Memoiren eines unbeugsamen Christen, Folge 19
Abbé Pierre

Ich habe erst kürzlich das Gebet zum Schutzengel wieder entdeckt. Nachdem ich fast völlig die Anwesenheit von Engeln, von der die Bibel doch so oft berichtet, vergessen hatte, habe ich diese Übung wieder aufgenommen. Seit einigen Jahren bete ich in schwierigen Situationen wieder zu meinem und anderer Schutzengel, oder wenn ich mich in einer verzwickten Lage befinde. Und tatsächlich kommt sie dann ziemlich oft ins richtige Geleise.

Oft habe ich auch festgestellt, dass Gott unserem Beten zuvorkommt. Ich erinnere mich an einen alten Emmaus-Gefährten, den ersten, der unter uns starb. Er hatte manche Jahre in der Fremdenlegion verbracht und war keineswegs ein Unschuldsknabe. Doch vor dem Sterben sagte er mir: „Père, ich habe eine Schwester, und die ist Ordensfrau in Afrika. Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit ich meiner Familie davonlief, doch weiß ich, dass sie noch lebt. Melden Sie ihr bitte meinen Tod.“ Dann fügte er noch hinzu: „Gern hätte ich auch noch eine Muttergottesstatue in meinem Sterbezimmer.“ Ich staunte, denn er war wirklich kein Mann dieser Sorte. Im selben Moment läutete der Briefträger an der Pforte. Ich gehe hinunter, um ihm zu öffnen, doch schon hatte Mademoiselle Coutaz, meine Sekretärin, die Post in Empfang genommen und sagt: „Siehe da, ein Paket.“ Sie öffnet es und schält eine kleine Lourdes-Statue aus dem Papier. In Sprüngen eilte ich die Treppe hoch, um sie im Zimmer meines Gefährten aufzustellen.

In der Tat: In diesem unterschwelligen Zustand permanenten Betens sind wir in alle Bitten eingetaucht, die aus der tiefsten Tiefe unseres Herzens aufsteigen. Da braucht man keine Worte zu formulieren. Mündliches Beten hat ja seinen Sinn und Platz in der Gemeinschaft. Als ich im Kloster war, habe ich gerne gewisse Psalmen und mehr noch das Vaterunser mit lauter Stimme rezitiert. Natürlich fühlen wir zu gewissen Zeiten eine Notwendigkeit, gewisse Bitten oder Danksagungen mit lauter Stimme auszusprechen. Das passiert mir oft, und oft rezitiere ich auch das Ave Maria. Doch diese Art ist besonders nützlich, wenn man sich seiner Beziehung zu Gott bewusst wird. Doch glücklicherweise hat er es keineswegs nötig, daran erinnert zu werden, was Er zu tun habe. Er weiß genau um die Liebe, die wir zu ihm tragen.

Mehr noch als an den Nutzen mündlichen Betens glaube ich an besondere stille Zeiten, die man für Gott allein reserviert. Was man Anbetung oder Kontemplation nennt, sind Zeiten der Atemübung, da man sich inmitten eines geschäftigen Tagewerks einige Momen­te Zeit nimmt, sich in Gottes Gegenwart zu versetzen. Das ist, als ob man das Fenster öffnet, um einige gehörige Züge frischer Luft zu schnappen. Kontemplation stellt uns vor das Wesentliche, schafft Distanz zu unseren tausend Beschäftigungen und Sorgen. Dieses Atemholen ist umso nötiger, je beschäftigter und voller Überraschungen das Leben ist, das man zu führen hat. Wie könnte man sich vor der Gefahr des Aktivismus retten, ohne diese Schweigeminuten? Erschöpfung in der Aktion und Verlust der Sicht auf das objektive Ziel aller menschlichen Existenz wären die Folge. Tägliche Anbetung taucht uns ins Wesentliche. Das ist ein Glaubensakt, der gleichzeitig das Glauben, Lieben und Hoffen eines gläubigen Menschen nährt.

Es gibt Menschen, die dazu täglich zehn Minuten oder eine halbe Stunde brauchen, andere eine wöchentliche stille Zeit. Das ist der Sinn des jüdischen Schabbats und des christlichen Sonntags. Andere wieder brauchen eine alljährliche Auftankwoche in einem Kloster. Doch bin ich überzeugt, dass kein aktiver Gläubiger diese besonderen Zeiten missen kann, die man ausschließlich der Anbetung seines Schöpfers widmet. Da schöpft man Kraft in schweigender Intimität mit Gott, wo man sein Gewissen dem Ewigen eröffnet, der Liebe ist. Jesus selbst gab uns das Beispiel in seinen regelmäßigen einsamen Gebetszeiten. Bevor er seine apostolische Mission begann, verbrachte er vierzig Tage in der Einöde, und mehrmals ging er allein zum Beten in die Berge.

Diese wenigen Bemerkungen lassen uns bereits den Sinn betrachtenden Lebens verstehen. Oft hört man heute: „Man braucht Krankenschwestern, Ärzte, helfende Hände noch und noch. Warum schließen sich diese überzeugten Christen für ihr ganzes Leben hinter Klostermauern ein, um den ganzen Tag zu beten, statt sich in das brausende Leben der Welt zu stürzen, der doch Heilung und Besserung so nottäte?“

Ich erinnere mich daran, wie ich mich gerade vor Erreichen meines Rentenalters von 65 Jahren ins Kloster St. Wandrille zurück- zog, um dort acht Jahre lang das Schweigen und die Anbetung der Mönche zu teilen. Es stimmt allerdings, dass ich dieses Leben von Zeit zu Zeit zu unterbrechen hatte, um bei notwendigen Aufgaben der Emmaus-Ge­mein­schaften mitzuhelfen. Eines Tages kommt der Bürgermeister zu mir, um zu melden, dass die Dorfbevölkerung es nicht verstehen könne, dass ich, der unermüdliche Anwalt der von der Gesellschaft Ausgeschlossenen, meine kostbare Zeit in ihrem Kloster totschlage. Ich schrieb dann ins Gemeindeblatt einen langen Brief, um zu erklären, dass ein aktives und ein kontemplatives Leben keinerlei Widerspruch sei. Ich bin sogar überzeugt davon, dass ohne diese wirklichen Zentren göttlicher Energie, die die Klöster darstellen, die Tätigkeit der Apostel, der aktiv Engagierten, all derer, die für eine bessere Welt kämpfen, nicht lange dauern würde. Viele unter diesen Aktivisten fühlen im Übrigen, wie nötig der Betrachtung gewidmete stille Zeiten für sie sind. Spirituell bereichert gehen sie wieder ihren Tätigkeiten nach. (…)

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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