sagte: „Ihr seid ja gut, kommt mit heißem Getränk, Kleidung und etwas zu bei­ßen. Danke schön. Aber ich komme, um unter der Bevölkerung von Buenos Aires zu arbeiten, mit den Obdachlosen, den Verzweifelnden, die sind die Schiffbrüchigen aller Tage in eurer Stadt. Nun lauft ihr hierher, um einige Dutzende Schiffbrüchige einer einzigen Nacht zu interviewen. Warum sammelt ihr nicht die Berichte von Millionen von permanent Schiffbrüchigen in den Elendsvierteln von Buenos Aires?“

Einige Tage später wurde ich ebenso von Philippe Labro interviewt. Damals war er ein ganz junger Reporter des France-Soir. Sein Chef war eine der Pressegrößen, Pierre Lazareff. Der hatte ihn angerufen und gesagt: „Lass alles liegen und flieg nach Buenos Aires für eine außergewöhnliche Reportage. Wir machen eine Schlagzeile: ‚Abbé Pierre aus dem Meer gefischt‘, mit Fotos auf einer Sonderseite.“ Später beklagte sich Labro in einer Sendung, die ich kürzlich auf einem Video sah: „Ich war schrecklich enttäuscht, denn ich erhielt absolut nichts von Abbé Pierre. Für ihn war der Schiffbruch schon vorbei. Der interessierte ihn gar nicht mehr. Er sprach immer nur von seinen Projekten mit Emmaus in Chile und Peru und ich weiß nicht wo. Am Ende verlor ich meine Nerven und sagte zu ihm: ,Aber Abbé, wenn man dem Tod so nahe ist, was fühlt man denn da?‘ Er gab eine Antwort, die ich nie vergessen kann, denn er sagte nur: ‚Der Tod ist wie eine lange hinausgeschobene Begegnung mit einem Freund.‘“
Fünfunddreißig Jahre nach dieser Episode, da ich mich nun dem Tod näher weiß, würde ich es genau so sagen. Genau so sehe ich den Tod immer noch: ein lange verschobenes Rendezvous mit einem Freund. Wenn ich die vielen Gelegenheiten, bei denen ich dem Tod entwischt bin, bedenke, kann ich sagen, dass Jesus, dieser Freund, mich nur immer wieder von Neuem anfangen ließ. Das ist nicht tragisch. Ich hoffe immer noch unablässig jeden Tag auf diese so lange erwartete Begegnung.

Man spricht von einer Trennung anlässlich des Todes. Das trifft zwar auf die Hinterbliebenen zu, gilt aber nicht für den Verstorbenen selbst! Für ihn ist es nur eine Schwindel erregende, fantastische Begegnung, jenseits aller Vorstellungsmöglichkeit, mit Gott, mit den Engeln, mit den Milliarden von Menschen, die jemals gelebt haben. Jawohl, der Tod kann ein wunderbarer Moment unseres Lebens sein.

Je älter ich werde – und ich bin schon ziemlich alt –, desto mehr bin ich überzeugt davon, dass es nur zwei wesentliche Dinge im Leben gibt, zwei Dinge vor allem, die einem nicht missraten sollten: das Lieben und das Sterben. Diese zwei Dinge sind übrigens auf das Engste miteinander verbunden: Unser Tod ist das Bild unseres Lebens. Der Tod ist nichts anderes als der Abschied aus dem Schatten dieser Zeit. Im Moment, da man aus dem Schatten tritt, um ins Licht zu gelangen, sieht man sich selber als den, zu dem man sich im Verlauf des Lebens gemacht hat: entweder als einen solidarischen oder einen selbstsüchtigen Menschen. Ich habe es schon gesagt, dass die entscheidende Teilung der Menschheit nicht die zwischen Gläubigen und Ungläubigen ist. Es ist vielmehr die Trennlinie zwischen den sich selbst Genügenden und denen, die für die anderen gelebt haben. Das heißt also, dass einzelne „Gläubige“ sehr wohl selbstsüchtig sein können, und ebenso mögen einige „Ungläubige“ für die anderen gelebt haben.

Sartre schrieb: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Ich bin vom Gegenteil völlig überzeugt. Die Hölle besteht darin, sich selber von den anderen abzuschneiden. „Du hast nur gelebt, um dir selber zu genügen. So genüge dir also selbst!“ Und umgekehrt besteht das Paradies in grenzenloser Gemeinschaft. Das ist die Freude am miteinander Teilen, am Austausch, eingetaucht ins Licht Gottes. Ewiges Leben beginnt also nicht nach dem Tod. Es ist schon da, in der Wahl, die wir jeden Tag treffen, nur uns selber zu genügen, oder aber an den Leiden und den Freuden anderer teilzuhaben. Und Gott braucht uns nicht zu richten. Das Gericht besteht in jenem Moment vollen Lichts, in dem jeder Mensch sich so sieht, wie er sich selber gemacht hat: zu einem Gemein­schafts­menschen oder einem selbstsüchtig Isolierten. Der Mensch ist also sein eigener Richter: „Das Gericht besteht darin“, sagt Christus, „dass das Licht in diese Welt kam, die Menschen jedoch der Finsternis den Vorzug gaben, weil ihre Werke böse waren“ (Joh 3,19). Unsere Werke, unsere Taten sind unsere eigenen Richter, denn wir sind, was wir tun, und nicht, was wir reden oder uns einbilden.

Erträumen wir uns nicht unser Leben, sondern schaffen wir es uns! Reden wir nicht, sondern lieben wir! Dann wird, wenn wir aus den Schatten dieser Zeit hinaustreten, unser Herz in Flammen stehen, weil es sich Dem nähert, der die Quelle allen Liebens ist.

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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