Memoiren eines unbeugsamen Christen, Folge 14
Abbé Pierre

Besser habe ich Johannes XXIII. gekannt, der während meiner Parlamentszeit Nuntius in Paris war. Ich sah ihn fast jeden Monat und er war zuweilen mein Beichtvater. Wir standen uns sehr nahe.
Nach meinen Gesprächen mit ihm und lange vor dem Konzil strich ich in meinem Missale am Karfreitag die Fürbitte für die Juden mit dem unerträglichen Ausdruck „treulose Juden“ (perfidi Iudaei) – treulos wegen ihres „Gottesmords“ – aus. Gott sei Dank wurde dieser Antisemitismus, der so lange viele Christen vergiftet hatte, vom Konzil offiziell weggefegt.

Msgr. Montini, den künftigen Papst Paul VI., hatte ich mehrmals getroffen, denn er war bei jeder meiner Begegnungen mit Pius XII. dabei. Nach seinem Rücktritt vom Staatssekretariat, als das hohe Alter Pius’ XII. in Rom alles lähmte, wurde er Erzbischof in Mailand, und er lud mich auch ein, in seiner Kathedrale zu predigen.

Mit Johannes Paul II. hatte ich mehrere Begegnungen. Jene, bei der er mich nach meinem Alter fragte, vergesse ich nicht. Bevor er noch Gelegenheit hatte, mir zu sagen: „Also ist der Papst jünger als Sie“, hatte ich gesagt: „Ja, der Papst ist jünger. Aber vielleicht macht er als Bischof von Rom, was alle seine Kollegen auch tun müssen: mit fünfundsiebzig Jahren ihre Demission einreichen, und falls dies von Ihren Wählern angenommen wird, können Sie, von all Ihren Verantwortungen befreit, Ihr Leben beschließen.“ Lachend antwortete er mir: „Ja, das kann man sich überlegen.“ Wir alle wissen, dass er, obwohl krank und jenseits seiner 75 Jahre, nicht auf sein Amt verzichtet hat. Es geht ein Gerücht um, dessen Bestätigung wundervoll wäre. Er habe eine Kommission beauftragt, alle menschlichen Fehler der Kirchengeschichte (was für eine Aufgabe!) zu sammeln, damit er als Haupt dieser Kirche und Vertreter Jesu Christi Jesus und die Menschheit zum Millennium um Vergebung bitten könne. Durch solche Gesten – ich denke auch an den interreligiösen Gebetstag um Weltfrieden in Assisi im Jahr 1986 – und manch andere beispielhafte Taten hat dieser Papst sehr wohl bewiesen, dass er ein Mann des Evangeliums ist.

Du, der Freiheit schenkt

Im Sommer 1996 hatte ich die Freude, mit meinem Bruder in Christus Dom Hélder Câmara in Brasilien das Sechzig-Jahr-Jubiläum seines Pries­tertums feiern zu dürfen. Gehasst von einem Teil des reichen brasilianischen Klerus, der ihn als „roten Bischof “ verleumdete, ist Hélder Câmara die Hoffnung der Armen und all derer, die trotz des Luxus der Kirche und ihrer Komplizenschaft mit den ausbeutenden Großgrundbesitzern den Glauben an die Frohbotschaft noch nicht verloren haben.

Sogleich nach seiner Ernennung zum Bischof von Recife hat Hélder Câmara seinen aufwändig getäfelten Bischofspalast mit einem bescheidenen Haus inmitten einer der Barackensiedlungen seiner Bischofsstadt vertauscht. Seine evangelische Geste bescherte ihm heftigste Reaktionen, und jahrzehntelang wurde sein Leben bedroht.

Eines Morgens, als er seinen Fensterflügel öffnete, erblickte er im Hof einen seiner jüngsten Priester, gemartert und erhängt, mit ausgerissenen Augen und einem Schild um den Hals: „Du bist der Nächste“. Man warf ihm vor allem vor, dass er Politik betreibe. Es lag ja klar zutage, dass er sein Leben der Verkündigung des Evangeliums und der Hilfe für die Ausgebeuteten verschrieben hatte.

Natürlich hatte sein Leben im Dienst einer besseren Achtung der Menschenwürde politische Auswirkungen. Wir können ja nicht übersehen, dass der christliche Glaube notwendigerweise auch den Einsatz in der Zivilgesellschaft zur Folge hat und dass Rechtlosigkeit nur bekämpft werden kann, wenn man für eine gerechtere Verteilung der Güter unter Menschen eintritt.

Während dieser Feier war der neu ernannte bischöfliche Nachfolger Dom Hélders nirgendwo zu sehen. Als ich die unzählbare Masse ärmlicher Menschen erblickte, die Dom Hélder die Ehre gaben, war mir der Grund völlig klar. Wie konnte sein bischöflicher Nachfolger da auftauchen, der seit dem Rücktritt Câmaras all dessen Initiativen rückgängig zu machen versucht hatte? Gleichwohl beehrten ihn fünf bischöfliche Kollegen zu seinem Jubiläum, doch feierten sie den Gottesdienst ohne Mitren und ohne goldene Brustkreuze, nur mit einfachen Holzkreuzen an einem Band.

Gegen Ende der Feier saß ich neben einem holländischen Missionar, der mir sagte, der neu ernannte bischöfliche Nachfolger habe jeden Einzelnen seiner Priester der Reihe nach zu sich gerufen, wie es sich für einen Vorgesetzten ge­hört, und jeder hatte ihm sein Apostolat zu beschreiben. „Als ich an der Reihe war, erklärte ich ihm: ‚Es sind nun 25 Jahre, dass ich in Brasilien arbeite. Dom Hélder sandte mich zur Evangelisation in eine ländliche Region mit großem Elend. Oft leiden die Menschen unter Trockenperioden, und die Männer gehen dann weit weg, um für ihre Familien Arbeit zu finden. Unter dieser aller­ärmsten Bevölkerung verkünde ich das Evangelium, spende die Sakramente, unterrichte den Katechismus und alphabetisiere die Unwissenden.‘ Da haut der neue Bischof auf den Tisch und erklärt: ‚Aber Padre, das ist nicht Evangelisation, das ist Politik! Alphabetisierung ist Politik.‘“
Fortsetzung folgt

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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